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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Amerika Revolution am Krankenbett

13.04.2005 ·  Steve Case, der den Internetanbieter AOL etablierte, will nun die nächste Revolution in die Wege leiten - durch eine segensreiche Initiative der Privatwirtschaft im kostenintensiven amerikanischen Gesundheitssektor.

Von Jordan Mejias, New York
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Sagen wir, es sei ein Zufall. Das Thema ist schließlich in der Debatte um die alternde Gesellschaft gleichsam von Natur aus ein Dauerbrenner. Darum ist es weiter nicht verwunderlich, daß Paul Krugman, Ökonom in Princeton und einer der streitbarsten, aber auch brillantesten Leitartikler der „New York Times“, seine Landsleute nun mit einigen ungemütlichen Thesen zum nationalen Gesundheitswesen konfrontiert.

Weshalb die Kosten so rasant steigen, kann kein Geheimnis mehr sein. Wenn die Menschen immer älter werden und die Medizin zugleich immer raffiniertere und komplexere Techniken entwickelt, muß die Rechnung unweigerlich höher ausfallen. Daran ist nichts zu ändern. Es erklärt jedoch noch nicht ganz die Kostenlawine, die über Amerika dramatischer rollt als über jedes andere Land.

Die bei weitem höchsten Kosten

Amerikaner, so Krugman, seien unerreicht im Geldausgeben für ihre medizinische Versorgung, fänden sich gleichwohl in bezug auf Indikatoren wie Lebenserwartung und Säuglingssterblichkeit am unteren Ende der Statistik aller Industrienationen wieder: „Die Vereinigten Staaten haben das am weitesten privatisierte Gesundheitssystem der entwickelten Welt; aber sie haben auch die bei weitem höchsten Kosten und nahezu die schlechtesten Ergebnisse.“ Krugman macht also, überaus unamerikanisch, für einen Teil der Krise den privaten Sektor verantwortlich, der im Gesundheitswesen allzuoft bürokratisch aufgeblasen sei. Im Gegensatz zu einigen viel schlankeren, effizienteren Staatsbehörden.

Das ist in einer Nation, die das Individuum auch am Krankenbett gern an seine Eigenverantwortung erinnert, nur als häretische Chuzpe zu begreifen. Ohne Steve Case beim Namen zu nennen, könnte Krugman freilich auf eine aufsehenerregende Nachricht aus dem Büro des gefallenen, offensichtlich aber noch höchst unternehmenslustigen Dotcom-Superstars reagiert haben.

Die nächste Revolution

Denn Case, der erst den Internetanbieter AOL zum Welttriumph führte und dann bei dessen Fusion mit dem Medienimperium Time Warner sein digitales Waterloo erlebte, hat aus der Verbannung heraus angekündigt, die nächste Revolution in die Wege zu leiten. „Revolution“ nennt er folglich auch seine Holdinggesellschaft, unter deren Dach sich der Gesundheitszustand der Nation merklich verbessern soll, und zwar einzig und allein durch eine segensreiche Initiative der Privatwirtschaft.

Fünfhundert Millionen Dollar seines auf achthundertfünfzig Millionen geschätzten Vermögens will Case aufs Spiel setzen, um dem daniederliegenden Gesundheitswesen neue Ansätze zu eröffnen und es damit von seiner auch von ihm diagnostizierten Ineffizienz zu befreien - zum Wohle des „Konsumenten“. Statt der Steuererhöhungen, die Krugman als unumgänglich beschreibt, setzt Case auf die heilende Kraft des Unternehmertums.

Keine Kompromisse

Obgleich seine Pläne für die Gesundheitsindustrie, die schon jetzt mit zweihundertdreißig Milliarden Dollar Umsatz im Jahr jede andere überragt, noch sehr skizzenhaft sind, hat er bereits begonnen, sie zu verwirklichen. Er geht dabei keine Kompromisse ein. Lediglich Mehrheitsbeteiligungen interessieren ihn, und so hat er jeweils, wie „Business Week“ und „Washington Post“ melden, schon mehr als fünfzig Prozent an den Firmen Exclusive Resorts, Miraval und der Wisdom Media Group erworben.

Exclusive Resorts ist ein Ferienclub, der eine Eintrittsgebühr von 375.000 Dollar berechnet und für einen zusätzlichen Jahresbeitrag von 25.000 Dollar seinen Mitgliedern die Gelegenheit gibt, in einer Luxusferienvilla an entsprechendem Traumort bis zu sechzig Tage im Jahr zu verbringen. Miraval bietet trendige Wellness-Wonnen in Tucson, Arizona, und die Wisdom Media Group verbreitet über Radio und Fernsehen das Evangelium ewiger Gesundheit.

Auch für niedere Gehaltsgruppen

Bevor nun allgemeine Heiterkeit darüber ausbricht, daß an solchen Unternehmen und Unternehmungen das amerikanische Gesundheitswesen genesen soll, sei daran erinnert, daß die Anfänge von AOL auch nur von wenigen Beobachtern ernst genommen worden sind. In der Tat will Case mit diesem ersten Einsatz von 125 Millionen Dollar nur die Voraussetzungen schaffen für eine unternehmerische Expansion, die sich schnell auch niederen Gehaltsgruppen zuwenden soll.

Exclusive Resorts und Miraval warten schon mit Alternativangeboten für den mittelständischen Geldbeutel auf, aber auch dann bleibt die Geschäftsidee, die sich über den Profit hinaus ja nichts weniger als die Sanierung der medizinischen Grundversorgung Amerikas vorgenommen hat, noch halsbrecherisch vage. Was Case anscheinend vorschwebt, sind privat finanzierte Mechanismen, die vor allem dem Ausbruch einer Krankheit vorbeugen.

Wellness fürs breite Publikum

Die zehn Prozent der Gesundheitsausgaben, die zur Zeit für vorbeugende Maßnahmen abgezweigt werden, findet er für einen spürbaren Effekt zu kärglich. Nach der geglückten Gesundheitsrevolution, die sich die auch von ihm angezettelte Internetrevolution zum Vorbild nimmt, sollen Wellness und künstliche Resortparadiese fürs breite Publikum zugänglich sein.

Case hat sich für sein neues Geschäftsabenteuer Rat bei Warren E. Buffett, dem Doyen der amerikanischen Großinvestoren, geholt und, vielleicht noch bedeutsamer, Richard Bransons Virgin Group unter die unternehmerische Lupe genommen. Branson begann mit ein paar Flugzeugen und baute sein Unternehmen zum Multikonzern aus. So stellt Case sich auch sein zweites Vabanquespiel vor, das nebenbei seinen angeschlagenen Ruf als Manager wiederherstellen könnte. Noch immer nämlich laufen Gerichtsverfahren gegen ihn. In einem kaum verschleierten Eingeständnis seiner Fehler hat er betont, am Aufbau einer Firma mehr Freude zu haben als an deren Leitung.

Der Tod seines Bruders

Der durchaus profitorientierte Einsatz fürs Gemeinwohl entspringt aber auch einem privaten Unglück. Case hat freimütig bekannt, der Tod seines an einem Gehirntumor erkrankten Bruders und die Erfahrungen während dessen Behandlung seien der eigentliche Antrieb für ein Vorhaben, das sich auch zum Ziel gesetzt hat, dem Patienten zu einer aktiveren Rolle als bisher zu verhelfen, ihn via Internet über die besten Ärzte und Behandlungsmethoden zu informieren und die unübersichtliche, unwirtliche Gesundheitsindustrie verbraucherfreundlich umzugestalten. Warum keine Beratungsstelle im Supermarkt? Warum keine Preislisten für Konsultationen und Operationen, abrufbar jederzeit vom heimischen Computer aus?

Den einen mag's schaudern, den andern wird soviel Unternehmergeist entzücken. Der Zeitgeist jedenfalls war mit Case, als er AOL aus dem Nichts aufbaute. Es wird nicht leichter werden, ihn ein zweites Mal aufzuspüren. Case hat viel zu beweisen und noch mehr zu widerlegen, nicht zuletzt Krugmans Kalkulation, nach der im Gesundheitswesen sowohl der Wettbewerb als auch die individuelle Wahlmöglichkeit zu höheren Kosten und niederer Qualität führen werden. Eine vertracktere Zweitlaufbahn hätte sich der Internetpionier kaum aussuchen können.

Quelle: F.A.Z., 13.04.2005, Nr. 85 / Seite 37
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