07.06.2002 · Konzeptuell durchdacht präsentiert sich die Documenta11 im Fridericianum, dem alten Herz der Kunst-Weltausstellung.
Von Katja Blomberg, KasselTransnational und Generationen übergreifend sollte sie werden die Documenta11. Hochprofessionell und konzeptuell durchdacht ist das Ergebnis - jedenfalls auf den ersten Blick. Was der selbstbewusste 39-jährige Kurator Okwui Enwezor mit 118 Künstlern und seinem Team erarbeitet hat, beeindruckte am Tag vor der offiziellen Eröffnung die internationale Kritikerzunft.
Der Documenta11-Leiter, Okwui Enwezor, wird nicht müde sein Konzept einer streng postkolonialistisch orientierten und politisch argumentierenden Documenta11 zu beschwören. Auf der Eröffnungs-Pressekonferenz betonte er vor etwa 2.500 angereisten Journalisten, dass in Zeiten großer Instabilität und historischer Umwälzungen, Kunst radikale Fragen stellen muss. Bei einer lang vorbereiteten Ausstellung wie der Documenta stünden Diagnosen statt Prognosen im Vordergrund. Sein Diskurs drehe sich mehr um Territorien als um Raum. Die Ausstellung breite ein Szenario zeitgenössischer Kunst aus, das den eurozentristisch fixierten Blick aufgebe und sowohl Ordnung und Disziplin, als auch das Auseinanderfallen in die Unübersichtlichkeit des Chaos dokumentiere.
Ein erster Rundgang durch das zentrale Documenta-Gebäude, das Fridericianum, zeigt, dass das Konzept greift. Videofilme von indischen, belgischen oder afrikanischen Künstlern geben das alltägliche Umfeld unterschiedlicher politisch-kultureller Kontexte wieder. Eine Installation von Victor Grippo erinnert etwa an die erste Alphabetisierungskampagne in Havanna 1959, während das strenge, tägliche Schreibbedürfnis einer Künstlerin wie Hanne Darboven in fast 4.000 gerahmten Din-A4-Blättern in nächster Nähe vor Augen geführt wird.
On Kawara und die Mathematik der Zeit
Im Zentrum des Fridericianums stehen zwei Künstler der älteren Generation für den Umgang mit Zeit als mathematischer Disziplin: Der Japaner On Kawara und die Deutsche Hanne Darboven. Für beide Künstler ist Lebenszeit Inhalt der Kunst und Kunst ein Mittel Leben zu deuten. Hanne Darboven füllt in täglichen Monologen weiße Blätter mit Zahlen und Buchstaben, die sie „mathematische Literatur“ oder „mathematische Musik“ nennt. Ihre Installation in Kassel, „Leben /leben“, reicht mit 2.782 gerahmten Schreibmaschinenseiten drei Geschosse in die Höhe. Überwältigend ist der Eindruck mit dem die Künstlerin, die zugleich Musikerin ist und 1941 in eine Hamburger Industriellenfamilie hineingeboren wurde, die Regelhaftigkeit und Logik von Sprache und Musik visualisiert. Darboven ist zum vierten Mal auf einer documenta dabei und breitet diesmal alle Aspekte ihrer zeitdurchmessenden Zeichen-Kunst aus, die gleichmäßig wie ein inneres Pendel wirkt und den Besucher nicht zuletzt mit sich selbst konfrontiert.
Diese Konfrontation mit Lebenszeit, als etwas, das von allen Klassifizierungen und Informationen absieht und auf ihre ordnenden Strukturen reduziert bleibt, ruft das Werk von On Kawara hervor. Sein Projekt „One Million Years (Past and Futrue)“ wird in Kassel von Sprechern vorgetragen, die in einem gläsernen Kasten sitzen und abwechselnd 32 Stunden lang Jahreszahlen verlesen. Monoton werden die Jahre seit 998.031 vor Christus bis 1969 und von 1996 bis 1.001.995 nach Christus aufgezählt. Durch Sprache wird Zeit in der Gegenwart hörbar und erlebbar. Eine stete Erinnerung an das Verrinnen der eigenen Lebensspanne, hinter der die Frage auftaucht, wie man diese denn mit Sinn erfüllt.
Die feinen Unterschiede der Fiona Tan
Hervorragend ist auch die eben erst fertiggestellte Video-Installation der 1966 in Indonesien geborenen Künstlerin Fiona Tan. Während ihres Aufenthaltes in Berlin hat sie Porträtaufnahmen von West- und Ostdeutschen Zeitgenossen gemacht, die wie Passfotos wirken, in Wirklichkeit aber bewegt sind. Auf einem im Raum hängenden Screen folgt die dokumentarische Bildserie dem Vorbild des großen Fotografen August Sander, der in den 20er Jahren eine ähnliche Reihe mit damaligen Zeitgenossen anfertigte. Mit einem überzeugenden Gespür für Details in der Kleidung, in der Haltung im Gesichtsausdruck lassen sich bei Fiona Tan die feinen sozialen und kulturellen Unterschiede deutscher Biografien ablesen.
Schon an diesem ersten Ausstellungsort, dem Fridericianum, wird deutlich, dass Werke, die den Alltag im sozialen Kontext analysieren, im Vordergrund der Documenta11 stehen. Zu den 70 Prozent neuen, extra für diese Weltkunstausstellung hergestellten Kunstwerke, wurden sehr sorgfältig fast schon historisch gewordene Positionen in das Ausstellungsgeschehen eingebaut: So etwa Dieter Roths Filmarbeit „Tagebuch“ aus dem Jahr 1982, die Roths Alltag als gelebte Arbeits-Zeit wiedergibt oder seine berühmte „Tischrunde“, eine in den Raum wuchernde Installation aus Flaschen, Möbeln, Werkzeugen, Instrumenten, Farbe und was sich sonst noch alles so in seinem Atelier bis zu seinem Tod 1998 ansammelte.