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Frage der Gerechtigkeit : Wegen Verleumdung den Staat verklagt

  • -Aktualisiert am

Das Gericht hat entschieden: Miloš Zeman muss sich wegen Verleumdung entschuldigen. Bild: dpa

Dem tschechischen Journalisten Ferdinand Peroutka wurde unterstellt, der nationalsozialistischen Ideologie zugetan zu sein. Jetzt hat seine Enkelin den Staat verklagt – vorerst mit Erfolg.

          Als der tschechische Präsident Miloš Zeman im Januar des vergangenen Jahres den 1978 verstorbenen Journalisten und Romancier Ferdinand Peroutka beschuldigte, dieser habe sich zeitweilig von der nationalsozialistischen Ideologie „faszinieren“ lassen, war die Empörung unter Prager Intellektuellen groß. Außerdem führte Zeman in der Rede zum Gedenken an den Holocaust an, Peroutka habe einen Artikel veröffentlicht, in dem er Hitler als einen „Gentleman“ bezeichnet habe. Mit Ferdinand Peroutka, einem Nazi-Gegner, Berater und Sprecher zweier tschechischer Präsidenten der ersten Republik, verleumdete der heutige Präsident eine Ikone des tschechischen Journalismus und des Widerstandes.

          Dass der inkriminierte Artikel ebensowenig gefunden wurde wie das völlig unglaubwürdige Zitat, irritierte Zeman offenbar nicht. Sein Umgang mit der Geschichte und mit Fakten ist mittlerweile ohnehin berüchtigt und längst Gegenstand von Satiren. Aber Peroutkas Enkelin, Terezie Kaslova, wollte sich nicht damit abfinden, dass Zeman von Intellektuellen ohnehin nicht ernst genommen wird. Sie verklagte die Präsidentenkanzlei und damit den Staat auf Widerruf und Entschuldigung. Das nun erfolgte Gerichtsurteil in erster Instanz lautet, die Kanzlei müsse sich bei den Nachkommen Peroutkas entschuldigen.

          Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig

          So groß die Empörung bei Journalisten und Autoren im vergangenen Jahr auch gewesen ist, an der Befolgung dieses Urteils durch den Präsidenten glaubt in Prag heute niemand. „Er stammt doch aus ebenjenem Milieu, das Peroutka in seinem Roman der Kollaboration beschuldigt hat“, sagte ein bekannter Autor zu dem Urteil. Tatsächlich hat Peroutka in seinem jüngst erstmals auf Deutsch erschienenen Roman „Wolke und Walzer“ (F.A.Z. vom 16. Dezember 2015) das kleinbürgerliche Milieu gnadenlos bloßgestellt, und man vermutet in Prag, dass er als eine der Ikonen eines freien, liberalen Journalismus dem konservativen Zeman ohnehin ein Greuel ist.

          Das Gerichtsurteil ist allerdings nicht rechtskräftig, und der Anwalt der Präsidialkanzlei hat sofort angekündigt, man werde in Berufung gehen. Es fehle einfach der „Schadensverursacher“, so die absurde, formaljuristische Begründung, da schließlich der Präsident nicht angeklagt war. Für die Enkelin besteht das Dilemma darin, dass sie nicht den Präsidenten persönlich verklagen kann, er genießt Immunität, sondern nur den Staat, der nun alles versuchen wird, diesen zu schützen. Einen persönlichen Entschuldigungsbrief und eine entsprechende Anzeige auf der Homepage des Präsidenten fordert das Gericht.

          Mittlerweile rätseln Prager Intellektuelle darüber, wer Zeman die Passage in das Redemanuskript geschrieben hat. Dass Zeman persönlich einen alten Artikel von Peroutka gelesen haben könnte, hält praktisch niemand für denkbar. Dass aber viele seiner Umgebung dem langjährigen Leiter der tschechischen Redaktion von „Radio Free Europe“ bis heute nicht verziehen haben und manch einer sich in dem Roman als Charakter wiedererkannt hat, steht für die intellektuelle Elite in Prag außer Frage.

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