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Veröffentlicht: 21.08.2012, 09:15 Uhr

Anonymität im Netz Keine Angst vor der Freiheit

Für Nichtanonymität im Netz spricht nur eine gefühlte Sicherheit. Die Argumente gegen Klarnamen sind weitaus gewichtiger. Ein Plädoyer für Anarchie und Anonymität im Netz

von Peter Leppelt
© Getty Images Anonyme Ecken für Kreativität: Lan-Party in Schweden

Das Internet ist das unanonymste Medium der Menschheit. Jede kleinste Aktion wird, technisch bedingt, irgendwo mitgespeichert, jeder Nutzer wird gleich von mehreren Stellen im Netzwerk erkannt, jeder Aufenthaltsort ist nachvollziehbar. Dennoch kommen seitens der Politik immer wieder Forderungen auf, den „rechtsfreien Raum Internet“ noch stärker zu überwachen und Anonymität unmöglich zu machen - obwohl man längst nur noch gegenüber dem Durchschnittsnutzer anonym ist, nicht aber gegenüber dem Staat oder dem Internetprovider.

Die derzeit populäre Forderung, Dienste im Netz nur noch mit seinem echten und bestätigten Namen nutzen zu dürfen, ist die Forderung nach Aufhebung der Anonymität gegenüber allen Netzteilnehmern. Ich habe noch nie von einem Politiker gehört, der gefordert hätte, dass jeder ständig seinen vollständigen Lebenslauf dabei haben, diesen permanent sekundengenau ergänzen und ihn jedem, der ihm über den Weg läuft, zeigen müssen soll. Nichts anderes ist die Forderung nach Klarnamenzwang im Netz. Für Überwachung und Nichtanonymität spricht ein einziges Argument: gefühlte Sicherheit, die tatsächlich nicht damit zu erreichen ist. Die sehr viel zahlreicheren Argumente gegen Überwachung sind weitaus gewichtiger. Doch es ist schwierig, sie im politischen Alltagsgeschäft zu verwenden.

Anonymität als Grundlage der Kreativität

Ich erwähnte ja schon, dass das Netz bereits sehr unanonym ist, wenn man nicht über einen hohen Grad an technischen Fertigkeiten verfügt und diese auch einsetzt. Was die Polizei wirklich braucht, ist mehr Ausbildung, um die Nichtanonymität erkennen und in sinnvollen Fällen nutzen zu können. Nun ist Ausbildung teuer, und die von diversen Lobbygruppen versprochene Verbrechensbekämpfung auf Knopfdruck erscheint ja auch viel praktischer - funktioniert aber nicht. Denn die wirklich bösen Buben haben den benötigten hohen Grad an technischen Fertigkeiten. Und sie setzen sie ein. Anderenfalls wären sie nicht gefährlich. Die Einzigen, die damit überwacht werden, sind Durchschnittsbürger, die nichts zu verbergen haben.

Aber warum ist Anonymität so wichtig? Weil sie die Grundlage jeder Kreativität ist. Nehmen wir das Beispiel der Internet-Meme. Ein Mem ist ein Gedanke, eine Idee, die sich zwischen den Menschen fortpflanzt und sich dabei innerhalb ihrer selbst verändert und dabei unter Umständen zu etwas völlig Neuem wird. Im Netz entstehen Meme weitaus schneller als in der analogen Welt, verbreiten sich schneller und vergehen auch schneller - bis auf wenige Ausnahmen. Wenn man das Netz beobachtet, stellt man fest, dass wirklich neue Meme nahezu immer in den meist ominösen, immer aber anonymen Ecken des Netzes ihren Ursprung haben. Bei Facebook, Google+, populären Blogs und Twitter werden diese Grundideen meist nur weitergetragen, nicht jedoch erdacht. Ideen kommen von Plattformen wie 2channel oder 4chan. Die spannendsten Winkel dort zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die Nutzer keine eigenen Accounts haben. Man kann sich nicht anmelden, alle Nutzer heißen gleich: „Anonymous“ - daraus entstand auch der Name des berühmten Hackerkollektivs. In diversen Foren herrscht schlicht Anarchie. Und von dort kommt praktisch alles Neue im Netz.

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Ich behaupte, dass es solche Ecken in jeder Gesellschaft geben muss, damit diese sich weiterentwickeln kann. Stellen, an denen völlig frei von jeder Konvention gedacht werden darf, an denen totale Heterogenität herrscht. Denn von dort kommt Kreativität, Kultur, Entwicklung, auch wenn solche Foren ganz sicher die Toilettenwände des Netzes sind. Das Internet ist eine spannende Möglichkeit, geistige Anarchie und Anonymität zuzulassen, deren brodelnde Kreativität zu nutzen und dennoch ein behütetes Leben zu führen. Wir sollten das nutzen und schätzen und uns diesen womöglich größten kulturellen Sprung der Menschheit nicht aus Angst vor Neuem versagen.

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