Die Unesco, Hüterin der Weltkultur, aber auch der Bildung, begeht heute den Welttag der Alphabetisierung. Preise für Erfolge im Kampf gegen Analphabetismus werden 2011 in Neu-Delhi verliehen, in Indien, wo die meisten Menschen leben, die weder schreiben noch lesen können. Menschen, die das nur unzureichend beherrschen, die funktionalen Analphabeten, werden kaum gezählt. Aber auch für sie gilt: Eine Berufsausbildung oder gar ein Studium werden sie kaum schaffen.
Und Deutschland? Drei Jahrzehnte lang stand das Hochindustrieland mit geschätzten zwei bis vier Millionen Analphabeten in den Weltbildungsberichten. Nie wurde diese Zahl nach oben oder unten korrigiert und kein Wutbürgertum weit und breit, das sich darüber hätte hörbar aufregen wollen. Lehrer, die davor warnten, galten als Störenfriede; Erziehungswissenschaftler haben sowieso andere Interessen.
Übliche Schadensbegrenzungsmaßnahmen
Und nun, im Winter dieses Jahres, eine Enthüllung, die den vermeintlichen „Pisa-Schock“ hätte übertreffen müssen: Siebeneinhalb Millionen Deutsche im arbeitsfähigen Alter sind Analphabeten. Doch blieb es still im Land. Diese Analphabeten können, auch wenn sie wollten, so der schockierende Befund einer Hamburger Studie (im Auftrag des Bundesbildungsministeriums), nicht einmal eine schriftliche Arbeitsanweisung lesen. Aber Schulen haben sie fast alle, mehr oder weniger kontinuierlich, besucht.
Wie auch anders, hat doch Preußen vor nun schon lange zurückliegender Zeit die Schulpflicht erfunden! Die imposante Urkunde des ersten Königlich Preußischen General-Land-Schul-Reglements von 1763 trägt Unterschrift und Siegel Friedrich des Großen. Der König hatte der „höchstschädlichen und dem Christentum unanständigen Unwissenheit“ den Kampf angesagt. Sicher, die Ansprüche, was junge Untertanen zu lernen und zu wissen hatten, waren andere und nicht für alle gleich.
Noch 1913 begnügte der deutsche Kaiser sich damit zu prüfen, ob jeder in der Lage war, unter Zeugen seinen eigenen Namen zu schreiben. Wer das schaffte – von ein paar tausend abgesehen, sollen es alle gewesen sein – war des Lesens und Schreibens kundig genug. Der Analphabetismus galt seitdem als beseitigt in Deutschland. Und nun, mit siebeneinhalb Millionen Wiedergängern? Die Behörden tüfteln seit März an den üblichen Schadensbegrenzungsmaßnahmen: Geld soll in die Hand genommen, Prävention ausgebaut und der Übergang in die Lehre erleichtert werden. Das klingt nach einem teuren Analphabetismus-Beschleunigungsprogramm.
Die Volksverdummung nimmt täglich zu
Mandis Tran (mandis)
- 08.09.2011, 22:30 Uhr
Siebeneinhalb Millionen Deutsche?
Michael Seip (Mike63)
- 08.09.2011, 12:19 Uhr