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Anders Breivik Nicht rechts, nicht links, nur böse

 ·  Was wäre ein besserer Test auf geistige Klarheit als die Fähigkeit, sich ein Ziel zu setzen, einen entsprechenden Plan auszuarbeiten und ihn auszuführen? Weshalb ich den Massenmörder von Oslo nicht „geistesgestört“ nenne.

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Im Herzen bin ich bei den Trauernden in Oslo. 1993 war ich das Ziel eines Briefbombenanschlags durch den sogenannten „Unabomber“, der einer der Helden des Mörders von Oslo zu sein scheint. Nichts ist feiger und böser als ein Terroranschlag, von dem unbewaffnete, unschuldige Menschen überrascht werden, ohne dass sie die geringste Chance hätten, sich zu verteidigen oder auch nur einen Gedanken zu fassen, bevor ihr Leben beendet oder für immer ein anderes ist.

Ich bin kein „Opfer“ und werde nie eines sein – „Opfer“ ist man nur, wenn man es sein will –, und ich verfüge weder über besondere Kenntnisse noch über einen besonderen moralischen Rang, nur weil mich ein amerikanischer Terrorist angegriffen hat. Aber im Herzen bin ich bei den Trauernden in Oslo.

Ich hatte Glück. Bei seinem nächsten Anschlag ermordete Anders Breiviks amerikanischer Terroristenheld einen Mann, indem er ihn mit einer Splitterbombe in seiner eigenen Küche in Stücke riss. Zurück blieben seine Witwe und zwei kleine Kinder. Hätte Anders Breiviks Held etwas mehr Glück gehabt, wären auch sie gestorben.

Der Mörder ist ganz auf sich allein gestellt

Wer den Massenmörder von Oslo „geistesgestört“ nennt, nennt ihn auch „nicht schuldig“, bevor der Prozess überhaupt begonnen hat. Entweder er war geisteskrank, oder er war böse. Man kann nicht beides zugleich sein. Mein Eindruck ist, dass er böse und voll zurechnungsfähig war. Er ersann einen komplizierten Plan, setzte ihn einwandfrei um und hatte vollen Erfolg damit – heute diskutiert die ganze Welt über ihn, ganz wie er es wollte. Was wäre ein besserer Test auf geistige Klarheit als die Fähigkeit, sich ein Ziel zu setzen, einen entsprechenden Plan auszuarbeiten und ihn auszuführen?

Wir lernen nichts Neues durch den Mörder von Oslo – weder über Christen, rechte oder linke, noch über die europäischen Gegner muslimischer Einwanderung, noch über die europäischen Gegner einer freiwilligen muslimischen Apartheid. Denn alle diese Gruppen verurteilen den Mörder und wollen nichts mit ihm zu tun haben. Der Mörder ist ganz auf sich allein gestellt.

Die Amerikaner haben nicht vergessen, wie die Palästinenser im Westjordanland auf den Straßen tanzten, als vor zehn Jahren Tausende von Männern, Frauen und Kindern ermordet wurden. Ein Terrorakt im Namen des Dschihad löste öffentliche Bekundungen von Stolz und Freude unter Dschihadisten auf der ganzen Welt aus. Kein dschihadistischer Terrorist war jemals so auf sich allein gestellt, wie Breivik es ist.

Dieser Angriff sollte Norwegen vor einer Unterwerfung unter den Islam bewahren. Breivik gleicht also jenen spanischen Loyalisten, die in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dafür kämpften, Spanien vor einer Unterwerfung unter den Katholizismus zu bewahren? Er ist ein Linker? Nein, ein Rechter, nur anders als die dschihadistische Rechte.

Politische Überzeugungen sind irrelevant

Alles, was hier zählt, ist aber, dass es zwar viele verschiedene Formen von rechts und links gibt, jedoch nur eine Form des Bösen. Alle Taten, die aus reiner Bosheit begangen werden, sind letztlich ein und dieselbe Tat. Die politischen Überzeugungen eines Mörders sind irrelevant. Durch seine Morde hat er das Recht verwirkt, als links oder rechts, christlich oder islamisch oder irgendetwas anderes denn als böse bezeichnet zu werden.

Würden Sie anders über diesen feigen Massenmord denken, wenn er für „eine gute Sache“ verübt worden wäre? Als verzweifelte Maßnahme, die Weltaufmerksamkeit auf den Klimawandel oder die Verbreitung von Atomwaffen zu lenken? Würde das Ihre Einstellung ändern? Gott behüte! Gleicht irgendein Anliegen diese toten Kinder und Eltern und Ehefrauen und Ehemänner aus, die lebenslange Qual von Eltern, deren Kinder ermordet wurden, und jene unter den bloß Verletzten, die den Rest ihres Lebens, jeden Tag und jede Nacht, unter Schmerzen zubringen werden, bis sie sterben? Ist es Ihnen wichtig, warum der Mörder seine Tat beging?

Warum also ist es Ihnen wichtig, ob der Terrorist sich selbst als Kreuzritter oder Dschihadist oder Marxist oder Separatist oder Internationalist bezeichnet? Die einzige Bezeichnung, auf die er ein Anrecht hat, ist „Mörder“. Die einzige Sache, der er einen Dienst erwiesen hat, ist die des Bösen.

Norwegen war nur selten unmittelbar mit dem Terrorismus konfrontiert und hat die Besetzung durch die Nazis vergessen. Stattdessen hat sich das Land mit Antisemitismus und Antizionismus einen Namen gemacht: Die jüngste Fernsehreportage über den Antisemitismus an norwegischen Schulen war nur das letzte Kapitel einer langen Geschichte. Norwegen sollte dem Terror ins Auge sehen und ihn analysieren, solange es das kann.

Dem Terror ins Auge sehen - und ihn analysieren

Fänden die Norweger es gut, wenn Dänemark oder Schweden von Anders Breivik als oberstem Führer regiert würde? Oder von Tausenden Anders Breiviks? Warum also sollte Israel einen Hamas-Staat im Gazastreifen oder Westjordanland zulassen? Seht dem Terror ins Auge und analysiert ihn, solange ihr könnt! Warum lässt es euch gleichgültig, wenn die Palästinenserbehörde eine Straße nach einem terroristischen Kindermörder benennt? Warum lässt es euch gleichgültig, wenn die Hamas Raketen auf Israel abschießt, um auf gut Glück Juden zu ermorden?

Die Menschen in Norwegen haben die Möglichkeit, dieser bösartigen Grausamkeit etwas Gutes abzugewinnen: indem sie sich gegen terroristische Morde wenden, von wem immer, wo immer und aus welchen Gründen auch immer sie begangen werden, und sich in ihrem Denken nie wieder vor der Grausamkeit des Terrors verschließen, ganz gleich, was die Terroristen lieben und was sie hassen – selbst wenn es Israel und die Juden sind, die sie hassen. Im Herzen bin ich bei den Trauernden in Oslo.

Die Terroristen des Dschihad schreiben keine Texte oder Manifeste, sie bringen einfach Leute um. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Verfassen von Manifesten und bestimmten Arten von Terrorismus? Der sogenannte Unabomber war zweifellos ein linker Terrorist, ein fanatischer Naturschützer, der die Technologie hasste, während Breivik ein rechter Terrorist ist.

Ich vermute, die Autoren unter den Terroristen sind jene, die gern Sektenführer wären oder Menschheitsretter, die der Welt ihre eigenen heiligen Schriften zu geben haben. Wäre es ihnen gelungen, Anhänger zu gewinnen, ihre eigenen Persönlichkeitskulte oder ihre eigenen Al Qaidas zu schaffen, dann wären sie vielleicht nicht selbst zu Mördern geworden. Aber hätten sie dann nicht viele andere zum Morden angeregt?

Vom Unabomber zu Anders Breivik: Die Hölle, das ist der Massenmörder. Das Manifest des norwegischen Attentäters gleicht dem des Amerikaners Theodore Kaczinsky, der von 1978 bis 1995 mit Briefbomben sein Land terrorisierte. Einer der Adressaten war 1993 der Computerpionier David Gelernter, der dabei schwer verletzt wurde.

Aus dem Englischen von Michael Adrian.

Quelle: F.A.Z.
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