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Amerikanische Architektur : Absolut von morgen sein

Wright, Johnson, Burle Marx: In diesem Sommer häufen sich große Ausstellungen zu Bau-Pionieren des 20. Jahrhunderts. Immer präsent ist die Frage: An welche Moderne soll heute angeknüpft werden? Die Antworten fallen unterschiedlich aus.

          Ein Haus für hunderttausend Einwohner, 1600 Meter hoch, mit atomgetriebenen Aufzügen: Dies ist nicht die neueste Irrsinnsidee irgendeines Wüstenstaates, der den nur halb so großen „Burj Khalifa“ in Dubai in den Schatten stellen möchte – sondern ein Entwurf, der über ein halbes Jahrhundert alt ist und zu den legendären ungebauten Projekten der Moderne gehört: 1956 hatte der amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright die Öffentlichkeit mit der Idee dieses Monsterturms schockiert – und bis heute streiten sich die Historiker, ob Wright, der bis dahin eine flach bauende, in die Landschaft eingelassene, naturnahe Architektur propagiert hatte, seinen monströsen „Illinois One Mile high“ ernst meinte oder nicht auch ein wenig als abschreckendes Gedankengebäude für eine Welt verstanden wissen wollte, in der nicht alles, was machbar wäre, auch wünschenswert ist.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Fast ebenso monumental wie der „One Mile High“ ist die Ausstellung, die das New Yorker Museum of Modern Art jetzt zu Wrights 150. Geburtstag eingerichtet hat: Vom ersten Brief Wrights an den Architekten Louis Sullivan aus dem Jahr 1887 über seine frühen, vom japanischen Bauen stark beeinflussten Entwürfe, von den Wohnhäusern in Chicago über Alltagsdinge wie Teller und Martinigläser bis zu den ungebauten Utopien fährt die Ausstellung nicht nur eine Unmenge an Plänen und Modellen der bekannten Projekte auf, sondern eine unglaubliche Menge an Funden, die man noch nie sah.

          Ein Gegenmodell zum Bauhaus

          Quelle dieser Entdeckungen ist das Archiv von Frank Lloyd Wright, das vor einigen Jahren vom New Yorker Museum of Modern Art zusammen mit der Columbia University erworben wurde: Jahrelang hat Barry Bergdoll, Columbia-Professor und ehemaliger Leiter der MoMA-Architekturabteilung, mit seinem Team die 55.000 Zeichnungen, 125.000 Fotografien, dreihunderttausend Blatt Korrespondenz, Filme, Pläne und Modelle ausgewertet und sortiert. Entstanden ist so eine grandiose Ausstellung, die auch eine Schau zur Entstehung der Moderne ist: Wright lebte lange genug, um die Architektur von der Jahrhundertwende über die zwanziger und dreißiger Jahre bis weit in die fünfziger Jahre hinein zu prägen.

          Das „Tor zu Europa“ des Architekten Philip Johnson am Plaza de Castilla, Madrid Bilderstrecke
          Das „Tor zu Europa“ des Architekten Philip Johnson am Plaza de Castilla, Madrid :

          Vor allem versteht man in dieser Ausstellung, wie sich Wrights Formverständnis und sein Raumdenken in seinen Zeichnungen entwickelt. Die Moderne, die Wright vorschwebte, lässt sich am besten an seinem Falling-Water-Projekt in Pennsylvania erklären, jenem Haus, das über einem Wasserfall schwebt, den man zum anfänglichen Ärger der Auftraggeber aber vom Haus aus nicht sehen, sondern nur hören kann. Das Haus mit seinem mächtigen Natursteinkamin ist in allem ein Gegenmodell zur aseptischen, auf Betonbeinen einherstaksenden Maschinenmoderne des Bauhauses: Der unebene Steinboden, die Feuerstelle, die aus einem Fels herausgehauen zu sein scheint – alles in diesem Haus propagiert eine Moderne, die aus der Topographie, aus den Materialien, dem Fels herausgearbeitet ist. Nicht auf Pilotis über den Dingen abzuheben, sondern Eingelassenheit in die Natur ist Ziel dieses Bauens. Der rauhe Stein, das Rauschen der Bäume und des Bachs: Nicht der Blick, sondern das Taktile des Steins, das Geräusch des Wasserfalls rücken da ins Zentrum, die Architektur soll Tast- und Hörsinn aktivieren und, wenn überhaupt, dann nur eine „Maschine“ zur Wahrnehmungssteigerung werden.

          Das modernste Interieur von Amerika

          Dass Wright auch vor schrilleren sinnlichen Effekten nicht zurückschreckte, zeigen seine Entwürfe für das spiralförmige Guggenheim-Museum an der Manhattaner Upper East Side, das der Architekt ursprünglich nicht strahlend weiß, sondern pink anstreichen lassen wollte und das nach diesen Plänen so ausgesehen hätte, als versteckte sich unter dem Central Park ein gigantisches Schwein, dessen Ringelschwanz aus dem Boden herausragt.

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