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Amerika Cameron, Staatsfeind Nummer 1

21.01.2010 ·  Die amerikanische Rechte hat einen neuen Feind: James Cameron. Und ein frisches rotes Tuch: seinen Film „Avatar“. Denn im Gegensatz zu all den anderen „unamerikanischen“ Filmen, die floppten, ist dieser auf dem Weg an die Spitze der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.

Von Verena Lueken
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Das Hoheitsgebiet der Linken in Amerika liegt in Hollywood. So sieht es die amerikanische Rechte seit langem, sie hat mit ihrer Überzeugung der liberalen Durchseuchung der Filmindustrie noch nie hinterm Berg gehalten. Die Personen, die sie ins Visier nahm, waren immer wieder dieselben, von Barbra Streisand über Warren Beatty zu Robert Redford, und die Filme, die ihr besonders auf die Nerven gingen - so ziemlich alles von Martin Scorseses „Letzter Versuchung Christi“ bis zu Redfords „Von Löwen und Lämmern“ oder George Clooneys „Good Night and Good Luck“ und jedem Film von Oliver Stone -, fielen zwar den Kritikern manchmal auf, an der Kinokasse aber eher nicht. Hollywood habe keine Ahnung, so tönte es dann in den rechten klassischen Medien und durch die Blogs, was der Durchschnittsamerikaner, seinerseits, wie sie meinen, überwiegend religiös und konservativ, wirklich wolle.

Jetzt hat die amerikanische Rechte einen neuen Feind: James Cameron. Und ein frisches rotes Tuch: seinen Film „Avatar“. Im Gegensatz zu all den anderen gefährlichen Filmen, die floppten, ist dieser inzwischen auf dem Weg an die Spitze der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. 1,6 Milliarden Dollar, die Hälfte davon ungefähr in den Vereinigten Staaten und Kanada, hat der Film bis heute weltweit eingespielt, und die Kassen klingeln täglich weiter. Dabei sei der Film, so der Vorwurf, der sich im Internet hundertmillionenfach wiederholt und den Kritiker wie John Nolte, Chefredakteur von „Big Hollywood“, oder John Podhoretz vom

Kein Böser spricht mit Akzent

„Weekly Standard“ kaum elaborierter formulieren, vor allem eines: antiamerikanisch. Dass sich Cameron dagegen verteidigt, wie es einst Oliver Stone für seine Vietnam-Filme tat, sich nämlich selbst als guten Amerikaner hinstellt - „als Amerikaner habe ich die Freiheit zur abweichenden Meinung“ -, gießt Wasser auf ihre Mühlen. Cameron hatte diesen schlichten Satz einer Menge gegenüber geäußert, die sich kürzlich in einem Kino in Hollywood zu einer Industrievorführung von „Avatar“ versammelt hatte. „Im Vergleich dazu, glauben Sie mir, gab es Ku-Klux-Klan-Treffen von größerer ideologischer Vielfalt“, schreibt Nolte dazu, und zählt dann noch einmal auf, was ihn an „Avatar“ so stört: Alles Böse - das Militär, genauer eine paramilitärische Truppe von Ex-Marines, ein Großkonzern und auch die Zitate („Terror mit Terror bekämpfen“, solcherlei), die zur Rechtfertigung ihrer kriegerischen Aktionen bemüht werden - ist amerikanisch in diesem Film. Kein Schurke trägt Kilt oder Turban, kein Böser spricht mit Akzent.

Zur Erinnerung: In „Avatar“ versucht ein Konzern mit Hilfe einer Truppe von Ex-Marines auf dem fernen Planeten Pandora die Lösung der Energieprobleme der Erde zu finden und jagt dabei beinahe die friedliche Welt dort oben in die Luft. Einer der Ex-Marines verbündet sich mit den blauen Bewohnern von Pandora und lässt seine zerstörerische Zivilisation für ein Leben im Einklang mit der Natur hinter sich.

Man kann das eine naive Phantasie nennen, und Cameron selbst hat kürzlich dem Magazin der „New York Times“ gesagt, er sei halt ein alter Anhänger der Gegenkultur der sechziger Jahre und würde immer noch am liebsten ein Gänseblümchen in jeden Gewehrlauf stecken. Für den Autor von „Rambo 2“ eigentlich eine sympathische Aussage, schließlich soll der Mann ja keine Politik mit einem solchen Satz machen. Filme unterliegen anderen Kriterien als präsidiale Entscheidungen. Wenn Cameron dann noch vorgeworfen wird, sein Film sei „purer Che Guevara“, wird offensichtlich, dass hier einiges durcheinandergeraten ist.

Alles hehre amerikanische Ziele

Was will die Rechte hier? Das Publikum vor einem Film schützen, der auf höchstem technischem Niveau eine Welt entwirft, in der Gebirge in der Luft hängen und von Brotbäumen Quallen regnen und die im Einklang mit sich ist, nicht ohne unterwegs für ein Heidenspektakel zu sorgen, dem ein Haufen Maschinen und bezahlte Sicherheitskräfte einer Firma wie Blackwater zum Opfer fallen? Will sie mit ihrer Verteufelung „antiimperialistischer, proindigener Ideen“ ernsthaft deren Gegenteil mal wieder ins Gespräch bringen? Oder bringt sie immer wieder auf, dass sie einfach nicht versteht, wie Kino funktioniert?

Es ist ja kein Wunder, dass in den meisten ernstzunehmenden Kritiken des Films von Antiamerikanismus nicht die Rede war. Wohl aber von einer Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen, Tiere, Pflanzen sich verbünden. „Avatar“ ist die große romantische Vision einer geglückten Versöhnung, zu deren digitaler Geburt die avancierteste Technik gerade gut genug war. Der Film nimmt aus der Popkultur, was er kriegen kann. Er will „shock and awe“, wenn die Leinwand hinter den dreidimensionalen Bildern zu verschwinden scheint. Er will Geld einspielen und in die Geschichte eingehen. Alles hehre amerikanische Ziele.

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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