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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Anouk Aimée zum Achtzigsten Die Augen, der Mund

 ·  In der Rolle der melancholischen, rätselhaften Schönheit hat sie den europäischen Film geprägt. Fellini, dem sie den Durchbruch verdankte, war ihr erlegen. Ob Madonna, Mutter, Römerin: Anouk Aimée ist eine Ikone des Kinos.

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“Ich bin’s“, singt sie, „C’est moi. C’est Lola. Ich bin die, die sagt: Die Liebe ist schön. Die hinter eurem Rücken lacht, ganz versunken in ihre Gedanken, ihre Hoffnungen. Die ihre Arme nur für den öffnet, den sie unter tausend, hundert oder dreien wiedererkennt, zu dem sie sagt: Du, du, du. Das bin ich, Lola.“

Das ist in Jacques Demys „Lola“, und sie trägt dazu ein Spitzenbustier mit plissiertem Seidenbesatz, schwarze Seidenstrümpfe, eine schwarze Federboa und einen Zylinder, und sie wiegt ihre Hüften und schwingt ihre Schultern, als wollte sie die große Liebe, von der sie singt, mit ihrem Körper beschwören wie ein Schlangenbeschwörer die Schlange. Bei Marilyn Monroe, Jane Russell, ja selbst bei Liza Minelli waren solche Szenen eine Schule des Verlangens, ein Vorspiel zum Sex, aber bei Anouk Aimée ist alles Erotische in Sehnsucht verwandelt, in Trauer, in Verletzlichkeit, die Kamera gleitet an ihrem Kostüm ab und saugt sich fest an ihrem Gesicht, den dunklen Augen, den hohen Wangen, dem großen Mund. Wie sie das macht? Man begreift es nicht. Aber man sieht es.

Erlösung vom Stereotyp der Schmerzensfrau

“Lola“ von 1961 war der erste ihrer Filme, der nur für sie, allein um ihretwillen gedreht wurde; der zweite, fünf Jahre später, war Claude Lelouchs „Ein Mann und eine Frau“, der ihr die Pforten Hollywoods öffnete. Später hat Lelouch Michael Althen erzählt, wie sie am Vorabend der Dreharbeiten einschlief, als er ihr die Geschichte erzählte, und wie sie sich weigerte, eine wichtige Szene auf einem Boot zu drehen, bis sie mitten in der Nacht ihre Meinung änderte. Das passt zu diesem Film, der von einer späten Liebe handelt, die immer wieder am Rand des Erlöschens balanciert, und der in Wahrheit nicht halb so gut ist wie seine Schauspieler. Am Ende weiß man kaum, was man da eigentlich gesehen hat, aber man hat zwei Kinostunden mit Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant verbracht, die man um keinen Preis der Welt missen will.

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Der Durchbruch: Anouk Aimée als rätselhafte Schöne in Fellinis „La Dolce Vita“ (1959) © CINETEXT Der Durchbruch: Anouk Aimée als rätselhafte Schöne in Fellinis „La Dolce Vita“ (1959)

Es gab auch eine andere, frühe Anouk Aimée vor diesen beiden Filmen, eine Schauspielerin, die in Filmen wie „Montparnasse 19“ und „Ich suche dich“ zur Schmerzensmadonna aufgebaut wurde, bevor Fellini sie von diesem Stereotyp erlöste. Er setzte sie ans Steuer eines Sportwagens (in „Das süße Leben“), verpasste ihr eine große Brille und einen Kurzhaarschnitt (in „Achteinhalb“), und schon sah sie wie eine sehr mondäne, brillante und leicht dekadente Römerin aus, zu der Fellinis Alter Ego Guido Anselmi nur hilflos aufblicken konnte.

Und es gibt eine reife, aus Amerika (wo sie mit Sidney Lumet „The Appointment“ drehte) zurückgekehrte Anouk Aimée, die für Marco Bellocchio (“Der Sprung ins Leere“) und Bernardo Bertolucci (“Tragödie eines lächerlichen Mannes“) kluge, überlegene Frauen und in dem französischen Film „Birkenau und Rosenfeld“ eine Überlebende von Auschwitz verkörpert hat. Eigentlich heißt Anouk Aimée übrigens  Françoise Sorya Dreyfus und stammt aus einer jüdischen Schauspielerfamilie.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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