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Marsch für Gerechtigkeit : Es werden jeden Tag mehr!

Junge und Alte, Kemalisten, AKP-Wähler, Arbeiter, Akademiker, Kurden, Fußballfans, Frauenrechtlerinnen und Atomkraftgegner gehen mit ihm: Kemal Kılıçdaroğlu am 24. Tag seines Protestmarschs. Bild: Reuters

Kemal Kılıçdaroğlu ist Chef der größten türkischen Oppositionspartei – und hat mehr als 20.000 Menschen für einen Protestmarsch von Ankara nach Istanbul mobilisiert. An diesem Sonntag kommt er an. Ist das der Anfang einer neuen Bewegung?

          Sie sind gelaufen bei Temperaturen über 40 Grad. Sie erlebten Sturm und Regen, schliefen in Zelten, in Privathäusern und manchmal in einem Bett in einem Hotel. In den Dörfern und Städten, die sie passierten, brachten die Menschen ihnen Wasser und Essen. Mal standen sie ihnen klatschend Spalier und streuten Rosenblätter in ihren Weg, mal kippte man Dung vor ihre Füße, und es hagelte Steine. An diesem Sonntag wird der „Marsch für Gerechtigkeit“, dem sich zuletzt über 20.000 Menschen angeschlossen haben, nach 25 Tagen und 480 Kilometern in Istanbul zu Ende gehen. An der Spitze wird ein schmächtiger Mann mit grauen Haaren und Brille laufen, der ein Schild mit dem Wort „Adalet“ – „Gerechtigkeit“ – in den Händen trägt: Kemal Kılıçdaroğlu, 68 Jahre alt, ist der Chef der größten türkischen Oppositionspartei, der CHP.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Kaum noch jemand hatte für möglich gehalten, was ihm gelungen ist: die massenhafte Mobilisierung zu einem Protest gegen Erdoğans „neue Türkei“, wie das Land ihn seit den Gezi-Protesten von 2013 nicht mehr erlebt hat. Und noch immer wundern sich die Menschen, dass ausgerechnet Kemal Kılıçdaroğlu an dessen Spitze steht. Der Politiker, den viele nur abfällig „Onkel Kemal“ nennen, ist nicht gerade ein Charismatiker. Bei öffentlichen Auftritten umgab ihn stets die brave Aura eines altmodischen Bürokraten, und ähnlich gestrig wirkte seit langem seine Partei, die Republikanische Volkspartei CHP.

          Er marschierte einfach los

          Seit ihrer Gründung vor achtzig Jahren spielte sie die Gralshüterin von Atatürks Erbe, verdammte das Kopftuch und verurteilte die Kurden für ihre Bestrebungen nach politischer und kultureller Gleichberechtigung. Über Jahrzehnte hinweg war sie äußerst erfolgreich damit. Doch dann kam Erdoğans AKP und verwies die CHP auf den zweiten Rang. Anstatt nun das eigene Portfolio endlich der Zeit anzupassen, hielt sie an den alten Überzeugungen fest. Sie wurde eine Getriebene, reagierte nur noch auf die Themensetzung der AKP. Doch nun scheint der CHP-Chef begriffen zu haben, was Politik bedeuten kann. Quasi über Nacht hat er sich in einen Oppositionsführer verwandelt, der endlich selbst die Agenda setzt: Kılıçdaroğlu fordert Gerechtigkeit für alle, und das ist wirklich neu in der Türkei. Kılıçdaroğlu wächst gerade über sich hinaus.

          Eigentlich wäre es seine Art gewesen, erst mal stundenlange Partei-Meetings darüber abzuhalten, wie seine Aktion heißen soll, um am Ende mit einem ideologisch überladenen Slogan daherzukommen, den sich sowieso keiner merkt. Statt dessen marschierte Kılıçdaroğlu in Ankara einfach los, ohne Parteiabzeichen, nur mit seinem „Adalet“-Schild in der Hand, kurz nachdem die Verurteilung seines Abgeordneten Enis Berberoğlu zu 25 Jahren Haft bekannt geworden war. Sein Ziel: das Gefängnis in Istanbul-Maltepe, in dem Berberoğlu sitzt. Der Abgeordnete, der vor seiner Politikkarriere Chefredakteur der Zeitung „Hürriyet“ war, soll als Journalist Informationen über geheime Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an syrische Dschihadisten verraten haben. Die Artikel über den Skandal erschienen in der „Cumhuriyet“ und versetzten Erdoğan in Raserei. Der folgende Prozess trieb den damaligen „Cumhuriyet“-Chefredakteur Can Dündar ins deutsche Exil.

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