22.11.2006 · Das Gerede über Gewalt in den Medien dokumentiert oft eine riesige Heuchelei. Die Frage ist, wie es kommt, daß sich immer mehr Vergnügen an schockierenden Gegenständen in der Kultur einrichten kann.
Von Jürgen KaubeEin Realschüler bewaffnet sich, versucht, in seiner Schule ein Blutbad anzurichten, verletzt dabei acht Menschen, und dann erschießt er sich. Vorher kündigt er das Ganze im Internet an. Dort hat er auch länger schon von seiner Wut auf den Rest der Welt geschrieben, Spuren in psychologischen Beratungsforen und auf Hobbyseiten hinterlassen, auf denen sich Fans von Schießgerät, Computerspielen und Gruselfilmen austauschen.
Zu den Videos, die der Attentäter als Ankündigung seiner Tat ins Internet gestellt hat, läuft das Haßlied einer Rockkapelle. Er selber posiert dort mit Tarnanzug und Gewehr und trug ansonsten habituell einen langen schwarzen Mantel, wie man sie vom Kampfpersonal der „Matrix“-Filme kennen kann. Der Täter spielte das Horrorspiel „Doom 3“ und kannte sich auch mit anderer Killersimulations-Software aus. In seiner Freizeit trieb er sich im Wald mit Waffen herum, die mit Plastikgeschossen bestückt sind.
Das ist der Befund. Es ist ein kultureller Befund, denn offenkundig sind seine einzelnen Elemente von jenem Attentäter nicht originell und individuell zusammengestellt worden. Er folgte einem Konsummuster, einer Mode, deren Accessoires zwar nicht zwingend untereinander verbunden sind: Aus „Death-Metal“-Konsum folgt nicht Waffenbesitz, der Konsum von Horrorkino verursacht nicht Haß auf die Welt, und Killerspiele erzeugen keine Killer. Aber im Sinne eines Habitus, einer Disposition und statistisch sind diese Einträge in der Biographie des Amokläufers einander doch verwandt. Wer sich freiwillig Musik aussetzt, deren Texte sich ständig auf Verachtung, Tod und Teufel reimen, wird etwas daran finden. Schußwaffengebrauch, tatsächlicher und gespielter, als Mittelpunkt des Freizeitverhaltens - niemand bei Verstand oder besser: niemand mit Herz wird das als normal empfinden.
Es geht nicht um Psychologie
Dabei muß der Täter sie, die Wut und die gewalttätigen Phantasien, nicht einmal „in den Medien“ gefunden haben. Vielleicht bringt so jemand den Haß auch schon mit. Vielleicht wird eine pubertäre Verachtungsgeste, die sich auch harmlos entwickeln kann, durch medialen Gewaltkonsum bestätigt und bestärkt. Vielleicht ziehen Subkulturen und die isolierten Unendlichkeiten des Internets immer stärker in solche Einstellungen hinein. Es gibt Dutzende von Formen des Einflusses, die diesseits von psychischer Kausalität liegen. Im Einzelfall wird das sehr unterschiedlich sein, am Ende aber erscheint das Böse stets als habe vieles darauf zugearbeitet.
Psychologen, die jetzt in den Medien mit auftreten und feststellen, es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, daß Killerspiele ihre Benutzer verrohen, sagen darum im besten Fall etwas Triviales. Denn es geht gar nicht um Psychologie. Die Frage ist gar nicht die nach einem Beweis dafür, wie ein einzelnes Konsumgut auf den Konsumenten wirkt. Die Frage ist vielmehr, wie es kommt, daß sich immer mehr Vergnügen an schockierenden Gegenständen in der Kultur einrichten kann. Der Satz „Wir haben das nicht ernst genommen“ zieht sich durch die Interviews mit Bekannten solcher Täter.
Gehobener Ekel und veredelter Schrecken
Jemand, den man nur schwarz bemantelt und als Waffenfan kennt, ruft Mädchen zu „Ihr Modepuppen seid als erste dran“ - und wird nicht zur Rede gestellt. Jemand schließt sich in seinem Jugendzimmer mit dem Computer ein - aber man sagt sich, so ist die Jugend nun mal. Und das Fernsehen, und das Kino, und das Internet sind auch nun mal so. „Stirb, Drecksau, stirb“ singt die Band, die der Täter hörte, wie viele andere Bands - und auch das ist nun mal so und hat gewiß sogar Anspruch auf ein kulturwissenschaftliches Seminar und differenzierende Musikkritik.
Das Gerede über Gewalt in den Medien und darüber, daß die Unterschicht und die Jugend durch ihren Konsum verroht, dokumentiert insofern oft eine riesige Heuchelei. Denn selbstverständlich genehmigen sich die Akademiker wie die Angestellten der Bewußtseinsindustrie selber durchaus ihren Teil an jenen Stoffen. Dann handelt es sich allerdings um Kunst. Wenn „Artaud“ draufsteht oder „Brett Easton Ellis“ oder „Lucio Fulci“ oder „Hermann Nitsch“ oder „Georges Bataille“ - ja, dann ist es, weil veredelter Schrecken und gehobener Ekel und weil wir Worte wie „Überschreitung“ oder „das Andere“ dafür haben, natürlich etwas ganz anderes. Wir veranstalten gepflegte Sade-Symposien, aber wenn irgendwo einer Bruchstücke von Sade zur Maßgabe seines Verhältnisses zu Mitmenschen machte, wären wir selbstverständlich empört. Denn ersichtlich hätte sojemand einen Unterschied nicht verstanden. Könnte es sein, daß der Feinsinn eines solchen Unterscheidungsvermögens nicht bei jedem Kind durchdringt?
Daß der Attentäter von Emsdetten die Ankündigung seines Vorhaben im Internet illustriert hat, gehört insofern dazu. Man kann sich mit jeder Form drastischen Irrsinns sehen lassen. Denn nicht nur gehört es zur merkwürdig verstandenen Liberalität, stets anzunehmen, daß es nicht ernst gemeint ist, weshalb man es auch nicht negieren muß. Die ästhetische Aufpolierung des Bösen, das Renommee, das der Haß genießt, so lange er nur stilsicher auftritt, machen die Nahwelten Jugendlicher unempfindlich für irritierendes Verhalten. Man sieht es ja überall, lautet der Schluß, es machen ja Millionen, also kann es ja so wenig besorgniserregend sein wie „aktive Mediennutzung“. Und schon hat man vergessen, daß es keine Erwachsenen sind und auch keine Essayisten, die sowieso nichts für bare Münze nehmen, um die es hier geht, sondern Jugendliche, Kinder.