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Alltag im Alter Die Würde des (alten) Menschen ist antastbar

 ·  Vom Elend an Bahnhöfen, Fahrkartenautomaten, Fußgängerampeln und in Heimen. Alten Menschen wird es nicht leicht gemacht. Deutschland, als Stolperparcours für Senioren betrachtet.

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Ob ich mit der alten Frau ihre Verwirrung vor dem Fahrkartenautomaten am Bahnhof in Dorsten teilte oder ob es an einer Station zwischen Grimma und Leipzig passierte, weiß ich nicht mehr. Tatsache ist, dass es weder dort noch da Ansprechpartner gab, die sie um Hilfe hätte bitten können. Der Bahnhof war vernagelt, verschmiert, tot, sein Personal längst schon in den Vorruhestand wegrationalisiert und ersetzt durch Automaten, weshalb es logischerweise auch keinen Fahrkartenschalter mehr gab.

War es früher besser? Ja. Was war früher denn besser? Das Leben.

Ein Automat gibt auch auf konkrete Fragen keine Antwort: Welchen Knopf soll ich wann wohin drücken? Wie viele Münzen muss ich einwerfen? Nimmt die Maschine von Menschen auch Scheine an? Zahlt sie in barer Münze zurück? Solche Probleme lachen junge Smartphonies einfach weg und drücken für die Antwort auf einen App. Wer da nur Bahnhof versteht, also für die neue Zeit nicht mehr die entsprechenden Botenstoffe im Gehirn aktiviert, muss halt zu Hause im Kopf mit den verbliebenen Neurotransmittern auf Reisen gehen.

Weil ich es eilig hatte, war der Rat, den ich ihr gab, beschämend billig: Einfach in den nächsten Zug einsteigen solle sie, den Fahrschein beim Schaffner lösen. Denn der Rat kann teuer werden. Wer ohne gültiges Ticket reist, muss nicht nur den Fahrpreis, sondern auch vierzig Euro Strafe bezahlen. So steht es warnend in den Waggons geschrieben. Falls die Schrift nicht zu klein gedruckt ist, dürfte sie auch der alternde Großteil der Bevölkerung entziffern können. Bei Kontrollen sind schwarzfahrende Menschen ohne Ansehen von früher oder später Geburt, Rasse, Religion, Herkunft gleichermaßen dran, egal, ob arm oder reich, weiß oder tatsächlich schwarz.

Betrieb eingestellt

Gern erfinden Journalisten für nicht selbst Erlebtes anonyme Taxifahrer, die erzählen, was sie nicht eigens recherchiert haben. Doch dieses Beispiel ist belegt durch einen glaubwürdigen Informanten, einen Journalisten. Seine Mutter, damals Mitte achtzig, wollte von Königsbronn nach Heidenheim fahren. Entfernung: etwa acht Kilometer, Fahrtzeit neun Minuten. Hilflos stand sie, eine wie viele, stellvertretend für alle, vor einem Fahrkartenautomaten. Der Sohn erwähnte es beim Interview mit dem damaligen Bahnvorstand. Kurzbündige Erwiderung: Sie müsse halt künftig vor Antritt einer Reise ihre Fahrkarte online ausdrucken. Die Antwort war nicht nur arrogant, sondern zudem ignorant, denn für Kurzstrecken der Heidenheimschen Art gibt es im Internet keine Tickets.

In vielen deutschen Kleinstädten steht zwar noch ein Bahnhof, aber von ihm fahren keine Züge mehr los, und es kommen keine mehr an. Busse stehen als Ersatz bereit, und die Fahrer reagieren auf Fragen. In vielen Dörfern hält selbst der Bus nur noch zweimal am Tag, ist die Kirche längst nicht mehr im Dorf, hat die Gastwirtschaft geschlossen und der Sportverein mangels Nachwuchses den Betrieb eingestellt. Die Jungen zogen für ihre Jobs weg, die Alten blieben sesshaft, sie hatten keine Wahl. Es geht ihnen im Westen besser als ihren Altersgenossen in den verblühten Landschaften des Ostens. Bei jenen klopft zwar regelmäßig ein freundlicher jüngerer Mitmensch an und bietet jedwede Hilfe im Alltag an. Erwartet dafür aber bei der nächsten Wahl von den Alten, deren Kreuz er heuchlerisch zu tragen hilft, ein Kreuz bei der NPD.

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