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Hörbuch-Rezension : Donnerstags nur auf der linken Straßenseite!

Erinnerungen an die Familie, Freunde und Feinde: Die Autorin und Kritikerin Elke Heidenreich. Bild: dpa

Für „Alles kein Zufall“ hat Elke Heidenreich kräftig in ihren Zettelkästen gestöbert - um eifrig aus dem Nähkästchen plaudern zu können. Das ist mitunter selbstgerecht, aber meistens unterhaltsam.

          In der Peter-Pan-Verfilmung „Hook“ lebt Tootles, einer der verlorenen Jungs, zu Beginn der Geschichte bereits alt geworden, im Londoner Haus von Wendy Darling und leidet. Sein Schatz, ein Beutel voll bunter Murmeln, ist verloren. Sie stehen für seine Erinnerungen. Am Ende des Films bekommt er den Sack von Peter Pan zurück, findet ein paar Körnchen Feenstaub darin, sprenkelt ihn sich aufs Haupt und reist zurück ins Nimmerland.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ähnlich verhält es sich mit Elke Heidenreichs Buch „Alles kein Zufall“, das sie als Hörbuch selbst eingesprochen hat. Die vielen Miniaturen, oft nur eine Buchseite lang, kommen dahergerollt wie lauter bunte Murmeln. „Alles kein Zufall“ versammelt Erinnerungen, Anekdoten, Flausen, Erkenntnisse, Spöttereien und Liebenswürdigkeiten, die Elke Heidenreich aus Zetteln, Tagebucheintragungen, Kladden zusammengetragen hat - sprich dem ganzen Papierkrieg, der ihr Leben ist.

          Bloß kein Kernobst in Monaten mit „R“!

          Es beginnt mit der Erinnerung an die Urgroßmutter, von der ihr zweierlei geblieben ist: Der Satz „Friss, Vogel, oder stirb!“ und ein sepiafarbenes Pappfoto, das sie als alte Frau zeigt, mit straffem Haar und kleinen Augen. Sie sah aus wie ein „General, der Widerspruch nicht duldet“. Nur drei ihrer acht Kinder blieben am Leben, darunter Heidenreichs Großvater. Ihre Familie - der Vater verstrickt in etliche Verhältnisse, die Mutter streng, aber nicht ohne Liebe - taucht in den 187 versammelten Texten immer wieder auf. Und wie eine Murmel betrachtet Heidenreich die Erinnerungen, die das Gefühlsrepertoire einer Kindheit mit sich bringt, von allen Seiten: Da findet sich Enttäuschung, Zuneigung, Absurdes und Tragisches. Einmal erklärt die Mutter kalt, sie stürze sich vom Balkon, wenn ihre Tochter (mit Fischallergie) den Fisch nicht esse. Ein andermal freut sie sich über ein Weihnachtsgedicht.

          Nicht alles ist autobiographisch: So berichtet Heidenreich in „Chakra“ von ihrer „Friseuse“, die ihr rät, donnerstags nur auf der linken Straßenseite zu gehen, sich nie auf grüne Korbstühle zu setzen und in Monaten mit „R“ kein Kernobst zu essen. Alles im Umfeld der Autorin wird Teil der Galerie, die sich als Hörbuch mit Hilfe der Shuffle-Funktion aufs schönste durcheinanderwürfeln lässt.

          Der Feenstaub in Heidenreichs Murmelbeutel

          Für Katzen hat sie diesmal indes kaum Platz, außer in Form von unliebsamen Kalendern, die sie zuhauf geschenkt bekommt, seit sie „Nero Corleone“ geschrieben hat. Dafür gibt es Hunde wie Mops Vito, Italien-Bilder, Porträts von Liebhabern, Freunden, Feinden. Das Hörbuch gewinnt vor allem in der Figurenzeichnung der Sprecherin, bei der man ihre Kabarettfigur „Else Stratmann“ heraushört.

          Mitunter ist Elke Heidenreich aber auch ein bisschen selbstgerecht, wenn sie etwa das Verhalten von nicht näher benannten Bekannten und Kollegen verurteilt oder von Leuten, die das Pech hatten, ihr im falschen Moment über den Weg zu laufen. Geweint wird auch gerne. Am liebsten in der Oper. Manchmal überlässt sie das Wort auch Dichtern, wie Robert Walser, der an Carl Seelig schrieb: „Das Glück ist kein guter Stoff für Dichter. Es ist zu selbstgenügsam. Es braucht keinen Kommentar. Es kann in sich zusammengerollt schlafen wie ein Igel. Dagegen das Leid, die Tragödie und die Komödie: sie stecken voll von Explosivkräften. Mann muss sie nur zur rechten Zeit anzünden können. Dann steigen sie wie Raketen vom Himmel und illuminieren die ganze Gegend.“ Das ist dann der Feenstaub in Heidenreichs Murmelbeutel.

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