Der junge Mann kann sein Problem gut und knapp beschreiben: Er kann nicht richtig, eigentlich fast gar nicht lesen und schreiben. Er wisse das schon lange, seine Lehrer habe das nie sonderlich interessiert, er fiel nicht auf, weil er ein freundliches Wesen hat, und bekam schließlich den Hauptschulabschluss. Wie, kann er nicht erklären. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht aber auch, weil man ihn loswerden wollte, weiterreichen an die nächste Institution, die Wissen fürs Leben vermitteln soll. Als Kind hatte ihn der Vater immer wieder in Therapien untergebracht, ohne nennenswerte Ergebnisse, bis die Krankenkassen weitere Hilfen verweigerten. Dass ihn schließlich sein Berufsschullehrer zu einem Alphabetisierungskurs des Arbeitskreises Orientierungs- und Bildungshilfe (AOB) nach Berlin-Kreuzberg schickte, ist erstaunlich.
Das sei, sagt Ute Jaehn-Niesert, tatsächlich die Ausnahme. Mit ihrem Verein betreut sie seit Jahrzehnten junge und ältere Menschen mit ähnlich enormen Defiziten trotz des pflichtgemäßen Schulbesuchs; bevor sich ernsthafte Erfolge einstellen, vergehen oft Jahre. Neben der Alphabetisierung bietet der AOB zudem, was einzigartig ist, eine spezielle Psychotherapie an, denn der Schritt hierher ist schwer für erwachsene Menschen und nicht selten der verzweifelte Versuch, aus einer existentiellen Lebenskrise herauszufinden. Ute Jaehn-Niesert hatte vor Jahren noch eine zweite Therapeutin an ihrer Seite, doch dafür fehlt inzwischen das Geld, obwohl auch in Berlin sehr viel mehr Analphabeten leben, als lange angenommen wurde.
Warum aber nur wenige Lehrer diese Hilfe überhaupt empfehlen, ja nicht einmal anderswo Alarm schlagen, wenn ihre Schüler das minimalste Schulziel offensichtlich verfehlen, gehört in die Grauzonen eines ehrgeizigen Bildungssystems, das seinen Fokus auf Abitur, Universität und Hochqualifizierte gerichtet hat. Dabei zeigen Schulleistungstests immer wieder: Etwa jeder fünfte Fünfzehnjährige gehört in diese Risikogruppe.
Eine „Maßnahme“ geht immer
Es gibt sicher auch Lehrer, die daran verzweifeln, weil sie durchaus versucht haben, auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Doch Schulbehörden belohnen solche Warnungen nicht, im Gegenteil, es gilt schnell als Versagen der Schulen, also wird vertuscht und geschwiegen - mit verheerenden Folgen für das weitere Leben der anonymen Analphabeten. Unter den sechzig- bis siebzigtausend Jugendlichen, die jedes Jahr deutsche Schulen ohne Abschluss verlassen, befinden sich Zehntausende auf dem direkten Weg in den funktionalen Analphabetismus.
Ihre rudimentären Kenntnisse im Lesen, Schreiben und meist auch im Rechnen werden weiter verkümmern, weil sie zwar von einem gut ausgestatteten sozialen Netz aufgefangen werden, das sich jedoch nur sehr selten um diese grundlegenden Fähigkeiten kümmert. Seit Jahrzehnten wird die Verantwortung für Analphabeten zwischen Berufsbildung und Schulsystem hin und her gereicht und irgendwo dazwischen begraben. Neben wenigen Vereinen wie dem Berliner AOB sind es vor allem unsere Volkshochschulen, die Erwachsenen das Lesen und Schreiben beibringen. Doch können sie nur wenige dieser Kurse anbieten. Auch darum ist Analphabetismus so weit verbreitet in unserem Land, das Politiker gern als „Bildungsrepublik“ feiern, weil das Unvermögen von Millionen Bürgern zwar ein Skandal ist, doch keiner, der Schlagzeilen macht.
Die Hoffnung, Deutschland wachrütteln zu können, trügt
Hierzulande ist es durchaus möglich, ohne ausreichend lesen und schreiben zu können einen Computerkurs, bezahlt vom Arbeitsamt, zu besuchen - einen Kurs, eine sogenannte „Maßnahme“, der wie viele seiner Art jede Menge zweifelhafter Arbeitsplätze, nämlich die der Veranstalter, sichern hilft. Nur gehen diese Teilnehmer leer aus, sieht man von einem an sich wertlosen Zertifikat ab, das ihnen kaum zu Arbeit verhelfen wird, weil sie ja doch nur einzelne Wörter tippen können.
Vor neun Jahren riefen die Vereinten Nationen eine Weltalphabetisierungsdekade aus, sie endet mit diesem Jahr. Im gleichen Jahr noch wurden in einer Stadt in Sachsen-Anhalt die „Bernburger Thesen“ verabschiedet. Sie forderten unter anderem, Analphabetismus zum Pflichtthema der Lehrerausbildung zu machen. Vergeblich. Die Hoffnung, Deutschland zumindest wachrütteln zu können, trog. Der Schlaf der Selbstgerechten ist besonders tief. Dem Analphabetismus in einem Land den Kampf anzusagen, das seit über zweieinhalb Jahrhunderten die Schulpflicht kennt, müsste, sollte man meinen, ein Leichtes sein. Doch weit gefehlt.
Alles, nur nicht auffallen
Als der Bundesverband Alphabetisierung sich 2003 in Bernburg traf, wusste man zumindest dort, dass es sich um ein großes Problem der Deutschen handelt, doch befand man sich noch im Stande der Unschuld, was sein Ausmaß betraf. Dieser Schleier der Unwissenheit wurde erst vor einem Jahr weggezogen, als die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Anke Grotlüschen ihre Leo-Studie vorstellte. Bisher ging man - auch das erschreckend, aber mit Gleichmut ertragen - von etwa zwei bis dreieinhalb Millionen Analphabeten in Deutschland aus, darunter viele, die völlig des Lesens und Schreibens unkundig sind, die meisten aber sind sogenannte funktionale Analphabeten. Sie können vielleicht einige Worte entziffern, jedoch keinen noch so einfachen Text im Zusammenhang.
Frau Grotlüschens Studie konfrontierte uns mit der Tatsache, das siebeneinhalb Millionen Menschen, im Alter zwischen achtzehn und vierundsechzig Jahren, funktionale Analphabeten sind. Eine konservative Schätzung, betont die Professorin, zumal noch einmal mehr als dreizehn Millionen Menschen hinzukommen, die auch gebräuchliche Wörter nur fehlerhaft schreiben und einfache Texte kaum verstehen. Alle haben die deutsche Schule durchlaufen, weit mehr als die Hälfte der Analphabeten sind deutsche Muttersprachler. Jeder zweite besitzt einen Hauptschulabschluss, einem Fünftel wurde gar die mittlere Reife attestiert - für Fähigkeiten, die sie nie hatten; und mehr als die Hälfte hat sogar Arbeit.
Großer Bedarf trifft auf kleines Angebot
Diese Arbeiten, mögen sie noch so einfach sein, unauffällig und richtig zu erledigen erfordert von Analphabeten eine unglaubliche Kreativität. Sie sind fleißig, angepasst, erfinden komplizierte, zuweilen hochoriginelle Lügen. Denn alles ist darauf ausgerichtet, nicht aufzufallen, sich ein Netz von verschwiegenen Helfern zu weben - was Abhängigkeiten schafft, selten Erlösung. Wenn der Betrieb dann zum Beispiel umstrukturiert wird oder pleite ist, bricht diese Welt vergeudeter Intelligenz zusammen. Manche schaffen es, sich Hilfe zu suchen, aber es sind die wenigsten. Und wären es mehr - wer sollte sie auffangen? Das Verhältnis vorhandener Plätze in Alphabetisierungskursen - etwa zwanzigtausend - zum Bedarf, geht man davon aus, dass die meisten Betroffenen zu überzeugen wären, ist grotesk.
In Schleswig-Holstein sind etwa 73.000 Erwachsene betroffen; für sie werden gerade mal sechshundertfünfzig Plätze in Alphabetisierungskursen angeboten. Also ist es müßig darüber zu reden, wie viele aus dem Millionenheer gern lernten, was jeder können sollte. Nie würden sie sich zu erkennen geben an einem öffentlichen Ort, auf dem Bürgeramt oder bei der Polizei. Sie leben nicht zurückgezogen, aber sie haben ihre Not gut versteckt, weil sie wie die Gesellschaft glauben, dass nicht sein darf, was nicht sein kann in einem Land mit diesem Bildungssystem.
Es braucht feste Institutionen, nicht nur guten Willen
Auf diese Stigmatisierung, tief verinnerlicht von den Betroffenen, zielen nun wenige Monate vor Ende der Weltalphabetisierungsdekade erste Bemühungen der Politik. Aus dem Bundesbildungsministerium wird für Aufklärungskampagnen viel Geld zur Verfügung gestellt. Das ist gut, aber man stelle sich vor, nach einigen gut plazierten Sendungen in der ARD oder im ZDF klopften plötzlich nur fünfzigtausend aus dem anonymen Millionenheer hoffnungsvoll an die Türen der Volkshochschulen.
Mit freundlichen Verweisen auf eine Warteliste würde man sie nur abschrecken, so viel Mut fassen sie nicht ohne weiteres ein zweites Mal. Und in allen nun nach und nach verfassten Papieren zum Thema taucht der verräterische Satz auf, wonach der Bund diese Sache unterstützt, auch Forschung finanzieren will. Nur die Kurse, das Eigentliche, das Tor in die Welt der Mehrheit, die seien Sache der Länder und Kommunen. Städte, die in ihrer Finanznot gerade nachdenken, ob man Bibliotheken schließt und kleine Theater - die sollen in krisenhaften Schuldenbremszeiten plötzlich freiwillig stemmen, was Jahrzehnte ignoriert wurde?
Nachfragen ergeben fast immer: Die Volkshochschulen, die machen das doch. Aber die Volkshochschulen schaffen das zumeist nur, wenn sie innerhalb der Schule umschichten. Mehr Yogakurse teuer verkaufen, um vom Gewinn einen Alphabetisierer einzustellen. Der bisher ein beschämend kleines Honorar bekommt und den man vor allem erst mal finden muss auf dem freien, leergefegten professionellen Bildungsmarkt. Weder in der Lehrerausbildung noch in anderen Studiengängen wird das vermittelt, was erwachsene Analphabeten brauchen. Für wohlmeinende Laien aber taugt diese schwierige Aufgabe nicht. Die Sorge professioneller Alphabetisierer, hier könnte sich der nächste graue Helfermarkt entwickeln, um wenigstens den Anschein zu erwecken, jahrzehntelange Versäumnisse aufholen zu wollen, ist nicht unbegründet. Was fehlt, sind feste Institutionen, aber keine „Projekte“ mit guten Absichten.
Die selige Wegschauruhe zumindest ist bald vorbei
Im Dezember vergangenen Jahres wurde eine „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ beschlossen, ein kleiner Etappensieg für die unermüdliche Anke Grotlüschen, die seit einem Jahr landauf, landab reist, um ihre bitteren Erkenntnisse zu erläutern. Die Bildungspolitiker der SPD-Fraktion im Bundestag haben mit ihren Anträgen immerhin erreicht, dass sich der Bildungsausschuss zu einem „Fachgespräch“ zusammenfand. Überwältigt von den dort eindringlich vorgetragenen Zuständen und ihren Ursachen im Land waren nicht so viele Abgeordnete, wie man erwarten dürfte. Auch die vielzitierte „Nationale Strategie“ klang noch sehr nach Papiertiger, ohne Fleisch und Blut. Und was sollte nun geschehen, fragte tatsächlich ein Abgeordneter die geladenen Experten. Es ging dem Ende zu, und viele seiner Kollegen hörten schon nicht mehr zu oder gönnten sich eine Kaffeepause.
Wenn es gutgeht, dann wird diese Sache, die unsere Schande ist, demnächst im Plenum des Bundestages debattiert. Vielleicht tut sich ja doch etwas, werden nicht nur noch mehr wohlklingende Absichtserklärungen produziert. Spätestens im nächsten Jahr wird es ohnehin vorbei sein mit der seligen Wegschauruhe im Land. Dann ist in Sachen Alphabetisierung eine internationale Studie angekündigt, ähnlich der Pisa-Studie. Das wäre der letzte und vermutlich lauteste Weckruf. Und es könnte peinlich werden, wenn Deutschland dort bescheinigt wird, es gehöre bald zur Dritten Welt im Kampf gegen die Unwissenheit.
Durchgereicht und weggelogen
Martin Niedermeier (Analphabet)
- 28.02.2012, 20:05 Uhr
Digitale Analphabeten
Walter Müller (camier)
- 28.02.2012, 07:07 Uhr
Eingewanderter Anaphabetismus
Andreas Müller (abumachuf)
- 27.02.2012, 20:48 Uhr
Die Zahlen erscheinen mir extrem
Theodor Wedel (TheodorWedel)
- 27.02.2012, 19:04 Uhr
Ursachen?
Erich Jansen (Nonosus)
- 27.02.2012, 19:03 Uhr