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Veröffentlicht: 13.02.2012, 11:26 Uhr

Angelina Jolies Regiedebüt Dabei hätte die Welt nicht einfach zusehen dürfen

Ein Star mit einer klaren Botschaft: In dem Film „In the Land of Blood and Honey“, der am Samstag auf der Berlinale vorgestellt wurde, probiert sich Angelina Jolie erstmals als Regisseurin.

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© dapd Mit Gefühl und Härte: Die Regiedebütantin Angelina Jolie bei ihrer Premiere

Als sie sich nach ihrem Film verbeugt, wirkt Angelina Jolie tatsächlich wie eine Debütantin. Fast scheu lächelt sie in die Blitzlichter der Fotografen, flüstert während des Applauses mit ihrer Hauptdarstellerin, scheint sich hinter ihrer Dreiwettertaft-Frisur verstecken zu wollen, die, am Oberkopf aufgebauscht, halb vor ihr Gesicht gesprayt ist und sie älter macht, als sie ist. Angelina Jolie ist sechsunddreißig Jahre alt. „In the Land of Blood and Honey“, den sie am Samstagabend auf der Berlinale vorstellte, ist der erste Film, bei dem sie Regie geführt hat. Sie hat auch das Drehbuch geschrieben und produziert. Sie ist in diesem Film nicht zu sehen.

„In the Land of Blood and Honey“ ist ein bemerkenswerter Film, wie eigentlich alles an Angelina Jolie bemerkenswert ist, ihr Aussehen, ihre Karriere, ihr Lebensgefährte, ihr Pilotenschein, ihr humanitäres Engagement, ihr Berühmtheitsgrad. Nun hat sie also einen Film gemacht, der vom Bürgerkrieg in Jugoslawien handelt. Man male sich nur einmal kurz irgend einen anderen Hollywoodstar ihres Kalibers in dieser Rolle aus, sagen wir Jennifer Aniston, Julia Roberts, Sandra Bullock. Schon der erste Schritt ist schwer vorstellbar: dass eine von ihnen ein Drehbuch schreibt. Geschweige denn dann auch noch Regie führt. Und nicht selbst mitspielt. Aber gut, stellen wir uns das einmal vor. Wovon würde der Film dann wohl handeln? Bestimmt nicht von Bürgerkrieg, ethnischen Säuberungen, Massenvergewaltigungen. Exakt davon erzählt Jolies Regiedebüt.

© afp Regiedebüt: Angelina Jolie präsentiert Kriegsfilm auf Berlinale

Die Berlinale-Premiere fand im Haus der Berliner Festspiele in Charlottenburg statt, einem Ort mit dem Flair einer Mehrzweckhalle. Bevor Jolie den Saal betritt, herrscht darin eine ungewöhnlich gleichgültige Stimmung für eine gleich beginnende Filmpremiere, woran auch die Anwesenheit von Joschka Fischer, Jürgen Trittin und Veronica Ferres nichts ändert. Man befindet sich deutlich außerhalb des magnetischen Wirkkreises: Von draußen sind die Rufe der Fotografen zu hören, der Star des Abends befindet sich offenbar gerade auf dem roten Teppich. Wenig später füllt sich der Saal mit Menschen, die noch Schals und Mütze tragen. „Er ist auch da!“, raunen sie den schon länger Sitzenden zu. „Sie sind beide so zierlich.“ - „Und so jung sieht er aus!“ - „Ach, er ist so süß.“

Irgendwann betritt dann „er“ den Saal, Brad Pitt, kurz erhasche ich einen Blick auf ihn, hell gekleidet, längere Haare, dann stehen schon alle, ich sehe nur noch Rücken, viele laufen aus den ersten Reihen vor, starren ihn an, als wäre er kein Mensch, richten ihre Telefone und iPads auf ihn und fotografieren und filmen. Das Ganze verschlimmert sich, als dann auch Angelina Jolie den Saal betritt. Nun sind wirklich alle aufgesprungen, starren, gaffen, als wäre dies hier keine Premiere unter Erwachsenen im Rahmen eines Festivals, sondern ein Auffahrunfall auf der Autobahn. Es ist entwürdigend, für alle. Nachdem auch der Letzte seinen eigenen Schnappschuss gemacht hat, wird es dunkler im Saal, und die Vorführung beginnt. Ach ja, Schauspieler und Filmcrew sind auch anwesend. Als wäre es eine ganz normale Premiere.

Berlinale 2012 - «In the Land of Blood and Honey» © dpa Vergrößern Bürgerkrieg, ethnischen Säuberungen, Massenvergewaltigungen: Jolies Regiedebüt stellt sich in den Dienst des Humanitären

„In the Land of Blood and Honey“ ist ein harter, unsentimentaler Film über den Bürgerkrieg in Jugoslawien. Im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen einer bosnischen Muslimin und einem serbischen Christen. Jolie hat mit Schauspielern aus der Region gedreht, in bosnischer Sprache. Der Film ist nach hinten hin zu gleichbleibend langsam erzählt, mit einem männlichen Hauptdarsteller, der einen nicht wirklich berührt, und bisweilen hölzernen Dialogen, in denen nur gesagt wird, was fürs Verständnis des Bosnien- Konflikts nötig ist. Aber: Es ist dennoch ein beeindruckender, auch berührender Film, vor allem während der ersten Hälfte. Ein Kriegsfilm, der aus Frauensicht erzählt ist. Der also von Ohnmacht handelt, von Vergewaltigung, davon, wie es ist, wenn dein Kind getötet wird, wenn du als menschlicher Schutzschild benutzt, gedemütigt, gefesselt, geschlagen wirst, schwach, Opfer bist.

Die Frau, die Lara Croft gespielt hat, die oft eiskalte Profikillerinnen spielt, die man sich eher mit gezogener Pistole vorstellen kann als Arm in Arm mit einer besten Freundin, hat einen Film gedreht, der von Kriegsverbrechen gegen Frauen handelt. Das hat etwas überraschend Schwesterliches. Zufällig sitzen im Zuschauerraum um mich herum fast nur Frauen. Fast alle von ihnen weinen. Mehrmals. Die Frau neben mir schluchzt lautlos, als eine Szene kommt, in der ein Baby getötet wurde, und kann sich lange nicht wieder beruhigen.

Serben laufen Sturm gegen Regiedebüt von Angelina Jolie © dpa Vergrößern Jolie während der Dreharbeiten in Serbien, die von Protest in der serbischen Bevölkerung begleitet waren

Nach dem Film, für den es anhaltenden, aber etwas mitgenommenen Applaus gab, beantwortet Jolie auf dem Podium noch ein paar Fragen, die ihr die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic stellt (2006 gewann sie für „Esmas Geheimnis“ den Goldenen Bären).Was sie zu diesem Film inspiriert habe, will Zbanic wissen. Angelina Jolie, die in ihrem goldbraunen Glitzerkleid alles Licht auf sich zieht, berichtet von einer Frau, die sie als Sonderbotschafterin für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinmten Nation UNHCR während einer ihrer Reisen in Nachkriegsgebiete getroffen habe, einer Bosnierin.

„Sie hat mir ihre Geschichte erzählt“, sagt Jolie. „Sie hat mir erzählt, dass sie als menschlicher Schutzschild benutzt wurde, dass sie mit ansehen musste, wie alte Frauen sich vor Soldaten ausziehen und tanzen mussten . . . Niemand kennt diese Frau. Ich habe immer an sie gedacht. Ich wollte ihr eine Stimme geben. Ihretwegen habe ich diesen Film gemacht.“

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Eine klare Botschaft hat sie auch. Ihr Film richte sich an die internationale Gemeinschaft. Sie will ihn als Aufruf verstanden wissen, rascher einzugreifen, wenn irgendwo auf der Welt Babys getötet werden oder andere Kriegsverbrechen geschehen. Dreieinhalb Jahre habe die Welt beim Jugoslawien-Krieg zugesehen. „Syrien!“, ruft da jemand aus dem Publikum, und Jolie nickt.

Glosse

Eine absolute Ausnahmeliste

Von Helmut Mayer

Erst befördert ein Spiegel-Redakteur das umstrittene Buch auf die Bestsellerlisten, nun befördert es das Magazin wieder heraus. Über einen kontraproduktiven Eiertanz. Mehr 15 118

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