26.04.2002 · Fördern Filme und Computerspiele die Gewalt? Sind sie schuld, wenn Kinder Amok laufen? Die Wissenschaft ist ratlos.
Von Holger ChristmannZwei Frauen wollen sich an der Männerwelt rächen. Bewaffnet ziehen sie durch Frankreich und erschießen ihre Liebhaber. „Menschenverachtend“ fanden selbst hartgesottene Kritiker den französischen Film „Baise-Moi“. Und doch bilden Filme über Amokläufer längst eine eigene Gattung.
Nach dem Massaker im amerikanischen Littleton 1999, bei dem zwei Schüler dreizehn Klassenkameraden und einen Lehrer niedergeschossen hatten, wurde über diese Filme heftig diskutiert. Als Beispiele dienten damals Streifen wie Oliver Stones „Natural Born Killers“, der von einem Killerpaar handelt, das die Medien zu Popstars hochjubeln.
Erwähnt wurden auch „Pulp Fiction“, „Scream“ oder „Jim Carroll" mit Leonardo di Caprio. Die Diskussion kam, wie immer, zu keinem eindeutigen Ergebnis: Einerseits, so wurde wieder klar, kann nicht bestritten werden, dass Filmfiguren Vorbilder sind und ihre Handlungen anfällige Gemüter zur Nachahmung anregen. Andererseits kann man der Kunst nicht verbieten, Gewalt darzustellen, zumal Gewalt ein unübersehbarer Bestandteil des Lebens ist.
Am Ende konnte sich auch ein sichtlich schockierter Präsident Clinton mit seinem Vorschlag nicht durchsetzen, eine automatische Jugendsperre für Gewaltdarstellungen im Fernsehen durchzusetzen.
Klagen gegen Spielehersteller
Ähnlich unsicher ist, ob ein Zusammenhang zwischen Gewalt und Computerspielen besteht. Die Attentäter von Littleton waren versiert in dem Computerspiel „Doom“, bei dem der Computerspieler hemmungslos drauflos ballern muss, und zwar auf alles, was sich ihm in den Weg stellt. Die Eltern der Opfer des Schulmassakers von Littleton reichten im letzten Jahr eine Multi-Milliarden-Dollar-Klage gegen den Hersteller des Spiels sowie gegen 25 weitere Medienunternehmen ein. Doch auch der Zusammenhang zwischen Computerspielen und Amokläufen ist nicht gesichert. Die sogenannte Stimulationstheorie besagt, dass Computer-Spiele die Aggressionsbereitschaft fördern. Die Inhibitionstheorie geht davon aus, dass aggressive Computer-Spiele Angst erzeugen und die Aggressionsbereitschaft hemmen. Die Habitualisierungstheorie glaubt an einen Abstumpfungseffekt.
Vielleicht war die Computerspiel-Sucht der Schüler von Littleton auch auf ganz andere Weise ein Symptom: Sie war Ausdruck einer Abkapselung von der wirklichen Welt, einer Vereinsamung, die die Täter von ihren Mitschülern entfernt hat.
Und der Leiter der Selbstkontrolle der Unterhaltungsindustrie, Klaus-Peter Gerstenberger, hat wohl nicht Unrecht, wenn er gegenüber dem Informationsdienst heise.de darauf hinweist: „Wenn Jugendliche sich zu Mord und Selbstmord entschließen, dann scheitern sie in der wirklichen Welt, nicht in der Spielewelt.“