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Amerikanischer Buchhandel Aus dieser Asche kommt kein Phönix mehr

 ·  Zu schnell expandiert, zu langsam auf den Internet-Handel reagiert: Der Aufstieg und Fall der amerikanischen Buchhandelskette Borders lässt wenig Gutes für die ganze Branche erwarten.

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Borders wollte anders sein. Bevor der amerikanische Buchhandelskonzern kurz nach der Jahrtausendwende auf mehr als zwölfhundert Filialen anwuchs, konnte er sich darauf verlassen, dass sein Ruf auch von seiner Herkunft geprägt wurde. Am Anfang vor gerade einmal vierzig Jahren stand nämlich ein Antiquariat in der Universitätsstadt Ann Arbor, Michigan, und nicht zuletzt deswegen hieß es gern, Borders sei doch ein wenig anspruchsvoller und intelligenter als die Kettenkonkurrenz. Das enthüllte sich bald als frommer Wunsch. Denn bei 35 000 Angestellten gab es nicht viel Spielraum, um rein geschäftliche Interessen gegen einen kulturellen Anspruch abzuwägen. Als Buchhandlungen begannen, sich Spielwarengeschäfte und Andenkenläden einzuverleiben, mochte Borders jedenfalls nicht tatenlos zusehen. Noch vor kurzem kursierten Pläne, zwischen den Buchregalen Weinbars einzurichten. Dass die Firma sich nun unter Gläubigerschutz stellen lassen, also ein Insolvenzverfahren beantragen musste, geht sicher nicht auf ein allzu feingeistiges Geschäftsmodell zurück.

Auf dem amerikanischen Buchmarkt herrscht weithin Übereinstimmung darüber, dass Borders zu schnell expandiert und zu langsam auf die elektronischen Umbrüche des Gewerbes reagiert hat. Das steigende Angebot, so das unternehmerische Konzept, sollte unweigerlich zu steigender Nachfrage führen. Was nicht eintrat. Die Superstores, die glitzernden Verkaufsmaschinen der Zukunft, rutschten ins Defizit. Allein im vergangenen Jahr haben Amerikaner fünf Prozent weniger Bücher gekauft als im Jahr zuvor. Borders hielt am Verkauf von CDs und DVDs fest, als es sich längst nicht mehr lohnte, und verpasste die Chance, im immer wichtigeren Online-Verkauf sowie bei der Entwicklung von E-Books eine führende Rolle zu spielen. Während Amazon und Barnes and Noble mit Kindle und Nook in den Kampf um die beliebtesten Leseapparate zogen, irrte Borders zwischen einem halben Dutzend Experimentalgeräten unterschiedlicher Abstammung herum.

Ein Schuldenberg von 1,29 Milliarden Dollar

Verschärft wurde die Konkurrenz aber auch von Großmärkten wie Cosco und Walmart, die bei ihrer Abdeckung des menschlichen Gesamtkonsums auf Bücher und zumal lukrative Bestseller nicht mehr verzichten wollten. Das Buchkaufhaus Borders wurde da verdrängt, so wie es selbst einst die kleinen Buchhandlungen zu verdrängen pflegte. Die Aussicht auf einen phönixhaften Aufstieg aus der Insolvenzasche ist deshalb eher trübe. Immerhin ist jetzt ein Schuldenberg von 1,29 Milliarden Dollar abzutragen, und die Gläubiger reißen sich wohl kaum darum, den noch nicht geschlossenen Filialen neue Titel zu liefern, wenn die alten noch nicht bezahlt sind. Die Penguin Group USA hat 41,1 Millionen Dollar zu bekommen, aber auch bei Hachette, Simon & Schuster sowie Random House steht Borders mit jeweils mehr als dreißig Millionen in der Kreide. Was die Verlage davon noch erwarten können, weiß zurzeit niemand vorauszusagen.

In manchen Kommentaren werden Aufstieg und Fall der Buchhandelsketten schon mit den Vorgängen im Immobiliensektor verglichen. Irgendwann platzt halt jede Blase. Borders will die kommenden Monate als drastisch geschrumpftes Unternehmen überstehen. Von den verbliebenen sechshundertfünfzig Läden werden zweihundert geschlossen, und wie tief die Zahl der derzeit 19 500 Angestellten zu fallen hat, wird noch zu erkunden sein. Amazon und Barnes and Noble, aber auch unabhängige Buchhandlungen, so wird vermutet, könnten zumindest kurzfristig vom Niedergang des Konkurrenten profitieren.

Nach den Marktgesetzen bestimmt zuletzt der Käufer

Aber auch ihnen tut sich deswegen keine rosige Zukunft auf. Es sind sogar Stimmen zu vernehmen, die Borders als Menetekel begreifen und darauf spekulieren, welches Unternehmen als Nächstes in den Bankrott schlittern könnte. Eine Fusion von Borders und Barnes and Noble, wie sie einmal zur Debatte stand, dürfte auch nicht wesentlich der Malaise entgegenwirken, die der digitale Klimawandel hervorgerufen hat.

In einer Zeit, in der Leser sich in User verwandeln und es daraufhin vorziehen, Bücher in einen virtuellen Einkaufswagen zu klicken, oder sie gleich auf ihre iPads, Kindles und Nooks herunterzuladen, hat Amerika schlicht und einfach zu viele Buchhandlungen zu bieten. Nach den Marktgesetzen bestimmt zuletzt der Käufer, wie klein oder groß das Angebot zu sein hat und wo er seine Waren erwerben will. Zugleich aber schreit er markerschütternd auf, wenn sein platonischer Lieblingsladen um die Ecke schließt und es ihm verwehrt ist, einen beseligten Nachmittag beim Stöbern durch die Regale zu verbringen.

So sind Buchhandlungen auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Kulturarten geraten, und so wird ihnen unentwegt geraten, sich schnellstens neu zu erfinden. Nur legt niemand das Rezept dafür vor, wie das anzustellen wäre. Heute gerät darum Borders in die Bredouille, und morgen?

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