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Der echte „American Sniper“ : Wenn man dauernd gewinnt, macht’s viel mehr Spaß

Gewalt löst Probleme? Chris Kyle, reales Vorbild des „American Sniper“, posiert in einer Aufnahme von 2012 mit seiner Waffe. Bild: AP

Den Scharfschützen aus „American Sniper“ gab es wirklich: Chris Kyle galt vielen Konservativen als Held des Irakkriegs, bevor er 2013 von einem anderen Soldaten erschossen wurde. Wer war dieser Mann?

          „American Sniper“ ist der beim amerikanischen Publikum erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten. Schon zwei Wochen nach dem Kinostart am 16. Januar hatte der neue Film von Clint Eastwood mehr eingespielt als Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“. Ursprünglich hatte Spielberg das Erinnerungsbuch von Chris Kyle verfilmen sollen, einem Veteranen der Navy Seals, einer Eliteeinheit der Kriegsmarine. Wie das Akronym der Einheit sagt, erledigen diese Sea-Air-Land-Teams Sonderaufträge zu Wasser, zu Lande und in der Luft; am bekanntesten wurde die Tötung von Usama Bin Ladin.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Kyle, geboren 1974, durchlief die Ausbildung zum Scharfschützen und wurde zwischen 2003 und 2009 viermal im Irak eingesetzt. Das Buch „American Sniper“, veröffentlicht im Januar 2012, stand dreizehn Wochen lang an der Spitze der Bestsellerliste der „New York Times“. Im Untertitel präsentiert es den Autor als den „tödlichsten Scharfschützen der amerikanischen Militärgeschichte“. Kyle, der nach seinem Abschied von der Truppe ein Sicherheitsunternehmen in Dallas gegründet hatte, wurde am 2. Februar 2013 von einem Veteranen des Marine Corps erschossen, den er auf einen Schießplatz mitgenommen hatte. Der Täter, dessen Mutter Kyle gebeten hatte, sich um ihren verstörten Sohn zu kümmern, wurde gerade zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Kyles Heimatstaat Texas wird den 2. Februar künftig als Chris-Kyle-Tag begehen.

          Als Spielberg im August 2013 einen Rückzieher machte, gewann der Schauspieler Bradley Cooper, der die Filmrechte erworben hatte, Clint Eastwood für das Projekt. Bevor der Film seinen von Kulturkriegsgeschrei begleiteten Siegeszug an den Kinokassen antrat (der sich bei der Oscar-Verleihung vom vergangenen Wochenende nicht fortsetzte; „American Sniper“ gewann nur einmal, in der Kategorie Bester Tonschnitt), soll einem Gerücht zufolge schon einmal ein Film mit Chris Kyle als Hauptfigur überall in den Vereinigten Staaten begeisterte Zuschauer gefunden haben. In diesem Video, das nur wenige Minuten lang sein kann, spielt Kyle sich selbst, und er selbst ist es auch, der erzählt hat, dass dieser Kurzfilm existiert.

          Verherrlichung der Selbstjustiz

          Worum geht es darin? Marcus Luttrell, ein Veteran der Seals, dessen Erinnerungsbuch „Lone Survivor“ von 2007 mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle verfilmt wurde, gibt in seinem zweiten Memoirenband „Service“ von 2012 eine Geschichte weiter, die er aus dem Mund von Kyle gehört hatte. Demnach erschoss Kyle an einem Januarmorgen 2010 an einer Tankstelle südlich von Dallas zwei Männer, die von ihm die Schlüssel zu seinem Wagen verlangten. Sie fielen tot zu Boden, er rief die Polizei.

          Gegenüber Michael J. Mooney, einem Reporter des „D Magazine“ aus Dallas, bestätigte Kyle, dass die Begebenheit sich so zugetragen hatte. Mooney erkundigte sich bei den Polizeidienststellen der Umgebung und musste feststellen, dass die spektakuläre Notwehrtat nirgendwo aktenkundig war. Mehrere Polizeichefs gaben allerdings an, von der Geschichte gehört zu haben. Einer sagte, er wisse, dass mehrere seiner Leute sich das Überwachungsvideo der Tankstelle angesehen hätten. Kyle schrieb Mooney, er bekomme E-Mails von Polizisten aus dem ganzen Land; sie wollten sich dafür bedanken, dass er die Straßen sauber halte.

          Wenn wirklich Kopien dieses Films auf den Polizeirevieren kursieren, erfüllt er eine ähnliche Funktion wie die Propagandafilme des sogenannten „Islamischen Staates“: Die authentischen Bilder blutiger Rechtswahrung sollen berufene Nachahmer inspirieren - mit dem Unterschied, dass der texanische Lehrfilm nur für den Dienstgebrauch gedacht ist.

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