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Analyse : Der große Strukturschwindel

Der Schulerfolg ist schichtspezifisch Bild: dpa-Zentralbild

Ist es wirklich eine Bildungsreform, die Deutschland braucht? Andere Schulen? Oder beleuchtet die Pisa-Studie nicht vielmehr die gesellschaftliche Lage? Die Schlacht um die Deutungshoheit hat begonnen.

          Hätte man nur drei Sätze, um die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Pisa-Studie 2003 zusammenzufassen, so müßten sie lauten: Es gibt Familien. Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, alle unglücklichen Familien aber sind auf länderspezifische Weise unglücklich. Und: Wir stehen vor einem Desaster sowohl der deutschen Einwanderungspolitik wie des Umganges mit den Unterschichten in diesem Land.

          Es gibt Familien, das heißt: Die Studie bestätigt erneut, ein wie gutes Indiz die soziale Herkunft eines Kindes und das Wohnumfeld seiner Schule für seinen vermutlichen Schulerfolg ist. Dies gilt für alle untersuchten Bildungssysteme und ist nicht verwunderlich. Denn gerade wenn man, wie im Pisa-Test, nicht bloß schulisch vermitteltes Wissen, sondern die Fähigkeit von Jugendlichen überprüft, sich denkend zu Problemen zu verhalten, schlagen Erziehungsumstände durch.

          Sie haben nichts mit dem Unterricht, aber viel mit dem sonstigen Leben der Kinder zu tun. Graphiken der Bremswege eines Kraftwagens deutet besser, wer auch außerhalb der Schulstunde schon Diagramme entziffert hat. Warum es Tag und Nacht gibt, versteht besser, wer einen Globus besitzt und dem nicht vom Milieu beschieden wird, es sei spießig, einen zu haben. Oder um noch eine Pisa-Aufgabe zu zitieren: Die Qualität eines brieflich mitgeteilten Arguments erläutert der besser, der schon einmal einen Brief erhalten hat und dessen primäre Sozialisationsinstanz nicht das Privatfernsehen ist.

          Gepflegte Fiktion

          Es gibt also Schulumwelt, in ihr Familien, und diese erziehen nicht alle gleichermaßen gut. Das Projekt einer Abschaffung dieser Ungleichheit hätte zum Grenzwert die Abschaffung der Familien oder von Schichtung überhaupt. Wer das vorhat, sollte es sagen und sich nicht hinter Finnlandgemälden verstecken. Man könnte dann offen über seine eigenen soziologischen Bildungsrückstände reden.

          Die statt solcher Träume älterer Machart inzwischen gepflegte Fiktion, die Schule könne jede Art von Herkunftsnachteil kompensieren, müßte sich ihrerseits zu der Tatsache verhalten, daß es auch in Australien und Finnland gute und unbefriedigende Antworten in Klassenarbeiten gibt. Auch dort korrelieren diese Antworten mit Schichtung und Familie.

          Den Kindern der Unterschichten wird weniger zugetraut

          Sie tun es dort nur eben nicht so sehr wie hierzulande. Die Zahlen der schwächsten Schüler sind erschreckend, und diese kommen fast verläßlich aus der Unterschicht. Das liegt nicht zuletzt daran, von wem und wie in Deutschland Bildungsentscheidungen getroffen werden. Womit wir beim unterschiedlichen Unglück in den Familien sind. Denn wenn zwei Schüler in der Grundschule jeweils eine Fünf oder eine Zwei in Mathematik mit nach Hause bringen, hat das je nach Familie verschiedene Folgen.

          Die Angehörigen der Unterschicht, darunter viele Migranten, schicken selbst die Begabten unter ihren Kinder nicht leicht aufs Gymnasium, die bürgerlichen Kreise hingegen selbst ihre weniger Begabten. Und noch schlimmer: Die Schule behandelt die unglücklichen wie die glücklichen Schüler ebenfalls ungleich, je nachdem, woher sie kommen. Der Beruf des Vaters wird damit zu einem besseren Vorhersagemerkmal für die Schulempfehlung als die Noten.

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