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Alan Turing, Denkgenie : Ausgerechnet: Die Grenzen der Wahrheit

Eine halbe Million Schieferplättchen formen das Alan-Turing-Denkmal im Park von Bletchley Bild: dpa

Geboren wurde der britische Logiker und Mathematiker Alan Turing am 23. Juni 1912. Das abstrakte Prinzip des Computers und ein neuer Begriff von Intelligenz sind zwei der Schätze, die sein Erbe birgt.

          Köpfe mit Sinn fürs Abstrakteste stehen in Menschengemeinschaften häufig abseits. Nicht selten gehen sie uns ganz verloren. Manchmal aber hat das, was nur sie sehen können, Einfluss aufs Schicksal von Millionen. Hätten zum Beispiel ein paar arbeitsame Engländer unter der Anleitung des ungewöhnlich abstraktionshellsichtigen Logikers Alan Turing einer Signalverschlüsselungsmaschine von Hitlers Streitmacht nicht deren Geheimnisse entrissen, dann wäre der Zweite Weltkrieg in Europa womöglich ein paar grauenvolle Monate später beendet worden. Atombombenabwürfe auf hiesige Städte gehören zu den Möglichkeiten, die das einschließt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Turing und seiner Arbeitsgruppe im Spionagezentrum Bletchley Park verdankt die Welt das Bewusstsein von der Waffenfähigkeit formalisierter und automatisierter Folgerungsketten, die heute nicht nur zwischenstaatliche Konflikte, sondern auch die sich im Minutentakt vervielfältigenden Fronten asymmetrischer Kriegsführung bestimmen. Schicksale einzelner, dem Alltag scheinbar in Regionen platonischer Idealität entrückter Leute können also auskristallisierte Geschichtsmomente sein - im Erfolg wie im Scheitern. Der einzige Turing in seinem Fach auch nur entfernt ebenbürtige Deutsche jener Zeit, der Beweistheoretiker Gerhard Gentzen, zog sich, während Turing den Seekrieg mit entschied, als Funker eines Luftnachrichtenregiments der Wehrmacht ein Nervenleiden zu, das man als Mikro-Allegorie des Gesamtirrsinns der „deutschen Wissenschaft“ lesen kann, in deren Namen die Nazis die deutsche Wissenschaft seinerzeit verheerten.

          Gefängnis - oder Therapie mit Hormonen

          Ihr Regime hat man aus der Welt geschafft. Alan Turings krypto-analytischer Anteil daran wurde ihm schlecht entlohnt. Denn dieser Mann, der Männer liebte und dafür unter den Nazis um sein Leben hätte fürchten müssen, fand sich von 1952 an von Gesetzes wegen auch in England als Sexualdissident verfolgt. Man stellte ihn vor die Wahl: Gefängnis oder Therapie mit Hormonen. Eine Vergiftung, die ein Selbstmord gewesen sein mag, brachte ihm den Tod - man muss das Leben eines Liebes- oder Denkabweichlers nicht erst mit dem Schaftstiefel zertreten, um es ihm unrettbar zu verleiden.

          Noch in seinen letzten Wochen war Turing, den die gesetzliche Festschreibung einer krude, eng und grausam bestimmten biologischen Norm um Glück und Gesundheit brachte, damit beschäftigt, die Vielfalt des Biologischen besser zu verstehen. Gerade erst traten die Lebenswissenschaften aus dem beschreibenden ins exakte Stadium, und Turing half an der Universität von Manchester seit 1949 dabei mit. 1952, zwei Jahre vor seinem Tod und im Jahr des Beginns seiner Drangsalierung durch den britischen Staat, skizzierte er in seinem Aufsatz „The Chemical Basis of Morphogenesis“ eine Theorie über Instabilitäten in homogenen chemischen Medien, formgebende Wellenmuster und andere neue Einfälle, die zusammen die Umrisse ganzer Großbezirke heutiger Forschung, von den Nichtgleichgewichts-Phasenübergängen der Synergetik bis zur bioinformatischen Enträtselung der Genetik und Proteomik ahnen ließen.


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