Home
http://www.faz.net/-gqz-6xuzo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.02.2012, 09:29 Uhr

Analphabetismus in Deutschland Durchgereicht und weggelogen

Eine deutsche Schande: Siebeneinhalb Millionen Analphabeten leben unter uns. Wenn sich daran nichts ändert, wird die „Bildungsrepublik“ zum Entwicklungsland.

© dpa Schreibkurs: Mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten

Der junge Mann kann sein Problem gut und knapp beschreiben: Er kann nicht richtig, eigentlich fast gar nicht lesen und schreiben. Er wisse das schon lange, seine Lehrer habe das nie sonderlich interessiert, er fiel nicht auf, weil er ein freundliches Wesen hat, und bekam schließlich den Hauptschulabschluss. Wie, kann er nicht erklären. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht aber auch, weil man ihn loswerden wollte, weiterreichen an die nächste Institution, die Wissen fürs Leben vermitteln soll. Als Kind hatte ihn der Vater immer wieder in Therapien untergebracht, ohne nennenswerte Ergebnisse, bis die Krankenkassen weitere Hilfen verweigerten. Dass ihn schließlich sein Berufsschullehrer zu einem Alphabetisierungskurs des Arbeitskreises Orientierungs- und Bildungshilfe (AOB) nach Berlin-Kreuzberg schickte, ist erstaunlich.

Regina Mönch Folgen:

Das sei, sagt Ute Jaehn-Niesert, tatsächlich die Ausnahme. Mit ihrem Verein betreut sie seit Jahrzehnten junge und ältere Menschen mit ähnlich enormen Defiziten trotz des pflichtgemäßen Schulbesuchs; bevor sich ernsthafte Erfolge einstellen, vergehen oft Jahre. Neben der Alphabetisierung bietet der AOB zudem, was einzigartig ist, eine spezielle Psychotherapie an, denn der Schritt hierher ist schwer für erwachsene Menschen und nicht selten der verzweifelte Versuch, aus einer existentiellen Lebenskrise herauszufinden. Ute Jaehn-Niesert hatte vor Jahren noch eine zweite Therapeutin an ihrer Seite, doch dafür fehlt inzwischen das Geld, obwohl auch in Berlin sehr viel mehr Analphabeten leben, als lange angenommen wurde.

Warum aber nur wenige Lehrer diese Hilfe überhaupt empfehlen, ja nicht einmal anderswo Alarm schlagen, wenn ihre Schüler das minimalste Schulziel offensichtlich verfehlen, gehört in die Grauzonen eines ehrgeizigen Bildungssystems, das seinen Fokus auf Abitur, Universität und Hochqualifizierte gerichtet hat. Dabei zeigen Schulleistungstests immer wieder: Etwa jeder fünfte Fünfzehnjährige gehört in diese Risikogruppe.

Eine „Maßnahme“ geht immer

Es gibt sicher auch Lehrer, die daran verzweifeln, weil sie durchaus versucht haben, auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Doch Schulbehörden belohnen solche Warnungen nicht, im Gegenteil, es gilt schnell als Versagen der Schulen, also wird vertuscht und geschwiegen - mit verheerenden Folgen für das weitere Leben der anonymen Analphabeten. Unter den sechzig- bis siebzigtausend Jugendlichen, die jedes Jahr deutsche Schulen ohne Abschluss verlassen, befinden sich Zehntausende auf dem direkten Weg in den funktionalen Analphabetismus.

Ihre rudimentären Kenntnisse im Lesen, Schreiben und meist auch im Rechnen werden weiter verkümmern, weil sie zwar von einem gut ausgestatteten sozialen Netz aufgefangen werden, das sich jedoch nur sehr selten um diese grundlegenden Fähigkeiten kümmert. Seit Jahrzehnten wird die Verantwortung für Analphabeten zwischen Berufsbildung und Schulsystem hin und her gereicht und irgendwo dazwischen begraben. Neben wenigen Vereinen wie dem Berliner AOB sind es vor allem unsere Volkshochschulen, die Erwachsenen das Lesen und Schreiben beibringen. Doch können sie nur wenige dieser Kurse anbieten. Auch darum ist Analphabetismus so weit verbreitet in unserem Land, das Politiker gern als „Bildungsrepublik“ feiern, weil das Unvermögen von Millionen Bürgern zwar ein Skandal ist, doch keiner, der Schlagzeilen macht.

Die Hoffnung, Deutschland wachrütteln zu können, trügt

Hierzulande ist es durchaus möglich, ohne ausreichend lesen und schreiben zu können einen Computerkurs, bezahlt vom Arbeitsamt, zu besuchen - einen Kurs, eine sogenannte „Maßnahme“, der wie viele seiner Art jede Menge zweifelhafter Arbeitsplätze, nämlich die der Veranstalter, sichern hilft. Nur gehen diese Teilnehmer leer aus, sieht man von einem an sich wertlosen Zertifikat ab, das ihnen kaum zu Arbeit verhelfen wird, weil sie ja doch nur einzelne Wörter tippen können.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mit Kindern sprechen Mama, was ist ein Terrorist?

Anschläge, Vergewaltigungen, Klimawandel – die Welt ist voller Gefahren. Das kriegen auch Kinder mit. Doch wie viel Wahrheit verträgt ein Kind? Und wie soll man sie ihm beibringen? Mehr Von Anke Schipp

07.02.2016, 15:01 Uhr | Gesellschaft
Weil ich ein Dicker bin Entstehung des Buches

Bertram Eisenhauer erzählt, wie er auf die Idee gekommen ist, ein Buch über sein Dicksein zu schreiben. Mehr

25.01.2016, 18:14 Uhr | Gesellschaft
Öffentlicher Nahverkehr Berliner Kindl auf Frankfurter Straßen

Die Verkehrsgesellschaft traffiq testet einen Doppeldeckerbus auf der Linie 30. Als Leihgabe aus Berlin bringt der Bus Kinder zum Strahlen und Erwachsene zum Diskutieren. Mehr Von Marcus Reinhardt, Frankfurt

08.02.2016, 08:30 Uhr | Rhein-Main
Nützliche Alltagshelfer Roboter erobern sich immer mehr Arbeitsbereiche

Roboter sind aus der Industrie nicht mehr wegzudenken. Sie kommen an immer mehr Stellen zum Einsatz. Mit ihrer Hilfe können Ärzte bald operieren. Doch Roboter könnten in Zukunft auch in Schulen beim Unterricht helfen. Mehr

27.01.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Zuwanderung Warum viele Migranten in Deutschland gegen Flüchtlinge sind

Unter deutschen Muslimen sind Ressentiments gegen Einwanderer genauso verbreitet wie in der restlichen Bevölkerung, dabei waren viele von ihnen selbst mal Flüchtlinge. Woran liegt das? Eine Spurensuche in Hamburg. Mehr Von Yasemin Ergin, Hamburg

10.02.2016, 11:15 Uhr | Politik
Glosse

Die Glocken müssen bleiben

Von Jürg Altwegg

Der französische Staat wollte die Glocken von Notre Dame mit dem Segen der Kirche nach China verscherbeln. Ein Aufschrei ging durchs Land. Die Glocken sind tief im nationalen Gedächtnis verankert. Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“