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Altertum In Theben ging's los

11.08.2003 ·  Theben, nicht Mykene war im dreizehnten Jahrhundert vor Christus die Zentralmacht des mykenischen Griechenlands. Der älteste griechische Brief, von einem Tübinger Anatolisten identifiziert, erzählt Neues zum Krieg um Troia.

Von Michael Siebler
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Eigentlich war es wirklich nur eine Frage der Zeit, aber irgendwie traute man sich doch nicht daran zu glauben, daß es so schnell gehen könnte. In den vergangenen Jahren waren die Indizien dafür, daß Troia - Homers heilige Ilios - mit dem aus der Korrespondenz der hethitischen Großkönige bekannten Wilusa gleichzusetzen ist, so zahlreich geworden, daß die Identifizierung dieses mythosbeladenen Ortes "von außen", also unabhängig von Homer, nunmehr als gesichert gelten darf.

Die Keilschrifttafeln aus den Archiven in der Hauptstadt Hattusa sprachen eine deutliche Sprache: So etwa im Alaksandu-Vertrag, in dem der Großkönig Muwatalli II. (etwa 1290 bis 1272 vor Christus) einen Vasallen-Vertrag mit dem Herrscher von Wilusa besiegelt; oder im nicht weniger berühmten Tawagalawa-Brief, in dem sich der Hethiterkönig Hattusili II. (etwa 1265 bis 1240 vor Christus) bei dem Herrscher von Ahhijawa - das Reich der bei Homer genannten Achaier - über einen Unruhestifter namens Pijamaradu beschwert, der das hethitische Einflußgebiet an der kleinasiatischen Westküste sowie den vorgelagerten Inseln unsicher macht und bei Tawagalawa - gleichbedeutend mit dem mykenisch-griechischen Namen Etewoklewes/Eteokles -, dem Bruder des Ahhijawa-Königs, offenbar in Millawanda/Milet Unterschlupf findet, sobald ihn Hattusili dingfest machen will. Da der Großkönig den Ahhijawa-Herrscher mit "Mein Bruder!" anredet, stellt er diesen auf eine Stufe mit sich selbst - eine Auszeichnung, die einzig und allein nur noch dem ägyptischen Pharao zukam.

Ältestes bekanntes Schreiben des mykenischen Griechenlands

Kein Zweifel also, der König von Ahhijawa war damals ein bedeutender Herrscher und ein nicht zu unterschätzender politisch-militärischer Faktor im diplomatischen Spiel der späten Bronzezeit. Die Frage, wo Ahhijawa/Achaia lag, war lange umstritten, obwohl schon 1924 der Schweizer Altorientalist Emil Forrer das Reich namens Ahhijawa in den Keilschrifturkunden identifizierte und es auf dem griechischen Festland ansiedelte. Daß erst in den achtziger Jahren diese geographische Bestimmung wieder ernsthaft erwogen wurde, das ist wieder einmal mehr einem unseligen deutschen Gelehrtenstreit zu verdanken, der eine mögliche wissenschaftliche Karriere Forrers in den Ansätzen zunichte machte. Aber die bis heute gewonnenen archäologischen und philologischen Ergebnisse ließen bald keinen anderen Schluß mehr zu als eben die Lokalisierung des Zentrums von Ahhijawa auf dem griechischen Festland. Die Ausdehnung des achaischen Machtbereichs über die griechischen Inseln hinweg bis zum Brückenkopf Millawanda/Milet an der kleinasiatischen Westküste, der durch die Ausgrabungen Wolf-Dietrich Niemeiers als solcher nachgewiesen ist, zeigte eindrucksvoll eine Karte in der Hethiterausstellung in Bonn im vergangenen Jahr.

Damit waren Wilusa/Ilios und Ahhijawa/"das Land der Achaiwoi"/Achaier bestimmt, die Bedeutung von Troia und mykenischem Griechenland im Machtspiel mit dem hethitischen Großreich wissenschaftlich belegt. Bislang jedoch kannten wir nur Briefe des Hethiterkönigs an den König der Achaier, also eine Korrespondenz-Dokumentation von Ost nach West. Nun aber haben wir den Brief eines Achaierkönigs an den Herrscher in Hattusa. Die Identifizierung dieses ältesten bekannten Schreibens aus dem mykenischen Griechenland ist dem Tübinger Anatolisten Frank Starke zu verdanken, der in Troia einen ersten Einblick in seine Ergebnisse gewährte, die bereits von anderen Anatolisten nachgeprüft und als korrekt befunden wurden. Die wissenschaftliche Publikation mit ausführlichem Kommentar ist in Vorbereitung.

Streit um nordägäische Inseln

Der Brief wurde zwar schon 1928 von Forrer der hethitisch-ahhijawischen Korrespondenz zugeordnet, allerdings als Schreiben aus Hattusa an den König von Ahhijawa. Starkes Fazit der Fakten sieht so aus: Der Absender des Briefes ist ein König von Ahhijawa, der Adressat ein König der Hethiter. Paläographische Kriterien datieren das Schreiben in die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor Christus und weisen auf Hattusili II. als Adressaten, den Verfasser des genannten "Tawagalawa-Briefes". Der in hethitischer Sprache abgefaßte Brief weist sprachliche Eigentümlichkeiten auf, die zeigen, daß die Muttersprache des Verfassers nicht hethitisch war - ein deutlicher Hinweis auf seine Herkunft außerhalb Kleinasiens.

Das Thema des Schreibens ist ein Streit zwischen Hattusa und Ahhijawa um Inseln, die früher einmal zum "Land Assuwa" - bis Ende des fünfzehnten Jahrhunderts vor Christus der Vorgängerstaat des Landes Wilusa - gehört haben, was auf das nordägäische Gebiet mit Imbros, Lemnos und Samothrake weist. Zudem zitiert der Brief aus einem vorausgegangenen Schreiben des Hethiterherrschers. Der Ahhijawa-König nennt auch einen "Vorfahren", der einst seine Tochter einem König des Landes Assuwa "verheiratet" habe. Dieser Vorfahr trug den Namen Kadmos. Wollte also der Hethiterkönig seine Hand auf die genannten Inseln legen, so konterte der Herrscher in Ahhijawa gleichsam mit dem Hinweis, daß durch die lang zurückliegende Heirat der Kadmos-Tochter die Inseln zu seinem Einflußbereich zu zählen seien.

Regelmäßiger diplomatischer Schriftverkehr in Keilschrift

Für Starke ergibt sich daraus ein hochinteressanter Strauß von Folgerungen: Zwischen den beiden Mächten gab es - zumindest im dreizehnten Jahrhundert vor Christus - einen regelmäßigen diplomatischen Schriftverkehr in Keilschrift und in hethitischer Sprache. Das wiederum bedeutet, daß in Ahhijawa Schreiber saßen, die der Keilschrift kundig waren. Zwar schrieben die mykenischen Griechen in der als "Linear B" bekannten Silbenschrift, sie bedienten sich aber offensichtlich im internationalen Schriftverkehr der Keilschrift - in diesem Punkt machten sie ebensowenig eine Ausnahme wie die Ägypter jener Zeit. Die Erwähnung früherer Briefe aus Hattusa und aus der eigenen Kanzlei zeigen, daß es in Ahhijawa ein keilschriftliches Brief-Archiv gab, was in allen anderen Residenzstädten jener Zeit eine Selbstverständlichkeit war.

Da der Absender vertraut ist mit historischen Ereignissen in Nordwest-Kleinasien, die wenigstens hundertfünfzig Jahre zurücklagen, muß Ahhijawa seit der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in der kleinasiatisch-ägäischen Koine der späten Bronzezeit eine Rolle gespielt haben. Die in dem Brief erwähnte "Feindschaft zwischen (uns)" wegen der Ansprüche auf die Inseln stimmt erstaunlich gut überein mit einer Passage in dem "Tawagalawa-Brief", der zufolge die Feindschaft zwischen den beiden Reichen "wegen des Wilusa-Konflikts" beigelegt und Frieden geschlossen worden war.

Theben Zentralmacht im mykenischen Griechenland

Bemerkenswert ist aber vor allem auch die Nennung des Vorfahren "Kadmos". Dieser Name ist untrennbar mit dem böotischen Theben in Mittelgriechenland verbunden, dessen Burg ja auch stets als "Kadmeia" bezeichnet wurde. Der Brief kam also aller Wahrscheinlichkeit nach aus Theben. Mit dieser Folgerung wäre eine in den letzten zwei bis drei Jahren von Archäologen wie etwa Wolf-Dietrich Niemeier oder Sigrid Deger-Jalkotzy und auch von dem Homerforscher Joachim Latacz dezidiert formulierte Vermutung zur Gewißheit geworden, nämlich daß nicht Mykene im dreizehnten Jahrhundert vor Christus die Zentralmacht des mykenischen Griechenlands war, sondern Theben. Zugleich wären auch die Vermutungen verifiziert, die den Schiffskatalog der Ilias betreffen. In dieser Aufzählung der Kontingente, die gegen Troia ausfuhren, steht am Anfang nämlich das Aufgebot der Boioter, und die Flotte sammelt sich in Aulis, dem Hafen Thebens - erinnert sei zudem an die Episode mit der Tochter des Agamemnon, Iphigenie, die in Aulis als Opfer ausersehen wurde.

Die Entdeckung Starkes wird in der weiteren Forschung sicherlich eine wichtige Rolle spielen. Auf jeden Fall bestätigt sie erneut, daß im damaligen geographischen und politischen Machtgefüge der Vasallenresidenz Troia durchaus keine unbedeutende Funktion zukam - wenn sich zwei Könige darum stritten. Und die Grabungsergebnisse vor Ort sprechen nicht gegen eine solche Sichtweise, wie Manfred Korfmann jetzt anläßlich eines Rückblicks auf fünfzehn Jahre Ausgrabungen in Troia sagte. Die geradezu als protzig zu bezeichnende Ummauerung der Akropolis von Troia in der späten Bronzezeit (Troia VI und VIIa, etwa 1750 bis 1200/1180 vor Christus) nebst der nicht ernsthaft anzuzweifelnden, befestigten Unterstadt zeugt von Macht und Reichtum dieses Fürstensitzes, der zwar klein aus der Sicht mesopotamischer Residenzen erscheinen mag, aber mit Blick von Westen und Norden als höchst eindrucksvoll wahrgenommen wurde. Zwar nimmt Korfmann selbst nicht explizit zu den aktuellen Ergebnissen der mykenischen Archäologie, der Anatolistik und der Homerforschung Stellung, widerspricht ihnen aber auch nicht.

Jedoch drängen sich vor diesem Hintergrund sehr wohl einige Gedanken auf. So wissen wir heute, daß Troia VIIa (etwa 1300 bis 1200/1180 vor Christus) keinesfalls weniger bedeutend war als Troia VI, sondern daß diese Stufe im Gegenteil den Gipfel der Macht Troias repräsentierte. Denn erst in Troia VIIa werden die monumentalen Turmbastionen erbaut und die Unterstadt nach Süden hin erweitert - vielleicht eine Folge des Vertrages zwischen Alaksandu und Hattusa. Außerdem entstand die engere Bebauung mit den vielen in die Erde eingetieften Pithoi (Vorratsgefäße) - vielleicht ein Hinweis auf die unruhigen Zeiten. Denn Troia VIIa ging in einer verheerenden Brandkatastrophe unter, wohl die Folge eines verlorenen Krieges, wie Tote und liegengelassene Schleudersteine nahelegen. Was diese Fakten mit der Kulisse des Troianischen Kriegs in der Ilias verbindet, bleibt eine interessante Frage.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2003, Nr. 185 / Seite 31
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