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Veröffentlicht: 01.01.2013, 16:24 Uhr

Antisemitismus-Vorwurf Eine offene Gesellschaft

Das Simon-Wiesenthal-Center hat Jakob Augstein als schlimmen Antisemiten deklariert: Das ist unsinnig und die Begründung lächerlich.

© dapd Jakob Augstein, hier auf einer Aufnahme vom Sommer 2012 in Berlin.

Die Nominierung von Jakob Augstein auf Platz neun der Liste der zehn schlimmsten Antisemiten ist ein schwerer intellektueller und strategischer Fehler des Simon Wiesenthal Centers (SWC). So wird nicht nur ein kritischer Journalist in unangemessene Gesellschaft gestellt, all jenen, die zu recht auf ihr stehen - den neun anderen Personen und Gruppen also, wird es leicht gemacht, sich mit dem Verwies auf solche Beliebigkeit zu exkulpieren.

Um den Fehler zu erkennen, genügt das Studium der Liste selbst. Angeführt wird sie von den ägyptischen Moslembrüdern, die seit ihrer Gründung in den dreißiger Jahren den Antisemitismus hegen und pflegen. Es gibt sehr viele Belege dafür, das SWC zitiert beispielsweise Mohammed Badie: „Die Juden haben das Land unterworfen, das Verderben auf Erden verbreitet, das Blut der Gläubigen vergossen und heilige Stätten entweiht.“ Und wenn ein bekannter Prediger fordert „Oh Allah zerstöre die Juden und ihre Unterstützer“, dann ruft Präsident Mursi anschließend Amen - das zeigt ein Video des Gottesdiensts. Da gibt es kein Vertun, das ist Antisemitismus wie wir ihn in Europa nur zu gut kennen: Die Juden werden als Gruppe angesprochen, mit dämonischen oder ominösen Eigenschaften ausgestattet und verwünscht. Ein klarer Fall, gegen den Protest und politische Maßnahmen nötig sind.

Neben Ahmadineschad

Ein ebenso klarer Fall ist der zweite Platz, die iranische Regierung und ihr Präsident Ahmadineschad: Leugnung des Holocaust, Verwünschungen der Juden insgesamt und jedes einzelnen besonders, dazu das mehrfache Versprechen, Israel vernichten zu wollen, das ist die virulenteste und Besorgnis erregendste Form des Antisemitismus. Dann folgen diverse europäische Neonazis, rechte Hooligans und so weiter.

Jakob Augstein hat in dieser Reihe nichts verloren: In seinen Texten geht es nicht um die Juden und nicht um den Juden. Er propagiert keine Gewalt, zieht keine Traditionslinien und operiert nicht mit Vorurteilen. Was er kritisiert, ist nicht das Symptom eines in der Existenz der Juden oder Israels wurzelnden Übels, sondern das Resultat politischer Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung. Ein Vergleich seiner Zitate auf der Homepage des SWC mit denen der anderen aufgeführten Personen macht diesen entscheidenden Unterschied sofort deutlich.

Und als Experte: Henryk M. Broder

Augstein kritisiert die Regierung von Benjamin Netanjahu, die nukleare Bewaffnung Israels, er prangert die Rolle der jüdischen Interessenverbände in den Vereinigten Staaten an, und findet, dass Israel in Gaza seine künftigen Feinde ausbrütet. Man muss diese Kritik und die Analyse, die ihr voraus geht, im einzelnen nicht teilen, aber sie hat nichts mit Antisemitismus zu tun, denn sie benennt präzise, welche Politiker und welcher Kurs kritisiert werden. Auch seine Erwähnung einer gewaltbereiten israelischen Minderheit entstammt keinem vagen Ressentiment, sondern entspricht der Wahrheit. Es war ja kein Palästinenser, der Rabin ermordet hat.

Zum echten Heuler wird diese Plazierung durch ihre Begründung. Sie stammt ausgerechnet von Henryk M. Broder, den das Center als respektierten Kolumnisten und Experten in dieser Frage vorstellt. Nicht erwähnt wird die lange öffentliche Fehde zwischen den beiden. Broder ist in der Tat respektiert - als begnadeter Polemiker. Deutsche Debatten sind oft verklemmt und von allgemeiner Zurückhaltung geprägt, Broder ändert das zuverlässig: Er ist der Bud Spencer unter den deutschen Kommentatoren. Wenn er hinlangt, liegen anschließend alle auf dem Parkett und sehen Sternchen. Ihn aber als weisen Experten zu benennen führt in die Irre, es ist als riefe man, um das Porträt eines Mannes zu schreiben, nur bei dessen Exfrau an.

Israel gehört nicht den Rechten

Broder wird mit dem Satz zitiert, Augstein hätte eine Karriere bei der Gestapo machen können, wäre er nicht zu spät geboren worden. Nach so einem Satz sitzt jeder in der Falle. Was soll man entgegnen? Ja, ganz genau? Das wäre ein Skandal. Oder: Nein, ich wäre sicher ein Held der Weißen Rose gewesen? Das wäre lächerlich. So eine hypothetische Aussage lässt weder Verifikation noch Falsifikation zu, darum ist sie, bei aller polemischen Effektivität, ohne jede Aussagekraft.

Es gibt genug Antisemiten, man muss den Kreis nicht in diffamierender Absicht erweitern. Der Glanz Israel ist es, in einer despotischen und chaotischen Region als Demokratie zu bestehen, in der es möglich ist, die umfassende Weisheit beispielsweise der Siedlungspolitik zu bezweifeln. Israel ist eine moralische Republik und offene Gesellschaft, in der es erlaubt ist, wie es unlängst der Tel Aviver Autor und Rechtsanwalt Yishai Sarid in dieser Zeitung getan hat, selbst immer auch an das Leid der gegnerischen Seite zu erinnern. Es kann doch nicht nur der ein Freund Israels und Nicht-Antisemit genannt werden, der zuverlässig den Kurs einer bestimmten politischen Partei vertritt. Israel gehört nicht den Rechten.

Quelle: F.A.Z.

 

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