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An Spaniens Stränden Das Badehosen-Universum

27.08.2008 ·  Lange kam die Mode an den Stränden Spaniens nur mit kleinen Schritten voran. Diesen Sommer folgt der Auftritt der Männer einem ausgefallenen Muster - der Blüte des Hibiskus. Eine Missionsgeschichte.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Die erste Urlaubswoche war vorbei, die Strände der Provinz Cádiz füllten sich, da sagte unsere Freundin ohne eine Spur von Bosheit: „Ist dir schon mal aufgefallen, welche Badehosen die Männer dieses Jahr tragen?“

Ich musste zugeben, dass es mir vollständig entgangen war. Zur Urlaubsvorbereitung prüfe ich den Bestand, tausche gelegentlich einen Gummizug aus, der durch Salzwasser gelitten hat, werfe eine Badehose aber erst weg, wenn sie verfärbt, zerschlissen, durchlöchert oder sonst wie unrettbar ist. Selbst ein Exemplar in einer Mischung aus Leberwurstgrau und Zahnbelaggelb, wie Otto Waalkes sagen würde, das ich in einer Notlage im Baskenland gekauft habe, existiert noch. Immer, wenn ich die baskische Badehose untersuche, stelle ich fest, dass die Nähte noch halten. Und je mehr wir schon zusammen erlebt haben, die baskische Badehose und ich, desto schwerer wird es, sie auszumustern.

„Dieses Jahr“, sagte unsere Freundin, „tragen die Männer Hibiskusblüten. Außer dir. Sieh dich mal um.“

Manchen Männern tut das gut, sagt sie

Es stimmte. Wohin ich blickte, sah ich Badeshorts mit Blütenvariationen in feineren oder dickeren Linien, mal als durchgehendes Motiv, mal auf der Hüfte zitiert, hier in kreischenden, da in brüllenden und dort in quietschenden Farben. Am besten gefiel mir Hibiskus in Schwarzweiß, es umgab den Träger mit etwas Noblem, als wäre er Roger Federer. Ich sah an mir hinunter und fand meine Badehose immer noch in Ordnung. Aber sie hatte innerhalb von Sekunden an Wert verloren. Sie war nicht aktuell. Sie war eindeutig nicht das, was in diesem Jahr an spanischen Stränden getragen wurde.

„Ein weiteres Detail der Badehosenmode“, sagte unsere Freundin, „sind die Linien quer übers Gesäß. Ich nenne es optische Arschverkleinerung. Die Linie durchbricht die Fläche und teilt sie auf. Siehst du da vorn? Manchen Männern tut das gut.“

Auch diese Information war eine Offenbarung für mich. Bisher hatte ich immer „klassisch“ gekauft und die Badehosentrends verschlafen. Ich wähle blaue Badeshorts, zum Beispiel. Oder weiß-hellblau gestreifte, wenn ich mutig bin. „Die sehen doch aus wie ein Schlafanzug“, sagte unsere Freundin. Die weiß-hellblau gestreifte Hose hatte ich erst seit fünf Jahren, aber die Freundin, das bemerkte ich jetzt, hatte recht. Meine Badeshorts sahen aus wie ein Schlafanzug.

Warum nicht Lotusblüte, frage ich

Seit diesem Gespräch betrachtete ich den Strand, die Männer und die Männerbadehosen des Jahres 2008 mit anderen Augen. Ich begann, gewissermaßen eine Hibiskusblütenstatistik zu führen, und war überrascht, auf welch vielfältige Weise das Motiv in die südspanische Sommermode gesickert war. Es fand sich auch in Bikinis, Strandlatschen, Kinderkappen. Hibiskus war überall. „Warum nicht Lotusblüte?“ sagte ich, um meine Irritation zu verbergen. „Warum nicht Kaktus oder Hyazinthe?“

„Das weiß niemand“, sagte unsere Freundin weise.

„Und warum hat mir im Frühjahr niemand davon erzählt?“ klagte ich. „Ich hätte mir doch auch eine Hibiskusblütenbadehose kaufen können.“

In den spanischen Klatschmagazinen, die ich im Sommer immer lese, um zu wissen, wer an welchem Strand Urlaub macht, wer sich mit wem zerstritten oder versöhnt hat, und wer ein Kind bekommt, in diesen Magazinen suchte ich auch nach der Hibiskusblüte. Ich fand sie am Körper von Iñaki Urdangarín, Herzog von Palma, dem Mann von Cristina, Infantin von Spanien. Etwas Florales trug auch Jean Sarkozy, der Sohn des französischen Staatspräsidenten, als er mit seiner Verlobten Jessica auf Korsika im Wasser herumtollte, doch dem Blütenmotiv fehlte der charakteristische lange Stempel. Eine wirkliche Enttäuschung war der Stierkämpfer Finito de Córdoba, der mit seiner hochschwangeren Frau in Sotogrande Urlaub machte und dabei eine Badehose trug, die aussah wie eine aus meiner Sammlung.

Wohin ist es mit uns gekommen, frage ich mich

Als ich des Suchens müde war, dachte ich über den Sinn des Strandlebens allgemein nach, die Muße, den Voyeurismus, das Verstreichen der Zeit. Irgendwo stand ein langer Artikel darüber, dass vierzig Prozent aller Schönheitsoperationen in Spanien an Menschen unter einundzwanzig Jahren vorgenommen werden. Manche Eltern schenken ihren Töchtern zum fünfzehnten Geburtstag größere Brüste oder eine schlankere Nase oder ein kleineres Kinn. Gelegentlich gehen diese Operationen daneben, dann müssen die Eltern zum sechzehnten Geburtstag noch mal eine Operation springen lassen.

Eines Spätnachmittags, als ich gar nicht mehr an Hibiskusblütenbadehosen dachte, ließ sich ein paar Meter weiter eine junge, tief gebräunte Frau nieder, die bis auf einen sehr schmalen Stoffstreifen nackt war. Ich bewunderte die chirurgische Meisterleistung, die an ihrem Oberkörper vollbracht worden war. Dann sah ich die Tätowierung. Wie ich in den nächsten Minuten herausfand, verlief sie vom Nacken über die Schulter und die linke Brust via eine Gesäßhälfte (links) zum Oberschenkel und von dort am Knie vorbei bis zum Knöchel hinunter. Ich fragte mich, wohin es mit uns gekommen ist. In Malaysia zum Beispiel dürfen sich Frauen am Strand nicht ausziehen und wissen trotzdem zu gefallen. Sie stecken sich einfach eine Hibiskusblüte ins Haar. Eine Hibiskus-Art, die auch „chinesische Rose“ genannt wird, ist die Nationalblume Malaysias.

Wann begreift ihr endlich, dass es Hibiskus ist!

Als der Urlaub vorbei war, stellte ich ernsthafte Nachforschungen zur deutschen Männerbademode an und inwiefern sie sich von der spanischen unterscheidet. Die erste Erkenntnis war, dass die Sprache des Internet-Versandhandels weit hinter die Vielfalt der angebotenen Badehosen zurückfällt. Bei schwarzgemusterten Badeshorts steht etwas von „modischem Allover-Druck“, bei der blauen Variante etwas von „trendigem“ Allover-Druck mit zwei seitlichen Eingrifftaschen, nichts von Hibiskus, obwohl jeder Zweifel ausgeschlossen war. Die schmeichelnd-dynamische Gesäßform, auf die unsere Freundin mich am Strand hingewiesen hatte, fand ich in einer Boxerbadehose wieder, „im aktuellen Look mit Kontrastpaspelierung vorn und hinten“. Bei der schwarzgrauen Badehose in „angesagter Army-Optik“ von Bruno Banani erfasste mich leichter Schwindel. Das Modell hatte so etwas Überhitzt-Überwuchert-Dschungelhaftes, dass ich fast dazu neigte, Hibiskus zu halluzinieren, wo gar kein Hibiskus war.

Der deutsche Markt - das jugendfreie Segment - unterscheidet übrigens penibel zwischen Beach-Pants, Beach-Strings, Beach-Slips und natürlich Beach-Stringpants; vermutlich gibt es aber auch Beach-Slipstrings, die mir aufgrund ihrer geringen Größe entgangen sind. Bei der Firma Oboy stoße ich auf das Modell „Brazil“ und lese von fünf verschiedenen Passformen: Hippants, Hipslip, Pants, Stringpants und String. „Jede Badehose ein Highlight für sich“, heißt es da, und ich glaube es sofort, „schnelltrocknend, luftdurchlässig, soft feeling“.

Die männlichen Models sind meistens reine Muskeltiere, man sieht noch nicht einmal den Kopf. Was mal die klassische Badehose für 12,90 Euro war, darf dagegen auch von blassen Männern mit leichtem Bauchansatz dargeboten werden. Ansonsten bringt die Prosa der Bademodenhersteller außer „angesagter Retro-Form“ oder „dekorativem Allover-Druck“ nicht viel auf die Reihe. Das Höchste der Gefühle ist die Produktbeschreibung „Olympia-Badehose, floral bedruckt“. Aber es ist nicht floral! will ich dem unterbezahlten Werbetexter zurufen. Wann begreift ihr endlich, dass es Hibiskus ist!

Ein leicht florales Design, sagt der Kollege

Zufällig rufe ich in diesen Tagen den Künstler Nikolaus Heidelbach an. Wir reden zunächst über ernste Dinge wie Kunst oder Kafkas Gesamtwerk. Dann erzähle ich ihm von meinen Badehosenbeobachtungen. Vielleicht kann ein Künstler, der schon so viele ausgefallene Anatomien gemalt hat, etwas dazu beitragen. Als ich den Hibiskus erwähne, schweigt er. Erst bei dem auffälligen Gesäßschnitt wird er lebendig. „Ach, das“, sagt Heidelbach, „das gab's doch schon mal vor dreißig, vierzig Jahren in der Jeansmode. Eine Bogennaht auf dem Hinterteil, ich weiß es noch genau. Manche Frauen sahen damit sensationell aus.“

„Höre ich da pubertäre Erfahrungen heraus?“ frage ich.

„Na klar“, antwortet Heidelbach. „Guck! Glotz! Zum Beispiel die Freundin meines Bruders, Anfang der siebziger Jahre. Sie war Sportlerin.“

Ich rufe einen Frankfurter Redaktionskollegen an und frage, welches Muster seine Badehose hat. „Kann ich dir sofort sagen“, antwortet er. „Ein leicht florales Design von Zegna. Ich habe es im Frühjahr in Rom gekauft. Neunzig Euro.“

„Das ist nicht floral“, rufe ich, „das ist Hibiskus!“

Später schreibt mir der Kollege in einer E-Mail, seine Frau habe in Frankfurter Läden recherchiert, Goethe-Straße, dort kosteten die Badehosen bis zu hundertvierzig Euro. Da seien seine neunzig Euro doch ein echtes Schnäppchen. Insgeheim beneide ich ihn darum, dass er seine Badehose für die neue Saison in Rom kauft und dann auch noch die Hibiskus-Variante von Zegna wählt. Und die Frage, die in meinem Inneren immer lauter geworden ist, bis sie wie Donnerhall klingt - muss ich mein Leben ändern? -, sie ist beantwortet: Nächsten Sommer.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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