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Alzheimerheim in Thailand : Lebensabend in der Fremde

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Nid steht im Haupthaus und schneidet den Patienten die Haare. Gerade ist Phillippina an der Reihe. Sie ist siebenundsechzig Jahre alt und Schweizerin, aber ihre Kindheit hat sie in den Niederlanden verbracht, weshalb sie an diesem Tag niederländisch spricht, und vielleicht, weil sie beim Friseur sitzt, spricht sie sogar unaufhörlich. Den Umhang um den Körper geworfen sitzt sie auf dem Stuhl, das rechte Bein an den Körper gezogen, mit der Sohle auf dem Sitz. Wenn sie während ihrer Erzählung darüber bekümmert wirkt, dass sie nicht weiter weiß, nimmt Nid sie lange in den Arm. Dann befreit sich Philippina auf einmal aufgeregt und erzählt schnell weiter. Wenn sie schimpft, legt Nid ihr sanft die Hand auf die Schulter. An einem Punkt der Geschichte lacht Philippina laut auf, und Nid lacht mit. Als sich Philippina gegen Ende des Friseurtermins mit der Hand durch ihre Haare fährt, beugt sich Nid hinab, bis die Schweizerin auch ihr durch die Haare streichen kann. Es ist die Art von Gespräch, die sie miteinander führen können.

Die Patienten aus Europa können die thailändischen Liebeslieder nicht mitsingen, aber sie weinen mit ihren Pflegerinnen gemeinsam dazu. Die Thailänder wiederum verstehen kein Wort des Textes von „Blau, blau, blau blüht der Enzian", aber sie tanzen mit den Gästen dazu. Sie sind einander fremd, sie haben nichts gemeinsam, doch das scheint sie miteinander zu verbinden. Der einzige, der sonderbarerweise fremd daneben steht, ist Martin Woodtli. Er ist gesund, aber er ist kein Thai. Er ist Europäer, aber er ist nicht krank. Er kann es nicht vermeiden, sich über die Sprache zu verständigen. Wenn seine Mutter ihn beschimpfte, überhörte er es nicht. Wenn sie die Serviette für ein Croissant hielt und darauf herumkaute, musste er sie tadeln. Wenn seine Mutter auf der Toilette ihre Hose anbehielt, weil, wie sie sagte, die Toilette sonst zerbreche, diskutierte er mit ihr. Wenn sie grundlos wütend auf ihn war, wollte er sich verteidigen dürfen. Wenn sie etwas Blaues immer wieder rot nannte, widersprach er. So lange, bis er einsehen musste, dass das Blaue tatsächlich rot ist. „Die Kranken haben immer recht", sagt er. Ihre Welt kennt keine Argumente.

Als Martin Woodtli und Nid heirateten, war die Kirche in Chiang Mai fast leer. Nur die ersten beiden Reihen waren besetzt. Auf der einen Seite saß Nids Familie. Auf der anderen Seite saßen Freunde des Bräutigams, die zufällig in der Nähe urlaubten, sowie die Patienten samt Betreuerinnen. Nach der Trauung ging das Brautpaar zu der Mutter des Bräutigams, die mit grünen Ohrringen und einem rosa Kostüm schick in der ersten Reihe saß. Die Brautleute knieten sich hin und übergaben Margit Woodtli einen gelben Blumenstrauß. „Das ist deine Schwiegertochter", sagte Martin Woodtli zu ihr, „wir haben geheiratet". Seine Mutter sagte nur: „Potztüsig", potztausend.

So vertraut ihr das Neue erschien, so fremd wurde ihr das Bekannte

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