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Anders Breivik Wahn und Sinn

Von wegen geisteskrank - der Mörder von Oslo wusste, was er tat und wollte: Sozialdemokraten töten, Lieblingsziel aller totalitären Weltretter. Wir sind es, die nichts wussten und vergessen haben. Was soll man dieser monströsen Rationalität entgegensetzen?

© Vergrößern Leere Munitionshülsen am Schießstand von Eidsmarka, wo Anders Breivik trainierte

Massenmord ist harte Arbeit, wir wissen es seit Heinrich Himmlers Posener Rede. Anders Breivik hat sich auf diese Arbeit vorbereitet. Er misstraute dem in der Idylle des heutigen Norwegen groß gewordenen Mittelstandskind, sich selbst. „Du bist dein ärgster Feind“, schrieb er im dritten Teil seiner „europäischen Unabhängigkeitserklärung“, welche zugleich ein Tage- und ein Handbuch ist.

Die Ein-Mann-Selbstmordattentäterzelle kann nicht durch V-Leute infiltriert werden, nur durch Skrupel und Depression. Dagegen musste er sich wappnen. Breivik nahm sich ein Beispiel an seinem Feind, den Dschihadisten: Fünfmal am Tag beten, wie das deren Moral stärke, fabelhaft. Doch bei aller Beschwörung des christlichen Abendlands ist Anders Breivik kein gläubiger Mann, also praktizierte er stattdessen seine Form von Foucaults „Sorge um sich“, ein selbst erdachtes mentales Trainingsprogramm: Jeden Tag vierzig Minuten spazieren gehen, dazu rechtsradikale Songs der schwedischen Sängerin Saga auf dem iPod hören, und immer an die Sache denken, an die Muslime, die uns bald schon überrennen werden und die Verräter, die ihnen die Pforten öffnen. Er wappnete sich gegen die eigene Menschlichkeit. Auch Frauen werde er töten müssen, schrieb er, selbst gut aussehende, und das, obwohl er als Ritter ja besonders ritterlich sei. Das sagte er sich wieder und wieder, beim Spazierengehen. Und ans Abknallen gewöhnte er sich mit Hilfe von Ego-Shooter-Spielen, deren Realismus er lobte. So blieb er körperlich fit und geistig gesund.

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Wahnsinn ist, wie der Verrat, eine Frage des Datums. Ein Einzelkämpfer, der eine Bombe bastelt, zündet und noch am selben Tag einen Massenmord an Sozialdemokraten begeht, hätte mit Geldprämien, höchsten Ehren und einem Sektempfang in Berlin rechnen können – gerade mal ein Menschenleben ist das her. Waren die Angehörigen der Einsatzgruppen und der SS alle geisteskrank, die Operation Barbarossa ein kollektiver Amoklauf? Die Kategorien der forensischen Psychiatrie helfen nicht weiter: Dies ist eine Tat, die wir im Lichte der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten müssen, denn wir kennen Breivik schon lange. Wir hatten ihn bloß vergessen.

Er ist weder selten noch auffällig. Der israelische Psychiater Dan Bar-On hat über Nazitäter und deren Familien geforscht. Er sagte, dass wir fälschlicherweise vom Einzelnen als Individuum sprechen, einer nicht aufspaltbaren Persönlichkeit, und erwarten, dass ein Täter sich in jedem Lebensbereich böse verhalte, also auch noch dem Kanarienvogel den Hals umdrehe. Es falle uns schwer einzusehen, dass der liebe Opa und Nachbar, der Freund auch ein Killer sein kann. Die meisten der von ihm befragten Männer wussten genau, was sie taten, als sie töteten, und hielten es aufgrund ihrer Ideologie für völlig gerechtfertigt. Manchmal, das fiel Bar-On auf, waren sie auf ein kleines Detail stolz: Einige Massenmörder in Uniform haben ihm von dem einen Kind berichtet, dessen Blick sie nicht losgelassen hat. Bar-On hielt das für einen psychischen Schutzmechanismus, damit sie sich selbst nicht wie Monster vorkommen: Wenn mich dies so berührt, kann ich kein ganz und gar böser Mensch sein.

Auch Breivik hatte diesen Reflex. Als ein Junge ihn direkt ansprach und sagte: „Du wirst doch keinen Landsmann erschießen“, verschonte er ihn und ermordete lieber eine andere Gruppe von Kindern. Und man weiß schon, wenn man das Manifest gelesen hat, wie der Massenmörder in seinem schlichten Abba-Englisch und den stets erwartbaren Gedankengängen diesen Gnadenerweis des richtenden Tempelritters loben würde. In Wahrheit wollte er pfleglich mit sich selbst umgehen, es nicht übertreiben: Du bist dein ärgster Feind. Breivik ist überhaupt recht zimperlich, wenn es um ihn selbst geht. Bitterlich beklagt er sich im Manifest über die Moskitos in seinem Gesicht, wenn er wieder mal seine Waffen im Wald vergräbt und den entsprechenden Schutz vergessen hat.

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