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Anna-Amalia-Bibliothek Brandgeschichte

03.09.2004 ·  Das Erbe der Regentschaft von Herzogin Anna Amalia ist durch Flammen und Rauch gekennzeichnet. Schon oft war die nach ihr benannte Bibliothek vom Feuer bedroht, blieb aber immer verschont - bis jetzt.

Von Andreas Platthaus
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Es ist eine bittere Erkenntnis: Das Erbe der Regentschaft von Herzogin Anna Amalia ist durch Flammen und Rauch gekennzeichnet. Ein Jahr, bevor ihr Sohn Carl August volljährig wurde und die Macht übernehmen konnte, verheerte ein Großbrand am 6. Mai 1774 das Residenzschloß. Vermutlich waren es Brandstifter, die nach am Vortag durchgeführten heftigen Protesten der Weimarer Bürgerschaft gegen den seit 1771 erhobenen "Hebammengroschen" ihr Mütchen am Sitz der als geldgierig empfundenen Regentin kühlten.

Schon damals ging im Feuer einer der zentralen Orte des Weimarer Kulturlebens zugrunde, denn mit dem Nordostflügel der Schlosses wurde auch die Theaterbühne des Hofes zerstört. Die Stadt war plötzlich ohne Spielstätte, und die zuvor von Anna Amalia engagierte Truppe um Abel Seyler wanderte sofort nach Gotha ab.

Anderthalb Jahre später, als im November 1775 Goethe nach Weimar kam, gab es dort nur ein Liebhabertheater, das provisorisch im Redoutenhaus untergebracht worden war, ehe 1780 das eilig errichtete Komödienhaus bezugsfähig wurde. Immerhin war das ein Zeichen dafür, wie ernst man den kulturellen Verlust genommen hat. Der Wiederaufbau des Schlosses begann dagegen erst 1789; Goethe selbst leitete fünfzehn Jahre lang die zuständige Kommission. Anna Amalia erlebte immerhin noch den Abschluß der Arbeiten im Jahr 1804.

1774 vom Feuer verschont

Nun ist zweihundert Jahre später jenes Gebäude zum Opfer eines Feuers geworden, das wie kein anderes mit der sechzehnjährigen Regentschaft von Anna Amalia verknüpft wird und das 1774 vom Brand des nahegelegenen Schlosses wundersamerweise nicht berührt worden war. Daß die in der Anna-Amalia-Bibliothek angesiedelte Büchersammlung überhaupt auf uns gekommen ist, verdanken wir allein der Herzogin, denn die Residenzbibliothek war ursprünglich natürlich im Schloß angesiedelt, ehe Anna Amalia eigens für sie das Zeughaus umbauen ließ.

Schon dieser Akt der Umwidmung war ein Signal: Die Regentin, die bei Antritt ihrer Herrschaft 1759 vom Kaiser erst für mündig erklärt werden mußte, weil sie damals nur neunzehn Jahre zählte, ließ 1766 die Herzogliche Bibliothek in ein eigenes Gebäude umziehen - eine für die damalige Zeit an Fürstenhöfen unerhörte Aufwertung. Zumal das Zeughaus im ehemaligen "Grünen Schloß" angesiedelt war, einem der repräsentativsten Gebäude der Stadt, das nun für die Bücher im prunkvollsten Rokoko umgebaut wurde: eine architektonische Monstranz für einen bibliophilen Schatz.

Ein Glücksfall

Anna Amalias Liebe zu der Bibliothek war also ein Glücksfall, weil der Weimarer Kollektion dadurch die zweite Brandkatastrophe ihrer Geschichte für mehr als zwei Jahrhunderte erspart blieb. Erstmals hatte die Bibliothek im Jahr 1618 gebrannt - im Vorgängerbau des barocken Residenzschlosses, das damals bei einem Feuer ähnlich gravierende Zerstörungen erlitt wie 1774 wieder. Die Herzogliche Bibliothek war 1614 überhaupt erstmals erwähnt worden, also werden sich die Verluste seinerzeit in Grenzen gehalten haben, doch 1774 war der Bestand der 1691 neubegründeten Sammlung durch die musischen Interessen von Anna Amalia derart angewachsen, daß der Bezug neuer Räume unabdingbar gewesen war.

Das Feuer in der Nacht zum gestrigen Freitag hat nun leider nachgeholt, was Weimars Büchern damals erspart geblieben ist und was sechs Jahre später, 1780, in Gera die älteste aller thüringischen Landesbibliotheken erleiden mußte, die vollständig niederbrannte. Sofort nach diesem Verlust betrieben die Fürsten des Hauses Reuß-Gera den Wiederaufbau der verlorenen Kollektion, und auch aus Weimar erreichte sie damals Hilfe. Auf solche Unterstützung wird nun die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek angewiesen sein, wenn das große Erbe ihrer Namengeberin für noch mehr als die 230 Jahre bewahrt bleiben soll, die wir es dank ihres klugen Entschlusses bereits genießen durften.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206 / Seite 33
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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