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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Antisemitismus Die Wahrheit eines furchtbaren Buches

 ·  Der Historiker Jan T. Gross behauptet, Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs in großem Stil Juden erpresst, bestohlen und getötet. Was bedeutet das für die Enkelgeneration und ihr Geschichtsbild?

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Immer dann, wenn mein neunzigjähriger Großvater auf seine Jugend zu sprechen kommt, erzählt er mir eine Pointe aus dem Krieg. So will er mir die Ironie unserer Familiengeschichte vor Augen führen - mir, seinem siebenundzwanzigjährigen Enkel, der jetzt im Westen lebt, nachdem sein Sohn, also mein Vater, die polnische Heimat verlassen hat, um in Deutschland ein besseres Leben zu beginnen. Mein Großvater holt dann alte Landkarten hervor, seufzt und erzählt mir voller Stolz, wie er 1945 als Soldat mit der polnischen Armee die Stadtgrenze von Berlin überquerte, zum Pariser Platz marschierte und - so berichtet er es jedenfalls - im Siegestaumel aufs Brandenburger Tor kletterte, um dort die polnische Flagge zu schwenken.

„Du musst verstehen“, sagt er dann, „was damals passiert ist.“ Damit ich begreife, warum sich heute sein Magen zusammenzieht, wenn die Deutschen mit den Russen ein Gas-Abkommen unterzeichnen, warum er so wütend wird, wenn die CDU-Abgeordnete und Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach sagt, Polen habe 1939 mit der Mobilisierung der Streitkräfte begonnen. Und warum es ihn mit Zorn erfüllt, wenn der polnisch-jüdische Historiker Jan Tomasz Gross nun im Fernsehen behauptet, dass die Polen während der NS-Zeit eigentlich viel brutaler als die Deutschen gewesen seien.

Es geht um Plünderungen, Grabschändungen und den Handel mit goldenen Zähnen

Dieser Vorwurf spaltet gerade die polnische Öffentlichkeit. Das Land streitet über ein Buch, das Gross gemeinsam mit seiner Frau Irena verfasst hat. In dem Essay, der den Titel „Goldene Ernte“ trägt und am 10. März auf Polnisch erschienen ist, vertreten die beiden Historiker die These, dass sich die meisten Polen aufgrund eines gesellschaftlich tiefverwurzelten Antisemitismus und entgegen ihrem historischen Selbstverständnis während der NS-Zeit verbrecherisch verhalten, an Judenmorden beteiligt und sich am Leid ihrer Nachbarn bereichert hätten; vor allem in ländlichen Gebieten, in denen es kein Bildungsbürgertum gab, in der Nähe von Konzentrationslagern wie Treblinka.

Es geht um Plünderungen, Grabschändungen, um den Handel mit goldenen Zähnen, die aus den Kiefern der Toten herausgebrochen wurden, um Erpressungen und Enteignungen von jüdischem Besitz - Details einer „goldenen Ernte“, an der sich ein Teil der polnischen Bevölkerung berauschte.

Die Lektüre des Essays fällt mir schwer, da unter uns Polen lange Zeit der Konsens herrschte, dass wir ein Volk von heldenhaften Opfern seien. Kaum hatten wir nach dem Ersten Weltkrieg eine Demokratie errichtet, wurden wir von den Deutschen überfallen. Kaum siegten wir über die Deutschen, wurden wir von den Sowjets überrannt. Kaum warfen wir die Sowjets aus dem Land, erreichte uns die Nachricht, dass wir jetzt, als freies Land mit Redefreiheit, endlich die Teilschuld am Holocaust eingestehen könnten. Man wollte uns den Mythos rauben, dass unsere Trias „Gott, Ehre, Vaterland“ immerzu unbefleckt geblieben sei.

Flächendeckender Antisemitismus?

Doch um die Frage nach der polnischen Schuld gewissenhaft zu beantworten, müssen wir Polen, so zynisch es auch klingen mag, makabre Rechnungen aufstellen: Wie viele haben mit den Nationalsozialisten kollaboriert? Wie viele haben jüdischen Besitz gestohlen, Juden vergewaltigt und getötet? Dass es während des Krieges zu Diebstählen kam, zu Grabschändungen und Judenmorden, wie etwa in dem Dorf Jedwabne, ist nicht zu bestreiten. Die Frage ist nur: Waren es Verbrechen Einzelner, oder muss sich die Gesellschaft, in Gestalt der Söhne und Enkel der Kriegsgeneration, mit einer Teilschuld, mit einem flächendeckenden polnischen Antisemitismus auseinandersetzen?

Ich las das Gross-Buch mit Schaudern, da die essayistische, unwissenschaftliche und emotionale Sprache dem schwierigen Thema nicht gerecht werden kann. Als ich Jan T. Gross, der in Princeton Geschichte lehrt, kontaktierte, um meine Bedenken zu äußern, blieb er stur: „So schreiben wir nun einmal in Amerika. Wir zählen nicht nur Fakten auf, wir interpretieren.“

Opferrolle und Schuldverstrickung

Doch auch wenn ich den Text aus wissenschaftlichen Gründen ablehne, auch wenn ich weiß, dass Historiker nicht genau sagen können, wie viele Polen sich an Plünderungen und Morden beteiligt haben: Der Text hat unzweifelhaft eine Büchse der Pandora geöffnet, mit deren Inhalt wir uns beschäftigen müssen. Plötzlich tauchen auch bei mir Erinnerungen auf, Erinnerungen an antizionistische Schmierereien auf Warschauer Häuserwänden. Ich erinnere mich an antisemitische Reden des polnischen Priesters Tadeusz Rydzyk, der heute den erfolgreichen, erzkonservativen Sender „Radio Maryja“ in Torun betreibt. Und als Lech Kaczynskis Präsidentenmaschine abstürzte, gab es Leute, die sagten, dass das Unglück nicht passiert wäre, hätte sich der polnische Präsident israelfreundlicher gezeigt. Ist das kein Antisemitismus?

Der Zusammenhang von polnischer Opferrolle und Schuldverstrickung wurde mir wieder bewusst, als ich in dem Gross-Essay über eine Fußnote stolperte, in der ein Bericht aus der linksliberalen Wochenzeitschrift „Polityka“ zitiert wird. Der besprochene Text berichtet über die Situation der Polen, die zu den mutigen, von Gross aber größtenteils unbeachteten Menschen gehören, die während der Besatzungszeit verfolgte Juden in ihren Häusern versteckt hielten. Jene Polen wurden nach dem Krieg mit der Ehrung „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet und von Israel in Yad Vashem gewürdigt. Insgesamt 6195 polnische Frauen und Männer tragen bis heute diesen Titel, der ihnen eine lebenslange finanzielle Unterstützung garantiert.

Unheimliche Tendenz

Das Problem ist nur, und das erfuhr ich erst durch die Lektüre des Textes, dass viele dieser Polen heute nicht mehr über ihre Taten reden wollen. Sie wollen nicht darüber sprechen, weil sie Angst vor Verleumdungen haben. Als in Deutschland aufgewachsener Pole, mit einem Großvater, der für die Untergrundorganisation AK gegen die Nationalsozialisten kämpfte, konnte ich nicht glauben, dass sich jene mutigen Frauen und Männer jetzt, im Jahr 2011, dafür schämen müssen, in einem der schlimmsten Kapitel der Geschichte menschliche Würde und Anstand bewiesen zu haben.

Ich rief eine Mitarbeiterin des Warschauer Museums der Geschichte der polnischen Juden an und fragte, ob es denn stimme, was in dem Buch dargestellt wird: Joanna Król, eine fünfundzwanzig Jahre alte Promotionsstudentin, die gegenwärtig durch ganz Polen reist und versucht, mit den noch lebenden „Gerechten“ Interviews zu führen, bestätigte die unheimliche Tendenz. „Ja, viele wollen über das, was sie getan haben, nicht mehr sprechen. Es sind vor allem Menschen, die in polnischen Dörfern und auf dem Land leben. Sie fürchten um ihre Reputation und dass sie Schwierigkeiten mit ihren Nachbarn bekommen könnten.“

„Den meisten Polen war das Schicksal der Juden egal“

Als ich Frau Król frage, wie sie vor diesem Hintergrund das Buch von Gross bewerte, warnt sie vor Verallgemeinerungen: „Ich denke, den meisten Polen war das Schicksal der Juden egal. Dann gab es eine Minderheit, die half, und eine andere, die Ressentiments schürte.“ Man dürfe aber auch nicht vergessen, in welcher Gefahr sich die meisten Polen befunden hätten. Doch auch wenn die Bedenken groß seien: Es führe kein Weg daran vorbei, offen über den polnischen Antisemitismus zu sprechen, über die lang währende Ignoranz gegenüber dem Schicksal der ermordeten Juden.

Die Autoren polemisieren. Sie erwähnen jene Polen, die sich schuldig gemacht haben; alle anderen erwähnen sie jedoch nicht. Trotzdem kristallisiert sich eine Wahrheit, ein individuelles Leid heraus, über das wir sprechen müssen. Es ist an der Zeit, nicht nur den Mut unserer Großeltern hervorzuheben, auf den wir stolz sein dürfen. Es ist auch an der Zeit, unsere historischen Versäumnisse zu gestehen, damit wir ehrlich und gerecht die polnisch-jüdische Beziehung auf freundschaftlicher Basis neu entwickeln können - als säkularisierte Polen und als gläubige Katholiken. Damit wir irgendwann eine adäquate Antwort auf Georg Büchners Frage finden: „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“

Hören wir nicht auf zu fragen und uns mit den Abgründen unserer Geschichte zu beschäftigen. Das sind wir nicht nur den ermordeten Juden, sondern auch all jenen Polen schuldig, die für ihre jüdischen Freunde und Nachbarn ihr Leben riskierten.

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