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Analyse Der große Strukturschwindel

07.12.2004 ·  Ist es wirklich eine Bildungsreform, die Deutschland braucht? Andere Schulen? Oder beleuchtet die Pisa-Studie nicht vielmehr die gesellschaftliche Lage? Die Schlacht um die Deutungshoheit hat begonnen.

Von Jürgen Kaube
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Hätte man nur drei Sätze, um die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Pisa-Studie 2003 zusammenzufassen, so müßten sie lauten: Es gibt Familien. Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, alle unglücklichen Familien aber sind auf länderspezifische Weise unglücklich. Und: Wir stehen vor einem Desaster sowohl der deutschen Einwanderungspolitik wie des Umganges mit den Unterschichten in diesem Land.

Es gibt Familien, das heißt: Die Studie bestätigt erneut, ein wie gutes Indiz die soziale Herkunft eines Kindes und das Wohnumfeld seiner Schule für seinen vermutlichen Schulerfolg ist. Dies gilt für alle untersuchten Bildungssysteme und ist nicht verwunderlich. Denn gerade wenn man, wie im Pisa-Test, nicht bloß schulisch vermitteltes Wissen, sondern die Fähigkeit von Jugendlichen überprüft, sich denkend zu Problemen zu verhalten, schlagen Erziehungsumstände durch.

Sie haben nichts mit dem Unterricht, aber viel mit dem sonstigen Leben der Kinder zu tun. Graphiken der Bremswege eines Kraftwagens deutet besser, wer auch außerhalb der Schulstunde schon Diagramme entziffert hat. Warum es Tag und Nacht gibt, versteht besser, wer einen Globus besitzt und dem nicht vom Milieu beschieden wird, es sei spießig, einen zu haben. Oder um noch eine Pisa-Aufgabe zu zitieren: Die Qualität eines brieflich mitgeteilten Arguments erläutert der besser, der schon einmal einen Brief erhalten hat und dessen primäre Sozialisationsinstanz nicht das Privatfernsehen ist.

Gepflegte Fiktion

Es gibt also Schulumwelt, in ihr Familien, und diese erziehen nicht alle gleichermaßen gut. Das Projekt einer Abschaffung dieser Ungleichheit hätte zum Grenzwert die Abschaffung der Familien oder von Schichtung überhaupt. Wer das vorhat, sollte es sagen und sich nicht hinter Finnlandgemälden verstecken. Man könnte dann offen über seine eigenen soziologischen Bildungsrückstände reden.

Die statt solcher Träume älterer Machart inzwischen gepflegte Fiktion, die Schule könne jede Art von Herkunftsnachteil kompensieren, müßte sich ihrerseits zu der Tatsache verhalten, daß es auch in Australien und Finnland gute und unbefriedigende Antworten in Klassenarbeiten gibt. Auch dort korrelieren diese Antworten mit Schichtung und Familie.

Den Kindern der Unterschichten wird weniger zugetraut

Sie tun es dort nur eben nicht so sehr wie hierzulande. Die Zahlen der schwächsten Schüler sind erschreckend, und diese kommen fast verläßlich aus der Unterschicht. Das liegt nicht zuletzt daran, von wem und wie in Deutschland Bildungsentscheidungen getroffen werden. Womit wir beim unterschiedlichen Unglück in den Familien sind. Denn wenn zwei Schüler in der Grundschule jeweils eine Fünf oder eine Zwei in Mathematik mit nach Hause bringen, hat das je nach Familie verschiedene Folgen.

Die Angehörigen der Unterschicht, darunter viele Migranten, schicken selbst die Begabten unter ihren Kinder nicht leicht aufs Gymnasium, die bürgerlichen Kreise hingegen selbst ihre weniger Begabten. Und noch schlimmer: Die Schule behandelt die unglücklichen wie die glücklichen Schüler ebenfalls ungleich, je nachdem, woher sie kommen. Der Beruf des Vaters wird damit zu einem besseren Vorhersagemerkmal für die Schulempfehlung als die Noten.

Gegenüber Kindern aus vom Glück verwöhnten Familien wird das Leistungskriterium also weniger starr angewendet. Die Unterschichten aber trauen ihren Kindern weniger zu, und ihren Kindern wird weniger zugetraut. Aus der Hauptschule, auf der sie sich selbst dann oft finden, wenn sie dort gar nicht hingehören, ist der Aufstieg dann ungleich schwerer als von der Vier zur Zwei auf dem Gymnasium. Und in der Hauptschule, die von der deutschen Bildungspolitik auf beispiellose Weise vernachlässigt wird, geht es dann oft nur noch um Sonderformen der Sozialarbeit.

Sachfrende Argumentation

Eben darum sagen die Ranglisten der Pisa-Studie überhaupt nichts über unsere Probleme aus. Die deutschen Schüler sind, was ihre Orientierungsfähigkeit mittels Zahlen, Geometrie und Logik angeht, im Durchschnitt nur Durchschnitt. Das ist ebensowenig beunruhigend wie sich aus der Tatsache, daß man beispielsweise in Hongkong, Finnland und Neuseeland besser abschneidet, allein schon bildungspolitische Folgerungen ableiten lassen.

Die vom Leiter der OECD-Abteilung für Bildungsstatistik, Andreas Schleicher, monoton wiederholte und von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn begierig aufgegriffene These, nur ohne dreigliedriges Schulsystem könne Deutschland das Ideal hoher Leistungen bei hohem Herkunftsausgleich verwirklichen, ist völlig sachfremd. Denn nicht nur führt ihr starrer Blick auf Punktwerte und Korrelationen dazu, daß diese sich als Pseudoempirie an die Stelle angeschauter, also nichtdurchschnittlicher Schulerfahrung schieben.

Das Versprechen, über Bildungsreform gewissermaßen kostenlos zu sozialer Gleicheit zu kommen, ist darüber hinaus von einer, man muß sagen: typisch deutschen Ideologie getragen. Wenn man nur die Schule richtig einrichtet, besagt sie, dann kann man aus den Kindern vollprächtige Staatsbürger machen, ganz egal woher sie kommen und ganz gleich wie es sonst im Land, auf seinen Arbeitsmärkten, in seinen Innenstädten und im Freizeitverhalten seiner Familien aussieht.

Gesteigerte Kausalphantasien

Die richtige Schule kann also alles? Diese Haltung führt in Deutschland seit geraumer Zeit dazu, daß unterhalb der Verwirklichung der ideal eingerichteten Schule, also in der unidealen Wirklichkeit, nichts geschieht außer der Zermürbung des Lehrpersonals durch ständig neue Reformen und Verordnungen, also Unfreiheit.

Im Unterschied zur idealistischen Schulphilosophie Fichtes, die der Lehranstalt ebenfalls alles zutraute und für die der Lehrer darum der wichtigste soziale Platzanweiser im Staate war, sagt man heute "Wissensgesellschaft" und meint damit nicht den Staat, sondern die Wirtschaft. Aber die Kausalphantasien haben sich seitdem gesteigert. Dachte doch Fichte immerhin an verschiedene soziale Positionen, die nach Maßgabe der schulischen Leistung zu besetzen seien. Heute wird allen alles versprochen - wenn nur die blöde Dreigliedrigkeit von Haupt-, Realschule und Gymnasien nicht wäre.

Die Dreigliedrigkeit hat ihre klaren Nachteile. Sie liegen darin, daß zu früh entschieden wird, welche Leistungen vom Kind wohl zu erwarten sind, und also jene mutlosen und ungerechten Entscheidungen verhältnismäßig folgenreich, ja faktisch oft irreversibel sind. Darum sollte es den Schulen ermöglicht werden, mit anderen Selektionsformen zu experimentieren. Ermöglicht, nicht verordnet - denn niemand weiß, ob und wie eine finnoide Schule hierzulande erfolgreich sein kann. In der Pisa-Studie finden sich auch unter den schwachen Schulsystemen eingliedrige.

Mangel-an-Ressourcen-erfordert-Know-How-Blabla

Die Neigung, in Bildungsfragen die Unterschichten zu vergessen, kommt hierzulande aber tatsächlich leichter auf, weil alle, die über Schulererziehung reden, damit letzlich ihre eigene, gymnasiale meinen. In diesem Sinne geht an der Pisa-Studie auch jene Kritik vorbei, die unterstreicht, daß die überprüften elementaren Kulturtechniken noch nichts mit Bildung zu tun haben.

Das stimmt zwar, betrachtet aber zugleich das Bildungssystem und seine Qualität ganz vom Gymnasium her - über das Gymnasium aber, das Abendland und die Akademikerquote muß man sich, aller nicht zu leugnenden Probleme zum Trotz, erst einmal keine Sorgen machen. Um die Verbreitung des elementaren Denkvermögens in der Schülerschaft am unteren Rand der Bildungsverteilung hingegen schon.

Und hier geht es nicht, wie der alerte Herr Schleicher aus dem Statistikbüro ständig betont, um den Beitrag dieser Schüler zu einer angeblichen Wissensgesellschaft und für die Wachstumsabsichten des Landes, also um das Mangel-an-Ressourcen-erfordert-Know-How-Blabla. Es geht vielmehr darum, daß es in diesem Land eine immense Anzahl von Kindern gibt, die um die Teilhabe an einem selbstbestimmten Leben gebracht werden.

Politik, die Armut in jederlei Form gerne leugnet

Weil es Familien gibt, deren Lebensführung dem nicht entgegensteuert. Und weil es Unterschichten gibt. Und weil insbesondere dort seit langem bildungs- und aufstiegsindifferente Einstellungen zunehmen. Und weil man beides nicht in den Familien ändern kann. Deshalb hat die Politik, die Armut in jederlei Form gerne leugnet, im Chor mit vielen Bildungsreformern den Bildungsarmen nur mitzuteilen, diesseits einer ganz, ganz großen Strukturreform und der Einrichtung von mehr Didaktiklehrstühlen sei nichts Entscheidendes auszurichten.

Dieselbe Mischung aus Verzagtheit und Unehrlichkeit läßt dann auch niemand laut sagen, daß die Ganztagsschule ihren pädagogischen - und nicht nur arbeitsmarktpolitischen - Sinn darin hat, die Kinder möglichst lange von ungünstigen Einflußquellen ihres Herkunftsmilieus fernzuhalten, was sie zu einer Art Internat für Unterschichten und andere Risikogruppen macht.

Verlagerung der Aufmerksamkeit hin zu den Unterschichten

Genau so unredlich werden die nicht-selektiven Schulsysteme in Kanada, Australien, Neuseeland, Island, Finnland angeschwärmt. Denn wie es in diesen Ländern um die sozialen Ausgangsungleichheiten, das Sprachverhalten der Einwanderer und die Kriterien für Einwanderung bestellt ist, wird genau so beschwiegen wie die Freiheiten, die man dort den Schulen läßt.

Wer darum Kindern aus bildungsarmen Schichten helfen will, der sollte nicht zum Angriff auf ein Schulsystem blasen, das diesen Angriff aus guten wie aus schlechten Gründen, überstehen wird. Denn das produziert nur jene heiße Luft, die nichts bewegt als die Fähnchen der Lobbyisten auf beiden Seiten.

Statt dessen geht es um die Verlagerung der Aufmerksamkeit hin zu den Unterschichten, um das Eingeständnis, daß gegen die Lebensstile oder „Kulturen" ganzer Gruppen erzogen werden muß. Und es geht um das Ende der Phantasie von der Schule als großer Kausalmaschine.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2004, Nr. 287 / Seite 33
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