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Welttag der Alphabetisierung : Flüchtlinge brauchen richtige Lehrer

Schreiben als Schlüssel zur Sprache: Deutschkurs für Flüchtlinge in Güstrow Bild: dpa

Die Erfolgsquote der Alphabetisierungskurse für Flüchtlinge ist niederschmetternd. Berlin versucht dem jetzt mit einer speziellen Schule beizukommen.

          Heute begeht die Unesco, Hüterin der Weltkultur und der Bildung, die jedem Menschen zugänglich sein sollte, den Welttag der Alphabetisierung. Wie immer geht es aber eigentlich um jene, die gar nicht oder kaum lesen und schreiben können: weltweit 750 Millionen Menschen. Die „Bildungsrepublik Deutschland“ steuert immer noch siebeneinhalb Millionen junge und ältere Erwachsene bei, gut vierzehn Prozent ihrer Bevölkerung. Eine manifeste Zahl seit 2012, als der schockierende Befund öffentlich wurde, trotz millionenteurer Kampagnen seitdem, die den Betroffenen Mut machen sollten, trotz „Nationaler Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“. Wie man hört, werden funktionale Analphabeten jetzt vor allem zu Pflegehilfskräften ausgebildet. Es handelt sich um sogenannte Pilotprojekte. Ob sie jemals den Sprung ins reguläre, institutionalisierte Ausbildungangebot schaffen, steht dahin. Auch daran hat sich nicht viel geändert. Wer sich in Deutschland seit Jahrzehnten bemüht, dieser skandalösen, elementaren Bildungsarmut abzuhelfen – allzu viele sind das immer noch nicht –, weiß nur zu gut, dass Projektförderung das falsche Instrument ist, welches die notwendige Professionalisierung eher verhindert.

          Seit einigen Jahren kommen zu den einheimischen Analphabeten noch Zehntausende, vielleicht auch Hunderttausende Flüchtlinge hinzu, die nie oder nur ab und an eine Schule besuchten. Die Erfolgsquote spezieller Alphabetisierungskurse für sie ist niederschmetternd, sie liegt bei acht Prozent und manchmal noch darunter. Wie es bei den Minderjährigen aussieht, weiß niemand genau, jedenfalls steht es nicht gut. Viele Helfer, die sich bemühen, ihnen das Lesen und Schreiben und gleichzeitig auch die deutsche Sprache beizubringen, scheitern. Müssen scheitern, genauso wie ihre Schützlinge. Auch die vielgerühmten Willkommensklassen können daran nur wenig ändern. Trotzdem werden jugendliche primäre oder funktionale Analphabeten immer wieder nach einigen Monaten den regulären Schulen übergeben – womit dann häufig alle überfordert sind: die Mitschüler, die Lehrer, die jungen Flüchtlinge. Nur Berufsideologen faseln weiter von Teilhabe in allerschönster Gemeinsamkeit, ihre Hybris lässt sie das Scheitern unter Kollateralschäden abbuchen.

          Berlin versucht der absehbaren Frustration Betroffener jetzt mit einer bisher einzigartigen Spezialschule beizukommen: Eigens dafür geschulte Lehrer, also Profis, werden junge, schon einmal gescheiterte Flüchtlinge alphabetisieren und unterrichten, bis sie in der Lage sind, in einer der kooperierenden Berufsschulen eine reguläre Ausbildung aufzunehmen. Großartig! „Ausgrenzung!“ und „Apartheidschule!“ riefen jedoch sogleich die Vertreter der Helferindustrie, die wohl um ihre unmündige Klientel fürchten. Die Empörungswelle verebbte in den Ferien, zum Glück. Der Weg für eine mühsame, aber ehrliche und hochprofessionelle Alphabetisierung ist frei!

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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