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Psychotisches Erleben : Was man vom Wahn lernen kann

Er sieht etwas, was sonst niemand sieht: Kirk Douglas in Elia Kazans Film „Das Arrangement“ aus dem Jahr 1969 Bild: Picture-Alliance

Brennende Betten oder Stimmen im Kopf: In Psychosen werden Erfahrungen gemacht, die menschliche Interpretationsmöglichkeiten im Extrem zeigen. Ein Gespräch mit dem Psychiater Andreas Heinz.

          Psychotische Wahrnehmungen tauchen die Welt in ein anderes Licht. Was sieht oder hört man bei Halluzinationen?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Es gibt Leitsymptome einer Psychose, die Veränderungen beziehungsweise Störungen der Wahrnehmung betreffen, wie sie sich auch bei manchen Drogenwirkungen finden. Dazu gehören Halluzinationen, zum Beispiel wenn eine Person allein ist, aber mehrere Stimmen in ihrem Kopf hört, die miteinander streiten oder alles (oft negativ) kommentieren, was die Person macht. Manchmal werden auch ganze Szenen halluziniert, so sah ein Parkinson-Patient von mir unter seiner dopaminergen Medikation einen vollbesetzten Ruderachter durchs Zimmer fliegen samt Rudergänger und gebrüllten Kommandos. Ein anderer zündete sein Bett an, weil er halluzinierte, dass da „Fischernetze“ lägen, die er verbrennen müsse. Halluzinationen können für die Betroffenen also im Einzelfall gefährlich sein.

          Wie machen sich die Betroffenen einen Reim auf diese Erlebnisse?

          Eine Wahnbildung dient meist dazu, die ungewöhnlichen Erlebnisse zu erklären, also zum Beispiel durch die Annahme, dass diese Erfahrungen durch technische Manipulationen eines Geheimdienstes im eigenen Kopf hervorgerufen werden. Ein Patient sagte mir, die Stimmen schieße ihm ein „Nachbar mit einer Strahlenkanone“ in den Kopf, ein anderer Patient erklärte derartige Halluzinationen mit Hexen, die in seinem Bauch hausen. Wenn an solchen Erklärungen trotz aller Gegenbeweise hartnäckig festgehalten wird, kann ein Wahn vorliegen. Aber Vorsicht – nicht alle unplausiblen Erfahrungen und Interpretationen sind wahnhaft, das sollte im Einzelfall immer geprüft werden.

          Psychotische Erfahrungen wären demnach nicht zwingend ein Ausdruck psychischer Erkrankung?

          In Psychosen werden Erfahrungen gemacht, die menschliche Erfahrungs- und Interpretationsmöglichkeiten im Extrem zeigen. Eine Erkrankung sollte meines Erachtens nur dann diagnostiziert werden, wenn derartige Krankheitssymptome aus medizinischer Sicht als Beeinträchtigungen lebensrelevanter Funktionsfähigkeiten (beispielsweise im Sinne einer Störung der Wahrnehmung bei Halluzinationen oder eines Verlusts der Zurechenbarkeit eigener Intentionen und Handlungen) verstanden werden können und zudem individuelles Leid verursachen oder die soziale Teilhabe im Alltag (Körperpflege, Nahrungsaufnahme) massiv einschränken. Therapeutisch ist es wichtig, das psychotische Erleben als menschliche Erfahrungsmöglichkeiten zu verstehen und die kreative Seite der Interpretation dieser Erfahrungen zu würdigen. Dann können psychotische Erlebnisse im Kontext der eigenen Lebensgeschichte eingeordnet und verarbeitet werden.

          Worin besteht der Erkenntniszuwachs beim psychotischen Erleben?

          Von Menschen, die psychotische Erfahrungen gemacht haben, können wir lernen, wie brüchig unsere Selbstverständlichkeiten sind. Das ist für sich genommen noch keine Krankheitsdiagnose.

          Die amerikanische Psychiatrievereinigung sieht das ja anders als von Ihnen vorgeschlagen. In deren Krankheitskatalog DSM-5 genügt das Vorliegen einer objektivierbaren psychischen Funktionsbeeinträchtigung, um eine „Störung“ (disorder) zu diagnostizieren. Leid oder eine beeinträchtigte soziale Teilhabe müssen nicht notwendigerweise hinzukommen.

          Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Berlin Mitte.
          Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Berlin Mitte. : Bild: Privat

          Ja, aber wenn jemand halluziniert, also zum Beispiel Stimmen hört, jedoch nicht darunter leidet und in seinem Alltag nicht beeinträchtigt ist, sondern die Stimmen als Eingebung empfindet, warum sollte ich da eine Krankheit diagnostizieren? Aus medizinischer Sicht liegt ein Krankheitssymptom vor (die Halluzination), aber zur Diagnose einer Erkrankung ist das meines Erachtens nicht hinreichend, dazu müsste die betroffene Person darunter leiden oder eben in ihrer sozialen Teilhabe massiv beeinträchtigt sein. Also etwa wenn sie den Stimmen glaubt, dass ihr Essen vergiftet ist, sich zu Hause einschließt und kaum noch Nahrung zu sich nimmt. Das sind Differenzierungen, die in die öffentliche Diskussion um den Krankheitsbegriff eingehen sollten.

          Quelle: F.A.Z.

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