http://www.faz.net/-gqz-73ybx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.10.2012, 16:50 Uhr

Andrea Breth zum Sechzigsten In Dichterdiensten

Die Wunderlampe einer Ausgräberin: Andrea Breth, die Regisseurin der tieferen Blicke, zeigt uns, was das Theater heute noch kann. An diesem Mittwoch wird sie sechzig.

von

Sie hat es schwer. Mit dem Theater und mit sich. Weil sie sich nicht dem Theater voranstellt, das Haus nicht betritt mit dem Willen zur Macht: Alles hört auf mein Ich-Kommando! - sondern weil sie sich dem Theater unterwirft. Mit dem Willen zum Gehorchen, wenn man „gehorchen“ als hohe Ohrenkunst versteht. Ihre Hauptberufsfrage also: Was bekomme ich zu hören? Und wer da zu ihr spricht, sind nicht die Moden, nicht Tendenzen, nicht das, was gerade auf der Straße herumliegt und was viele ihrer Kollegen aufheben, ins Theater mitbringen und daraus Szenen basteln.

Ihr Ohr ist ins Weite gerichtet. Von wo die Stimmen kommen, die ein ewiges, unbegreifliches Rätsel sind. Es sind die Stimmen der Dichter. Und ihrer großen Figuren. Ihnen hört sie so lange nach, bis sie Körper und Form annehmen und in die Phantasiekonturen von Schauspielern fließen und dort zu tönen, zu wirbeln, zu flirren anfangen, einmalige Gestalt annehmen - für den Moment. Und als seien sie, so jahrhundertalt sie auch scheinen, eben erst geboren. Deshalb wird für Andrea Breth jede Aufführung eines alten Stücks immer zur Uraufführung. Von ihr lange, geduldig und mühefroh durchhorcht. Man sieht dann wahrhaft in ihren besten Fällen: ein bis dahin Unerhörtes.

Nichts Kleingemachtes, nichts Mundgerechtes

Das ist der gnadenlos schwerste Dienst, dem sich ein Theatermacher unterziehen kann: Diener der Dichter zu sein. Nicht sie zu beherrschen. Nicht ihnen zu zeigen, wo es langgeht. Vielmehr: sich von ihnen völlig neue, unbegangene Wege zeigen lassen, ihren schwer lesbaren, aber umso kostbarer zu entziffernden Navigationszeichen (und manchmal sind es nur Sternbilder) auszuliefern. (Dieses Genie-Geheimnis teilt Andrea Breth mit den paar anderen großen europäischen Regisseuren, den „Big Six“, zu denen sie unbedingt zählt: Luc Bondy, Peter Stein, Peter Brook, Ariane Mnouchkine, Patrice Chéreau.)

"Die Katze auf dem heißen Blechdach" in Wien © dpa Vergrößern Markus Meyer und Johanna Wokalek in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ in Wien

Wer hätte gedacht, dass Ferdinand und Luise in Schillers „Kabale und Liebe“ einen irrwitzigen, naturgemäß todgeweihten Paarlauf durch ein zwar verfehltes, aber toll geträumtes Leben versuchen? Andrea Breth hat es 1984 im Stadttheater Freiburg so gedacht. Weil sie es den Figuren ablauschte, ihrem Gleiten und Rutschen. Und sie durch ein riesiges Bühnenbild und einen sich windenden, im Hintergrund verschwindenden Korridor wie Schlittschuhläufer in die Tragödie hineinziehen ließ. Arm in Arm. Und Verzweiflung in Verzweiflung. Sie schaute es ihnen ab - und sah es ihnen nach.

Da hatte Andrea Breth, aus Füssen gebürtig, in Darmstadt aufgewachsen, nach einem kurzen Germanistikstudium in Heidelberg inklusive einer Regieassistenz am dortigen Stadttheater erste Bremer, Wiesbadener und Hamburger Regie-Versuche hinter sich. Und war mit „Emilia Galotti“, zu der sie Kurt Hübner an seiner Berliner Freien Volksbühne verführte, grandios gescheitert. Zusammengebrochen unter der Wucht und der Größe von Lessings Stimmen. Aber immerhin: unter ihrer Größe. Nichts Kleingemachtes, Mundgerechtes, Her- und Hingerichtetes.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Erdbeben-Katastrophe Ein Stich ins Herz Italiens

Nach dem Erdbeben im Apennin soll alles anders werden in Italien. Geld soll fließen – und auch ankommen. Die Erdbebensicherheit soll endlich ernst genommen werden. Doch die Leute in Amatrice glauben nicht daran. Mehr Von Jörg Bremer

27.08.2016, 09:31 Uhr | Gesellschaft
Peter Maria Schnurr Der Koch des Jahres kommt aus Leipzig

Peter Maria Schnurr wurde vom deutschen Gault & Millau zum Koch des Jahres 2016 ernannt. Der Küchenchef des Leipziger Restaurants Falco wurde für seine innovative Zutatenkomposition und die expressiven Aromen gelobt. Mehr

26.08.2016, 13:22 Uhr | Stil
Frankfurter Duo Les Trucs Das Leben der Dinge

2-Mensch-Ding-Orchester werden sie oft genannt. Aber Charlotte Simon und Zink Tonsur alias Les Trucs sind noch mehr. Zum Beispiel eine Zirkuskapelle. Mehr Von Eva-Maria Magel

26.08.2016, 20:48 Uhr | Rhein-Main
Tragödie in Neuseeland Wanderin harrt einen Monat in Berghütte aus

Ein paar Tage die Natur genießen. Das war der Plan eines jungen Paares aus Tschechien, das Ende Juli im Süden Neuseelands zu einer Wanderung aufbrach. Einer Wanderung, die nur wenige Tage später ein tragisches Ende finden sollte. Denn im dichten Schnee kam das Paar vom Weg ab. Der Mann stürzte einen Abhang hinunter und starb. Seine Freundin irrte mehrere Tage durch den Schnee, bevor sie eine Schutzhütte fand und dort einen Monat ausharrte. Mehr

26.08.2016, 18:37 Uhr | Gesellschaft
Bundesliga-Auftakt Das neue Prinzip der Bayern

Die Bayern starten am Freitag gegen Bremen mit einem Star-Aufgebot und dem neuen Trainer Carlo Ancelotti in die Bundesliga-Saison. Der Lebemann bringt ein neues Prinzip ins Münchner Spiel. Mehr Von Patrick Strasser, München

26.08.2016, 18:43 Uhr | Sport
Glosse

Gepfeffert

Von Michael Hanfeld

Die „Chicago Tribune“ meint, sie habe die geheimen Zutaten gefunden, mit denen Kentucky Fried Chicken Hähnchen bestreicht. Der Frittier-Konzern winkt ab. Wir kennen übrigens das Geheimrezept von Coca Cola. Mehr 2 4

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“