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Veröffentlicht: 16.02.2012, 10:01 Uhr

Alice Schwarzer über Burma Zwischen Hoffnung und Lächeln

Burma öffnet sich und eilt mit Siebenmeilenstiefeln in Richtung Zukunft. Doch diese rasante Geschwindigkeit birgt auch große Gefahren.

von Alice Schwarzer
© dapd Hoffnungsträgerin eines geschundenen Landes: Aung San Suu Kyi ist derzeit überall

Als ich im Januar von meiner Reise nach Burma zurückkehrte, da schallte mir von allen Seiten nur eine Frage entgegen: „Hast du Aung San Suu Kyi getroffen?!“ Nein, habe ich nicht. Aber ich bin ihr ständig begegnet: als jugendliche Schönheit mit Blumen im Haar, in der Garküche in Bahmo, der Hafenstadt am Irrawaddy; neben ihrem Vater, dem Revolutionshelden Aung San, auf Wahlplakaten am Wahlstand ihrer Partei in Mandalay; weise lächelnd im Bilderrahmen in einer Bambushütte im Fischerdorf von Ngapali. Am Abend des 5. Januar tritt sie mir sogar entgegen: im Fernsehgerät im ehemaligen Staats- und Kolonialhotel Tande in Bagan, am trägen Ufer des Irrawaddy. Im BBC erklärt die einst mit einem Engländer verheiratete „Lady“: „Ich vertraue Präsident Thein Sein - aber noch nicht der Regierung.“ Damit spricht die Frau, die das Symbol des burmesischen Widerstandes ist, wohl das Gefühl des Volkes aus. Inzwischen ist die Partei der lang Verfemten, ja ist sogar ihre persönliche Kandidatur zu den Nachwahlen am 1. April zugelassen. Dann werden 48 von 485 Abgeordneten neu gewählt. Und es ist schon jetzt klar, dass der amtierende Präsident der oppositionellen Lady einen respektablen, symbolischen Posten in der Regierung anbieten wird.

„Es wird“, sagt Thant Myint-U, „etwas im sozialpolitischen Bereich sein. Wirtschaft ist nicht ihre Sache.“ In der Tat hatte die bis heute ungebrochen beliebte Tochter des früh ermordeten Staatsgründers über zwanzig Jahre lang eisern den Wirtschaftsboykott des Westens gegen Burma befürwortet. Der mag in den ersten zwei, drei Jahren richtig gewesen sein, als man noch hoffte, nach dem Vorbild Südafrikas das burmesische Militärregime in die Knie zwingen zu können. Danach jedoch waren die Folgen des Boykotts fatal, vor allem für das Volk. Das wurde immer ärmer, während sich die Cliquen um die Generäle bereicherten.

Vor allem aber trieb der Westboykott Burma in die Arme seines mächtigen Nachbarn. Heute hält China das Land in einer wirtschaftlichen Umklammerung. Der große Bruder durchschneidet Burma mit einer Gas/Öl-Pipeline, er überzieht es mit Häusern in seinem krude-klotzigen China-Style und mit Plastikwaren, die das traditionsreiche burmesische Handwerk verdrängen. Eine unterschwellig antichinesische Stimmung macht sich breit. Doch ihrer Lady scheinen diese bei aller Liebenswürdigkeit zur fröhlichen Schadenfreude neigenden Burmesen die Befürwortung des Boykotts bis heute nicht übelzunehmen.

Ein Land in Bewegung

Vermutlich verstehen zurzeit nur wenige so viel von Burma wie Thant Myint-U, 46, Enkel des früheren UN-Generalsekretärs U Thant, Berater zahlreicher NGOs und Autor kenntnisreicher Bücher über Burma. An diesem Januarmorgen sitze ich mit Thant („Nennen Sie mich Thant“) im Café des Flughafens von Rangun. Der ist im neuen Glitzerstil mit seinen aktuell nur vier betriebenen Gates mächtig auf Zuwachs angelegt. Nur von einem „Café“ kann nicht die Rede sein. Es handelt sich um drei Tische in der Katzenecke der Eingangshalle.

In diesen ersten zwei Wochen des Jahres 2012 passiert in Burma mehr als in den vergangenen zwanzig Jahren. Westliche Außenminister geben sich die Klinke in die Hand, Hunderte von politischen Gefangenen werden entlassen. Und Aung San Suu Kyi eröffnet in Rangun ein „Friedensfilmfestival“, auf dem ein burmesischer Kurzfilm, der die Zensur ironisiert, den 1. Preis bekommt. Die Medien berichten. Sie werden nicht mehr zensiert, heißt es.

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