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Veröffentlicht: 04.11.2012, 17:00 Uhr

Ansichten eines Provinzchinesen Was ist Glück?

Gibt es Glück in China? Für viele Menschen ist das eine schwierige Frage. Ein Wanderarbeiter gab jetzt im staatlichen Fernsehen eine überraschende Antwort.

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Von Zeit zu Zeit gibt es im chinesischen Fernsehen Momente der Wahrheit, in denen zuvor unklar gefühlte soziale Verschiebungen so blitzartig Kontur bekommen, dass sie nicht vergessen werden. Vor Jahren war das die Maxime, mit der sich eine Kandidatin in einer Heiratsshow vorstellte: „Lieber in einem Mercedes weinen als auf einem Fahrrad lachen.“

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Die zynische Härte dieses die aktuelle Werthierarchie exakt abbildenden Satzes war zu viel für die Zensoren, die der Sendung fortan erprobtere Kandidaten und die Mitwirkung einer Gouvernante aus der Familienbürokratie verordneten. Aber aus der öffentlichen Erinnerung war der Satz nicht mehr wegzubekommen.

Sein Nachname ist Zeng

Jetzt gab es wieder so einen Augenblick: Ein Kamerateam des zentralen chinesischen Fernsehens CCTV hatte in der Provinzhauptstadt Taiyuan einen älteren Wanderarbeiter mit der Frage konfrontiert: „Sind Sie glücklich?“ Der Mann guckte verwirrt und sagte zuerst: „Fragt mich nicht, ich bin bloß ein Wanderarbeiter“, bevor er den hartnäckig bleibenden Interviewern dann doch antwortete: „Mein Nachname ist Zeng“.

Das Missverständnis erklärt sich durch eine Lautgleichheit: „Sind Sie glücklich?“, hört sich im Chinesischen genauso an wie: „Ist Ihr Nachname Fu?“ - Ni xing fu ma? Solche Homonyme, die in der chinesischen Sprache häufig vorkommen, klären sich meistens durch den Zusammenhang. Dass dies hier jedoch nicht der Fall war, macht die Szene symbolisch: Der Wanderarbeiter war offenbar außerstande, die Frage nach dem Glück zu verstehen.

Wie ein Soldat beim Appell

Eine kommunikative Konstellation, in der das staatliche Fernsehen aus der Hauptstadt ihn, einen Außenseiter sogar in diesem Provinzort, danach fragt, ob er „glücklich“ sei, kam ihm so undenkbar vor, dass er spontan mit seinem Namen antwortete, wie ein Soldat ihn einem Offizier beim Appell nennen mag. Das Glück ist keine Kategorie, mit der sich Menschen, die in China um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen, zu befassen pflegten, und erst recht keine, über die offizielle Instanzen von ihnen Rechenschaft forderten.

Wenigstens letzteres wollen die Strategen der Kommunistischen Partei ändern; sie wollen das Glück des Volkes als eine politische Norm einführen, als Korrektiv zu einer bloß ökonomischen Wachstumsplanung. Deshalb hat das Staatsfernsehen „in freudiger Erwartung des achtzehnten Parteitags“ auch seine Serie gestartet, in der es mehr als dreitausend Chinesen aller Schichten fragt, ob sie glücklich sind.

Aber wie soll ein Wanderarbeiter aus Taiyuan wissen, was sich die oben wieder für ihn ausgedacht haben? Die Frage nach dem Glück entlarvte sich als Propaganda, und es spricht für das chinesische Publikum, dass es diesen Moment der Sprachlosigkeit für bedeutsam hält.

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