22.07.2005 · Der Terror von London wirkt sich aus bis nach New York: Dort dürfen Polizisten nunmehr jeden Rucksack und jede Einkaufstüte nach Bomben durchsuchen. Die New Yorker werden abermals direkt mit der Bedrohung konfrontiert.
Von Jordan Mejias, New YorkVerdrängt, vergessen, verlagert in eine immer fernere Vergangenheit waren die Sicherheitskontrollen, die nach den Anschlägen des 11. September 2001 das Leben der New Yorker bestimmt hatten.
Keine Handtasche und kein Regenschirm kamen damals ungeprüft ins Theater oder Kino, Museum oder Konzert, und abgetastet wurden oft auch noch Jacken und Mäntel. Schwerbewaffnete Nationalgardisten sorgten dafür, daß sich vor Tunneln und Brücken die Schlangen stauten. Dank vorbeugender Polizeieinsätze verwandelten sich U-Bahn-Fahrten in Zitterpartien, in eine Serie von nervenaufreibenden Stopps zwischen den Bahnhöfen.
Was gewöhnlich Normalität heißt, kehrte dann doch überraschend schnell zurück in die Stadt. Die Kontrollen, die bald jeder besseren Turmbesteigung in Manhattan vorangingen, verkamen zur Sicherheitsposse. Selbst eine Regierung, die nichts unversucht läßt, ihren Willen im Namen der nationalen Sicherheit durchzusetzen, konnte die Bürger nicht davon abbringen, das Leben danach wieder mit dem Leben davor zu verknüpfen.
Nur keine importierte Panik
Wer darum vor ein paar Tagen ins Lincoln Center ging und dort vor dem Zelt angehalten wurde, in dem die Pariser Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine ihre bewegenden Flüchtlingsgeschichten erzählt, fühlte sich plötzlich in eine Zeit versetzt, die er längst überwunden glaubte. Bestimmt hatte mehr behördliche Nervosität als eine allgemein verbreitete Furcht, die Londoner Terrorangriffe könnten sich auch auf dieser Seite des Atlantiks fortsetzen, solche Überwachungsmaßnahmen wiederbelebt. Oder vielleicht entsprangen sie auch der Unruhe von Gästen, denen es nicht vorzuwerfen war, daß sie die Lage falsch einschätzten. Nur keine importierte Panik. Neurosen verschaffen wir uns selber.
Aber auch derart distanziert läßt sich von heute an die Vergangenheit nicht mehr zähmen. Wenn nunmehr Polizisten erlaubt ist, in U-Bahnen, Bussen und Vorortzügen jeden Rucksack und jede Einkaufstüte nach Bomben zu durchkramen, werden alle New Yorker, mögen sie von Natur aus so abgebrüht sein, wie es ihnen gern nachgesagt wird, abermals direkt mit der Bedrohung konfrontiert. Denn jeder kontrollierende Polizist verkündet stillschweigend: London, Madrid, New York bilden eine einzige, riesige Gefahrenzone, und niemand weiß, welche andere Stadt demnächst noch eingemeindet wird. Auch wenn sie zum Klischee verkommen ist, nimmt die Rede vom globalisierten Dorf eine Brisanz an, die den utopischen Schwung dramatisch abbremst.
Unvergeßliche Szene
Ariane Mnouchkine zeigt das in „Le Dernier Caravanserail“ in einer unvergeßlichen Szene. Einige Flüchtlinge haben es schließlich doch bis nach England geschafft, und erfüllt auch dieses gelobte Land nicht all ihre Wünsche und Hoffnungen, so können sie zumindest am Wochenende doch etwas wie Freiheit atmen, und sei es bloß beim Picknick über den Kreidefelsen. Die bröckelnde Küste, vor der die Schilder warnen, ist jedoch die geringere Gefahr, die das unvollkommene Inselparadies für sie bereithält. Zwei bärtige, muslimisch weiß gewandete Gestalten, wie sie auch in der jüngsten Berichterstattung aus London immer wieder auftauchten, durchkreuzen das Idyll. Den Männern drohen sie mit Gesten und Blicken, den Frauen werfen sie ihre mangelnde Kopfbedeckung vor.
Die Flucht ist den Tschetschenen und Afghanen aus Ariane Mnouchkines Stück geglückt, aber zusammen mit ihnen ist auch die alte Gefahr geflohen. Die Karawanserei kennt keine Grenzen. Draußen vor dem Zelt ist das nicht länger eine Lehre nur für Flüchtlinge.