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Antisemitismus : Die Wahrheit eines furchtbaren Buches

  • -Aktualisiert am

Mit seinem Buch über die ostpolnische Kleinstadt Jedwabne hat Jan Tomasz Gross Polen verstört. Jetzt legt er nach Bild: dpa

Der Historiker Jan T. Gross behauptet, Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs in großem Stil Juden erpresst, bestohlen und getötet. Was bedeutet das für die Enkelgeneration und ihr Geschichtsbild?

          Immer dann, wenn mein neunzigjähriger Großvater auf seine Jugend zu sprechen kommt, erzählt er mir eine Pointe aus dem Krieg. So will er mir die Ironie unserer Familiengeschichte vor Augen führen - mir, seinem siebenundzwanzigjährigen Enkel, der jetzt im Westen lebt, nachdem sein Sohn, also mein Vater, die polnische Heimat verlassen hat, um in Deutschland ein besseres Leben zu beginnen. Mein Großvater holt dann alte Landkarten hervor, seufzt und erzählt mir voller Stolz, wie er 1945 als Soldat mit der polnischen Armee die Stadtgrenze von Berlin überquerte, zum Pariser Platz marschierte und - so berichtet er es jedenfalls - im Siegestaumel aufs Brandenburger Tor kletterte, um dort die polnische Flagge zu schwenken.

          „Du musst verstehen“, sagt er dann, „was damals passiert ist.“ Damit ich begreife, warum sich heute sein Magen zusammenzieht, wenn die Deutschen mit den Russen ein Gas-Abkommen unterzeichnen, warum er so wütend wird, wenn die CDU-Abgeordnete und Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach sagt, Polen habe 1939 mit der Mobilisierung der Streitkräfte begonnen. Und warum es ihn mit Zorn erfüllt, wenn der polnisch-jüdische Historiker Jan Tomasz Gross nun im Fernsehen behauptet, dass die Polen während der NS-Zeit eigentlich viel brutaler als die Deutschen gewesen seien.

          Es geht um Plünderungen, Grabschändungen und den Handel mit goldenen Zähnen

          Dieser Vorwurf spaltet gerade die polnische Öffentlichkeit. Das Land streitet über ein Buch, das Gross gemeinsam mit seiner Frau Irena verfasst hat. In dem Essay, der den Titel „Goldene Ernte“ trägt und am 10. März auf Polnisch erschienen ist, vertreten die beiden Historiker die These, dass sich die meisten Polen aufgrund eines gesellschaftlich tiefverwurzelten Antisemitismus und entgegen ihrem historischen Selbstverständnis während der NS-Zeit verbrecherisch verhalten, an Judenmorden beteiligt und sich am Leid ihrer Nachbarn bereichert hätten; vor allem in ländlichen Gebieten, in denen es kein Bildungsbürgertum gab, in der Nähe von Konzentrationslagern wie Treblinka.

          Jan Tomasz Gross behauptet, dass das Foto polnische Männer und Frauen dabei zeigt, wie sie im KZ Treblinka zwischen jüdischen Leichenbergen nach Gold graben. Indes bezweifeln polnische Historiker Inhalt und Herkunft des Dokuments

          Es geht um Plünderungen, Grabschändungen, um den Handel mit goldenen Zähnen, die aus den Kiefern der Toten herausgebrochen wurden, um Erpressungen und Enteignungen von jüdischem Besitz - Details einer „goldenen Ernte“, an der sich ein Teil der polnischen Bevölkerung berauschte.

          Die Lektüre des Essays fällt mir schwer, da unter uns Polen lange Zeit der Konsens herrschte, dass wir ein Volk von heldenhaften Opfern seien. Kaum hatten wir nach dem Ersten Weltkrieg eine Demokratie errichtet, wurden wir von den Deutschen überfallen. Kaum siegten wir über die Deutschen, wurden wir von den Sowjets überrannt. Kaum warfen wir die Sowjets aus dem Land, erreichte uns die Nachricht, dass wir jetzt, als freies Land mit Redefreiheit, endlich die Teilschuld am Holocaust eingestehen könnten. Man wollte uns den Mythos rauben, dass unsere Trias „Gott, Ehre, Vaterland“ immerzu unbefleckt geblieben sei.

          Flächendeckender Antisemitismus?

          Doch um die Frage nach der polnischen Schuld gewissenhaft zu beantworten, müssen wir Polen, so zynisch es auch klingen mag, makabre Rechnungen aufstellen: Wie viele haben mit den Nationalsozialisten kollaboriert? Wie viele haben jüdischen Besitz gestohlen, Juden vergewaltigt und getötet? Dass es während des Krieges zu Diebstählen kam, zu Grabschändungen und Judenmorden, wie etwa in dem Dorf Jedwabne, ist nicht zu bestreiten. Die Frage ist nur: Waren es Verbrechen Einzelner, oder muss sich die Gesellschaft, in Gestalt der Söhne und Enkel der Kriegsgeneration, mit einer Teilschuld, mit einem flächendeckenden polnischen Antisemitismus auseinandersetzen?

          Ich las das Gross-Buch mit Schaudern, da die essayistische, unwissenschaftliche und emotionale Sprache dem schwierigen Thema nicht gerecht werden kann. Als ich Jan T. Gross, der in Princeton Geschichte lehrt, kontaktierte, um meine Bedenken zu äußern, blieb er stur: „So schreiben wir nun einmal in Amerika. Wir zählen nicht nur Fakten auf, wir interpretieren.“

          Opferrolle und Schuldverstrickung

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