20.11.2008 · Erleben wir heute noch einmal dasselbe wie im Jahr 1930? Amerika hört schon mal auf zu feiern und leistet sich weniger Jets und Diamanten. Nur in Stripclubs, Gebrauchtwarenläden und Pfandhäusern blühen die Geschäfte.
Von Jordan Mejias, New YorkZwischen Thanksgiving am letzten Donnerstag im November und Weihnachten steigen in Amerika unzählige Parties. Unter dem Oberbegriff „Holidays“, der das Religiöse mit dem Profanen versöhnt, wird das Jahr einen guten Monat lang auf Firmenfeten wie im engen und weiten Freundeskreis mit viel Alkohol verabschiedet. Naturgemäß ist das ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Oder war es. Denn dieses Jahr klagen schon jetzt Partydienste, Weinlieferanten, Restaurateure und Saalvermieter über schleppende Geschäfte. Statt Bordeaux und Burgunder werden Hausweine bestellt, statt Champagner Schaumweine, Kaviar ist out, Salzbrezeln sind in.
Soweit die gute Nachricht. Für die schlechte sorgen immer mehr Firmen, die ihre Holiday Parties ganz ausfallen lassen. ABC News, die Nachrichtenabteilung einer der größten Fernsehgesellschaften des Landes, ist mit warnendem Beispiel vorangegangen und hat sämtliche Festlichkeiten abgesagt, in New York wie auch in Los Angeles und Washington. Alles trist genug, aber über die verdorbene Partylaune hinaus mehren sich die Zeichen, dass das zweite Gilded Age, dessen erster Version einst Mark Twain gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts den Namen gab, sich eiligst verabschiedet.
Da kursiert die Geschichte von Louis L. Gonda, laut „Forbes“ einem der reichsten amerikanischen Privatiers, der sich gleich von zwei Jets trennt. Da meldet sich in der „New York Times“ der Edeljuwelier Ronald Winston zu Wort, nur um zu bestätigen, dass sich Amerikas Superreiche im Schockzustand befänden und vorm Diamantenkauf zurückschreckten.
Hausse bei den Pfandhäusern
Im düsteren Licht der Finanzkrise will selbst der Milliardär, der sich auch nach einem Blick aufs schrumpfende Portfolio noch so nennen darf, nicht mehr beim Protzen mit Konsum, also was der Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen vor einem Jahrhundert als „conspicuous consumption“ geißelte, erwischt werden. Führungskräfte von Investmenthäusern haben begonnen, freiwillig auf ihre zum Jahresende sonst fälligen Boni zu verzichten. Allgemein verbreitet ist soviel strategische Zurückhaltung noch nicht.
Aber ein gerüttelt Maß von Dummdreistheit gehört schon dazu, an einem Tag, wie es der problembeladene Versicherungsgigant A.I.G. vormachte, 85 Milliarden Dollar Staatshilfe einzusäckeln und am nächsten ein Luxusresort an der kalifornischen Küste mit führenden Angestellten zu füllen. Und das zu einer Zeit, in der Hausbesitzer „garage sales“ veranstalten, nicht nur um altes Gerümpel loszuwerden, sondern auch, um durch den Verkauf ihrer Habseligkeiten für die nächste Darlehenszahlung liquide zu sein. Gebrauchtwarenläden und Pfandhäuser sollen zudem glänzende Geschäfte machen.
Mit Reis und Bohnen durch magere Zeiten
In wieweit das bereits symptomatisch ist, lässt sich kaum festmachen. Längst zücken jedenfalls Psychologen, Soziologen, Ökonomen ihre Instrumente, um uns mit den erfolgten und noch zu erwarteten Auswirkungen der Krise vertraut zu machen. Wir haben inzwischen gelernt, dass in Rezessionszeiten Röcke länger und Haare kürzer geschnitten werden, dass weniger Nachfrage für Steaks, Eier und Salat, aber mehr für Reis, Bohnen und Schokolade besteht, dass die Kriminalrate nach oben schnellt, dass die Popsongs sich verlangsamen, dass die Modelle im „Playboy“ an Alter, Größe, Gewicht und Rundungen zunehmen.
Warum rezessionsgeplagte Menschen gesünder sind und länger leben? Weil sie weniger rauchen, weniger trinken, weniger Berufsstress sowie die daraus sich ergebenden Herzanfälle und mehr Zeit zum häuslichen Kochen haben. Aber nur weil sie gesünder sind, empfinden sie sich offenbar nicht als glücklicher. Es gibt mehr Suizide.
Im Stripclub blüht das Geschlecht
Noch ein letztes Krisensymptom, ob erfreulich oder nicht muss jeder selbst für sich entscheiden: In New York, wo Bürgermeister Michael Bloomberg drastische Budgetkürzungen und Steuererhöhungen mit der Warnung koppelt, nur ja keine „feel-good time“ mehr zu erwarten, hat eine Umfrage in Stripclubs Aufsehen erregt. Gerade in den besseren Etablissements der Stadt soll das Geschäft blühen, auch wenn die Körperkünstlerinnen merklich weniger Geschenke im sechsstelligen Dollarbereich bekämen. Aber in schlechten Zeiten, so die bisherige Erfahrung der Lokalbetreiber, gebe es keine bessere Form von Wirklichkeitsflucht als einen Abend in einem Gentlemen’s Club.
Wie konnte es soweit kommen? Das fragt sich Paul Krugman, der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger, angesichts des Wall-Street-Crashs. Seine Antwort: „Wir zahlen jetzt den Preis für unsere vorsätzliche Amnesie. Wir haben es vorgezogen zu vergessen, was in den dreißiger Jahren passiert ist. Und weil wir uns geweigert haben, aus der Geschichte zu lernen, wiederholen wir sie jetzt.“
Krugman versteht den Börsenkrach von 1929 nicht als Schlüsselmoment der Großen Depression. Erst der Ansturm auf die Banken in den folgenden Jahren habe eine ganz gewöhnliche Rezession in einen zivilisationsbedrohenden Abschwung verwandelt. Die Lehre, die zu ziehen wir vergessen hätten, bestehe darin, dass unregulierte, unbeaufsichtigte Finanzmärkte katastrophal versagen könnten. Was wir jetzt erleben, sei eine aktualisierte Variante des Ansturms auf die Banken, wie er sich vor drei Generationen zutrug: „Wir haben eine Party gefeiert, als schrieben wir das Jahr 1929 – und jetzt leben wir im Jahr 1930.“
Ökonomen ohne Durchblick
Ein noch trüberes Bild zeichnet N. Gregory Mankiw, Wirtschaftswissenschaftler aus Harvard. Die Lage, mit der die Notenbank und das Schatzministerium nun zurechtkommen müssten, hält Mankiw für gefährlicher als jene in den dreißiger Jahren. Damals habe es sich weithin um eine Vertrauenskrise und ein Mangel an Liquidität gehandelt. Heute dagegen erwachse das Problem aus einem Mangel an Solvenz, und der sei schwer zu beheben. Mankiw erinnert auch daran, dass die führenden ökonomischen Vorhersagedienste aus Harvard und Yale die Länge und Tiefe der Großen Depression total unterschätzten. Jetzt traut er den Ökonomen keinen klareren Durchblick zu.
An Rat, wie die Krise im privaten Leben zu meistern ist, fehlt es den Amerikanern dennoch nicht. Überall zu Gast, bei Oprah Winfrey ebenso wie im Nachrichtenstudio von CNN, ist derzeit die populäre Wirtschaftskummerkastentante Suze Orman, die aber auch nur den Kopf zu schütteln weiß, sobald der nächste Rentner ihr klagt, wie sein Aktiendepot dahinschmilzt.
Keinen wirklichen Trost bieten auch die eher verschämten Hinweise auf die angenehmeren Seiten des Unglücks wie die günstigeren Aussichten für Mieter und Immobilienkäufer und mehr Zeit für Freunde und Familie. Zeit für Holiday Parties wäre gleichermaßen vorhanden, aber sie fallen eben leider aus. Nicht nur in diesem Jahr. American Express hat bereits angekündigt, auch 2009 keine Feiern auszurichten. Als Zukunftsvision einer amerikanischen Firma ist das niederschmetternd.
IMMER WIEDER SCHÖN
georg hellner (georg58)
- 20.11.2008, 22:30 Uhr
Ahnungslos
Martin Streit (Streit100)
- 21.11.2008, 04:04 Uhr
welche Stripperin ...
Frank Geiser (geiser123)
- 21.11.2008, 04:16 Uhr
Amerika in der Krise
Gerhard Leipert (Trepiel)
- 21.11.2008, 09:45 Uhr
Abwarten
Marvin Parsons (mapar)
- 21.11.2008, 12:10 Uhr