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Veröffentlicht: 28.12.2016, 20:18 Uhr

CCC-Kongress Die Sprache der Populisten

„Lügenpresse“, „Meinungsdiktatur“ oder „Toleranzfaschismus“: Die Sprache der Populisten soll Menschenmassen provozieren und komplexe Zusammenhänge simplifizieren. Ist so ein gemeinsamer Diskurs überhaupt möglich?

von , Hamburg
© dpa Provokation und Polarisierung: Die Sprache des Rechtspopulismus soll knapp und wirksam sein.

Wie kann man mit jemandem diskutieren, der unter den vermeintlich völlig klaren Begriffen "Wahrheit" oder "Demokratie" etwas völlig anderes versteht als man selbst? Nur sehr schwer, meint Linguist und CCC-Mitglied Martin Haase, denn mitunter begegnet man Menschen, die die Sprache des Populismus sprechen. Haase lehrt romanische Sprachwissenschaft an der Universität Bamberg, betreibt das Blog neusprech.org und hielt einen der wohl unterhaltsamsten Vorträge beim Chaos Communication Congress in Hamburg. 

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Als unerschöpfliche Quelle einer zeitgenössischen populistischen Sprachneubesetzung dienten Haase die ungekürzten Videos, in denen die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali Pegida-Demonstranten interviewt. Und dort bedeutet Demokratie vor allem "Jetzt wollen wir herrschen", nicht irgendwelche abstrakten Eliten. Und Wahrheit ist in erster Linie das, was die "Lügenpresse" verschweigt, weil sie einer "Meinungsdiktatur" unterliegt. 

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Die Wahrheit ist ein sehr wichtiges Konzept des Populismus, weil sie stets einfache Gewissheiten beinhaltet und nie kompliziert oder schwer zu durchschauen ist. Zudem ist die Wahrheit des Populismus stets dystopisch gefärbt und dazu angetan, Ängste zu schüren. Meistens muss etwas oder jemand "weg" – "und zwar immer mit Ausrufezeichen!", so Haase – damit alles wieder gut wird: Merkel, die Flüchtlinge, der Euro trennen Deutschland von der Verheißung blühender Landschaften. Eine eher liberale, aber ebenso populistische Forderung ist "Steuern runter". Was folgen soll, wenn das, was weg muss, irgendwann einmal weg sein sollte, dafür gibt es kein Konzept. Auch das ist ein Kennzeichen des Populismus: Er malt Dystopien an die Wand, hat aber kein Gegenmodell zu bieten.

Ausgeprägter Rechtspopulismus

Den derzeit besonders ausgeprägten Rechtspopulismus erkennt man an Forderungen wie der nach einem "Recht der Mehrheit", der Forderung nach einem starken Staat und der Schuldzuweisung an eine Minderheit, die nicht genauer spezifiziert wird. Da werden Flüchtlinge und Einwanderer in einen Topf geworfen und mit Moslems, Islamisten und Terroristen gleichgesetzt – so genau muss man es nicht nehmen, die "Wahrheit" darf nicht zu komplex werden. Eine perfide Variante beschriebt Haase im Hass auf "Transferempfänger", die sich von Hartz4-Empfängern bis hin zu Beamten erstrecken kann. Auch der auf den ersten Blick linkspopulistische Hass auf Eliten oder "die 0,1 Prozent" endet gerne in antisemitischen Klischees, nämlich in "die Rothschilds sind schuld". 

Soviel zur Logik des populistischen Denkens. Dieses drückt sich in einer eigenen Sprache aus, die mit Bedeutungsverschiebungen und Umdeutungen arbeitet. Das wohl populärste Beispiel ist der allgegenwärtige "Gutmensch", der sich vermutlich vom französischen "Bonhomme" ableitet und ursprünglich so viel wie "Naivling" bedeutet. Doch im Populismus werden die Gutmenschen zu den eigentlich Bösen, weil sie "politisch korrekte" Sprache verwenden. Politische Korrektheit ist ein weiteres rotes Tuch des Populisten, der darin seine "Meinungsfreiheit" beschnitten sieht – und zwar genau so: Seine eigene, vermeintlich unterdrückte Meinung, nicht die Meinung anderer, die er mit deutlich weniger Furore verteidigt.

Herrscht die politische Korrektheit, so spricht der Populist vom „Toleranzfaschismus" – "das hab ich im Internet nur mit zwei L gefunden", so Haase sehr zur Erheiterung des großen Saales 1 – von Gutmenschenfaschismus oder Sprachfaschismus. Kaum ein Begriff ist dem Populisten zu heftig: Aus der Kritik am Gender-Mainstreaming wird die „Gender-Ideologie", der „Genderismus", der „Genderwahn" und schließlich der „Genderfaschismus". Zur Erinnerung: Es geht dabei um Sprachkritik. 

Wenig Berührungsängste mit historisch belasteten Wörtern

Überhaupt zeigen Populisten wenig Berührungsängste mit historisch belasteten Wörtern. Ein bekanntes Beispiel ist die Forderung von Frauke Petry, die den Begriff "völkisch" gerne entlasten und in die Alltagssprache zurückführen möchte. Allerdings war er dort nie: Er war als deutsche, also entlatinisierte Variante des Begriffes "national" eingeführt worden und machte um 1940 herum Karriere in antisemitischen Kreisen, die damit all das bezeichnen wollten, was nicht jüdisch war. 

43988628 © dpa Vergrößern Blinder Glaube an die eigene Wahrheit: Populismus tendiert zum Ausschluss gegensätzlicher Meinungen.

Aus einem ähnlichen nationalsozialistischen Dunstkreis stammt die „Umvolkung", mit der einst die geplante Re-Germanisierung slawischer Volksgruppen in den Ostgebieten gemeint war. Heute steht er für die Annahme, in Deutschland und Österreich sollten mittels gezielter "Überfremdung" Deutsche zu einer Minderheit gemacht werden, die "fremd im eigenen Land" ist. Wer der Urheber eines solchen Planes ist, darum ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien (Obama, die Weltbank, die Rothschilds, die Juden ganz allgemein), immer jedoch ist "die Wahrheit" schlicht und monokausal und hat mit der Weltherrschaft kleiner Elitengrüppchen zu tun, die alles lenken, worüber man jedoch nicht sprechen oder schreiben darf. Es ist erstaunlich, wie schnell man mit einer schlichten Begriffsanalyse im politischen Abseits landet.

Das Arsenal populistischer Sprachschöpfung ist groß und bunt, die „Bahnhofsklatscher" gehören dazu, die Flüchtlinge am Bahnhof empfingen, ebenso die "Frühsexualisierung", die Sexualkunde kritisiert. Der „Flüchtlingstsunami", der auch eine Lawine, eine Welle oder eine Krise sein kann, lenkt den Blick vom Individuum zur anonymen, bedrohlich fremden Masse. Und während der Religionskritiker üblicherweise Anhänger der Religion ist, die er kritisiert und innerhalb derer er um den rechten Glauben ringt, gilt das nicht für den "Islamkritiker", denn der findet den Islam einfach nur nicht gut, was er mit dem "Asylkritiker" gemeinsam hat. 

Provokation und Bestimmung des Diskurses

Solche Begriffe haben mitunter seltsame Konjunkturzyklen, die sich recht gut mithilfe des Werkzeugs "Google Trends" ablesen lassen. Petrys Forderung nach einer Rehabilitierung des "Völkischen" führte zu einem kurzen Anstieg der Kurve, jedoch versank der Begriff sofort wieder in der wohlverdienten Vergessenheit. 

Ganz anders das Wort des Jahres, "postfaktisch". Es tauchte am 24. August diesen Jahres als "post-truth" in einem Artikel der „New York Times“ auf und ein zweites Mal im September im „Economist“. Es bezeichnete einen Politikstil, der vor allem mit Gefühlen arbeitet, wie es dem Populismus eigen ist. In Deutschland kam der Begriff erst am 13. Dezember an, als die Kanzlerin ihn verwendete. „Postfaktisch" stammt eigentlich aus der Erkenntnistheorie und grenzt die „antefaktischen Erklärungen" der Naturwissenschaftler von den postfaktischen der Geisteswissenschaftler ab. Das muss man nicht wissen, um den Begriff zu verwenden, er wird derzeit als Synonym für eigentlich Kontrafaktisches verwendet, für Fake-News, also eigentlich eine Lüge – die dadurch verharmlost wird. Interessanter machte das deutsche „postfaktisch" eine deutlich steilere und nachhaltigere Karriere als das englische „post-truth". 

Der Populismus verfolgt mit seinen Sprachschöpfungen zwei Ziele, so Haase: Die Provokation einerseits und die Bestimmung des Diskurses andererseits. Insofern liegt es an uns und an den Medien, sorgsam mit Wörtern umzugehen. Nein, um einen "Sprachfaschismus" gehe es dabei nicht. Aber die Umdeutung, Verbiegung und Verharmlosung von Begriffen, wie sie der Populismus betreibt, verfolgt ein Ziel, das man sich nicht zu eigen machen soll. Und wenn man mit Populisten redet, solle man sich klar machen, dass man mitunter nicht auf der gleichen semantischen Grundlage argumentiert. Da helfe nur nachfragen, so wie es Hayali in ihren Videointerviews gezeigt hat: Was genau ist denn Ihre Wahrheit? Was verstehen sie darunter? 

Glosse

Arbeitsvergeudung

Von Dietmar Dath

Der Fleiß der Bienen ist sprichwörtlich. Wenn ihrem Eifer etwas in die Quere kommt, hat das handfeste gesundheitliche Gründe. Ganz anders hingegen die Fleißbienchen des modernen Arbeitslebens: ihnen steht die Ahnungslosigkeit ihrer Kollegen im Weg. Mehr 3 4

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