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Anschläge in Bombay : Die Stadt, die ich liebe, hat sich selbst verraten

  • -Aktualisiert am

Bombay ist bunt, tolerant und offen - nicht alle finden Gefallen daran Bild: AP

Der Terror von Bombay sollte den indischen Traum zerstören. Für die F.A.Z. geht der diesjährige Booker-Preisträger Aravind Adiga der Frage nach, wie die Metropole von einer Handvoll Fanatiker als Geisel genommen werden konnte.

          Ich bin vor zwei Jahren nach Bombay umgezogen, noch während der Arbeit an meinem Roman „Der weiße Tiger“. Das nächste Projekt war schon geplant, ein Roman, der in Bombay spielen würde, der faszinierendsten Stadt Indiens. Ich wollte mit den berühmten Künstlern und Schriftstellern und Intellektuellen der Stadt zusammenkommen, in den berühmten Cafés sitzen. Außerdem lockten mich das Meer und der lange Palmenstrand, all die Dinge, die ich in Delhi so vermisste.

          Doch es gab noch einen weiteren Grund, einen lächerlichen Grund, den zu erwähnen mir meistens viel zu peinlich ist. Ich wollte die Bekanntschaft der berühmten Models und Filmstars in Bombay machen. Als ewiger Außenseiter hatte ich immer Schwierigkeiten, Frauen kennenzulernen. In Bombay, dachte ich, wäre es vielleicht einfacher. Schon damals wusste ich, wie absurd und kindisch das war, aber es wäre gelogen, wenn ich abstritte, dass ich auch deswegen nach Bombay gehen wollte – und jetzt ist nicht die Zeit für Lügen über Bombay. Denn genau deswegen kommen Leute wie ich hierher, angetrieben von Ehrgeiz, Idealismus und Dummheit. Es ist genau diese Mischung aus den besten und schlimmsten Eigenschaften, die Bombay groß gemacht hat.

          Esoterische Glaubensgemeinschaften

          Warum lieben Inder diese Stadt? Bombay ist Indiens Finanzmetropole, Zentrum der Unterhaltungsindustrie und glanzvollste Stadt der Nation. Doch so, wie es heißt: „New York ist nicht Amerika“, so sagen die Inder: „Bombay ist nicht Indien.“ Vielleicht ist das ja der wahre Grund, weshalb wir Bombay so sehr lieben.

          Inder trauern über die getöteten Polizisten

          Die ethnische Vielfalt in Bombay ist selbst für indische Verhältnisse atemberaubend. Da sind die Marathi sprechenden Hindus, die einen Großteil der unteren Mittelschicht bilden und sich für die wahren Bombayer halten. Ihnen stehen die Gujarati sprechenden Geschäftsleute gegenüber, die den Handel beherrschen. Daneben gibt es große Gruppen von Hindus, die aus Südindien (wie ich) und anderen Landesteilen stammen. Die Reichen sind oft zoroastrische Parsen, die vor Jahrhunderten aus Iran eingewandert sind mit ihrer Sprache und ihren Feuertempeln.

          Die Katholiken besuchen ihre Kirchen im Stadtteil Bandra. Eine eindrucksvolle Synagoge erinnert an die einstmals große sephardische Gemeinschaft (viele Juden sind nach Israel ausgewandert, aber es gibt noch immer eine kleine jüdische Gemeinde). Zur großen muslimischen Bevölkerung gehören neben Sunniten und Schiiten, wie man sie in ganz Indien findet, auch esoterische Glaubensgemeinschaften wie Ismailiten und Bohras.

          Glauben an den Traum Bombay

          Noch überraschender ist, dass sie und viele andere miteinander auskommen und Bombay zur am besten funktionierenden Stadt Indiens gemacht haben. Ich schreibe diese Zeilen zu Hause an meinem Computer und weiß, dass ich rechtzeitig fertig sein werde, weil es rund um die Uhr Strom gibt. Davon kann andernorts nicht die Rede sein. Obwohl in Bombay mehr reiche Leute wohnen als anderswo in Indien, haben es die Armen hier nicht so schlecht, wie man beim Anblick der berüchtigten Elendsviertel vielleicht denken mag.

          Seit ich in Bombay lebe, nehme ich ein gewisses Gleichheitsdenken wahr, das für indische Verhältnisse recht ungewöhnlich ist. „Ein Reicher in Delhi würde seinen Chauffeur nie als gleichberechtigt behandeln. Hier in Bombay machen wir das anders“, sagt ein Freund. Das ist tatsächlich keine leere Behauptung. Hausangestellte werden besser bezahlt und auch besser behandelt als in anderen Landesteilen. Wenn es Arme noch immer in die überfüllten Slums von Bombay zieht, dann deswegen, weil sie hier trotz allem besser leben als in ihren Dörfern. Sie glauben noch immer an den Traum Bombay.

          Ressourcen an Reichtum, Intelligenz und Charakter

          Und außerdem ist Bombay die schönste Stadt Indiens, vielleicht der ganzen Welt. „Schön?“, wird der Fremde angesichts des ganzen Drecks und Mülls und der offenen Kloaken fragen. Bombay, obschon Finanzmetropole, liegt malerisch am Meer, wie Nizza oder andere Städte an der Côte d’Azur. Börsenmakler sind in fünf Minuten an der Strandpromenade und beobachten den Sonnenuntergang. Doch das eigentlich Schöne an Bombay sind seine Menschen. Bewohner anderer Finanzzentren, wie New York, gelten als ruppig – aber die Bombayer sind bekannt für ihre Hilfsbereitschaft. Zwar gibt es eine Mafia, und die Polizei ist korrupt und unfähig, aber es gibt Regeln, und die Menschen leben in Sicherheit. Frauen können sich hier geschützter fühlen als in Delhi. Wer hier um Hilfe ruft, wird feststellen, dass sofort wildfremde Leute herbeigeeilt kommen. Deswegen hört man im indischen Film so oft die Wendung „Mumbai, meri jaan“ – Bombay, mein Schatz.

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