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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Am Grünen Hügel Mein Ticket

 ·  Eine Karte für die Bayreuther Festspiele im freien Verkauf zu erwerben ist ein bisschen vulgär. Dafür aber auch ohnehin nicht einfach. Ab 15. September aber wird sich das ganz anders ausnehmen.

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Niemand weiß, was am 15. September geschehen wird. Aber alle Zeichen stehen auf Sturm. Es dürfte ungemütlich werden. Um nicht zu sagen zugig. Und das weltweit, vielleicht sogar global, was ja irgendwie mehr sein muss als weltweit, sonst würden wir nicht alle immer so wichtigtuerisch global sagen, wo es ein bescheidenes weltweit auch tun würde.

Seitdem die Welt so klein geworden ist, dass sie schon mit einem Dorf verwechselt wurde, klingt weltweit irgendwie eng, miefig, provinziell. Bislang hat man, wenn man in der Provinz wohnte und einmal zu den Bayreuther Festspielen wollte, bescheiden seine Kartenwünsche auf einer Postkarte notiert, hat bescheiden die Zunge herausgestreckt, um die Briefmarke anzufeuchten, ist bescheiden zum Briefkasten getrottet, um die Karte einzuwerfen, und hat anschließend bescheiden auf Antwort gewartet.

Ein Fortschritt weltweit

Das dauerte in der Regel zehn Jahre. Dann wusste man, woran man war. Jetzt scheint das Ende der Bescheidenheit gekommen, in der gesamten Provinz, also weltweit: Am 15. September steht im Internet der GAA bevor, der größte anzunehmende Ansturm. An diesem Tag geht der Ticketverkauf für die Bayreuther Festspiele online. Für die Milliarden Wagnerianer auf der ganzen Welt beginnt eine neue Zeitrechnung. Endlich kann jeder Mensch seine Kartenwünsche für den "Ring" oder die "Meistersinger" im Internet anmelden.

In den ersten Stunden, Wochen und Jahren dürfte der Bayreuther Server dem Ansturm noch nicht gewachsen sein, danach geht alles wie am Schnürchen: Website anwählen, Zugangscode beantragen, Zugangscode eingeben, Bestellformular anfordern, Bestellformular ausfüllen, Bestellformular abschicken, abwarten. Zehn Jahre lang. Weltweit gesehen ist das ein Fortschritt.

Im Feundeskreis

Und aus globaler Perspektive? Wer global denkt, und das sind bislang sechzig, bei Premieren sogar vierundachtzig Prozent aller Festspielbesucher, bezieht seine Eintrittskarte in Bayreuth nicht über den freien Verkauf, sondern über andere Kanäle, bevorzugt als Ehrenkarte oder über den illustren Freundeskreis, der so klein und fein ist, dass ihm gerade einmal 14 000 der insgesamt etwa 58 000 Festspielkarten zur Verfügung stehen.

Der Bundesrechnungshof hat diese Bayreuther Verteilungspolitik unlängst harsch kritisiert, und die Festspielleitung hat reagiert und nicht nur 350 Freikarten für Angehörige der Solisten und Dirigenten gestrichen, sondern auch den weltweiten Internetservice ersonnen. Heutzutage muss man halt global denken, dann bleibt schon alles beim Alten.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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