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Französischer Wahlkampf : Linke ohne Leitkultur

Am Sonntag entscheiden die Franzosen, wer in die Stichwahl für den Elysée-Palast kommt. Bild: dpa

Kein Ende der Geschichte: Für den französischen Intellektuellen Alain Finkielkraut ist der Wahlkampf ein „Schock der Kulturen“ und der Fortschritt an seinem Ende angekommen.

          Alain Finkielkraut ist einer der einflussreichsten und ungeliebtesten französischen Intellektuellen. Als er die Protestbewegung „Nuit Debout“ besuchte, wurde er beschimpft und bespuckt. Bei der Vorwahl der Republikaner trat Alain Juppé mit dem Versprechen einer „glücklichen Identität“ an, die als Slogan und Programm eine direkte Antwort auf Finkielkrauts Essay „L’identité malheureuse“ war. Bei den Sozialisten unterstützte der jüdische Philosoph den gescheiterten Kandidaten Manuel Valls: „Weil er die republikanische Linke repräsentiert und sich nicht scheut, die Gefahr des Islams beim Namen zu nennen.“ Seit Valls für den Präsidentschaftsbewerber Emmanuel Macron votiert, fühlt Finkielkraut sich als „Waise der republikanischen und laizistischen Linken, die ihre Leitkultur verraten hat“. Und mit ihr die „französische Kultur“ schlechthin.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Von einer solchen, hat Macron erklärt, könne nicht die Rede sein, „divers“ und „multiple“ sei sie in ihrem Kern: „So wie es auch keine französische Kunst gibt.“ Finkielkraut empfindet solche Einschätzungen als Beleg für eine Nivellierung und Relativierung, die er seit seinem wegweisenden Essay „Die Niederlage des Denkens“ bekämpft. Auch mit dem früheren Staatspräsidenten Giscard d’Estaing, so sagt der Philosoph im Gespräch, habe er in der Académie française darüber diskutiert: „Er ist genauso konsterniert.“

          Nivellierung ist der falsche Weg

          Finkielkraut hat dafür nur eine Erklärung: „Aus dem Antifaschismus ist ein Antirassismus geworden, der unsere Denkfähigkeit vernebelt.“ Macron, so sagt er, wolle mit seinem Kulturbegriff den „neuen Bevölkerungen“ Rechnung tragen: „Die Einwanderer der postkolonialen Immigration und ihre Kinder sollen sich nicht ausgeschlossen fühlen. Man will verhindern, dass sie das Gefühl haben, von den Inhabern der französischen Kultur von oben herab betrachtet zu werden. Deshalb wird alles eingeebnet und auf eine gleiche Stufe gestellt: im Namen der Gastfreundschaft und Fremdenfreundlichkeit.“

          Nivellierung aber hält Finkielkraut für den falschen Weg: „Mit ihr kann man das Integrationsproblem nicht lösen. Man muss den Einwanderern etwas bieten. Ein Modell, eine Leitkultur. Wenn das nicht geschieht, führt die Einwanderung zu einem Nebeneinander von feindlichen Gemeinschaften, die sich aus der Kultur ihrer Herkunft definieren und abschotten.“ Das ist eine französische Realität.

          Er hält an der Idee der Aufklärung fest - nicht an der des Fortschritts: Alain Finkielkraut.

          Am Donnerstag veröffentlichten die französische Tageszeitung „Le Monde“ und die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ Plädoyers deutscher Intellektueller, die sich überdeutlich für Macron aussprechen und einen tiefen Graben in der deutsch-französischen Wahrnehmung offenbaren. Michael Krüger erinnert daran, dass er als Hanser-Verleger Finkielkraut und Pascal Bruckner publiziert hatte. Nun aber bezeichnet er die Warner vor einem totalitären Islam als „bei jedem Wind sich drehende Genossen“: „Sie gehen mir auf die Nerven“, und zwar genauso wie Fillon und Le Pen. Auch Jürgen Habermas freut sich an Macron, der die „verfestigte Links-rechts-Spaltung“ überwinden könnte; das wäre „eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte der Französischen Republik“. Peter Sloterdijk fordert die Franzosen in einem Interview, das nur „Le Monde“ abgedruckt hat, dazu auf, „die Lichter der Aufklärung nicht abzuschalten“.

          An deren Werten hält auch Finkielkraut fest. Der Idee des Fortschritts allerdings misstraut er: „Er ist in einem Endstadium angekommen. Die Entwicklung zu immer mehr individueller Freiheit und Herrschaft über die Natur mündet in eine Bewegung, die uns mitreißt und von der wir nicht wissen, wohin sie führt. Es kann nicht mehr länger darum gehen, den Fortschritt zu vertiefen und zu beschleunigen. Er muss begrenzt werden: um die Welt zu retten! Wir müssen die Sprache, die Kultur, die Landschaften retten.“ Macrons Politik einer Vernunft aus der Mitte kann Finkielkraut durchaus etwas abgewinnen. Doch die „Opposition von Fortschritt und Reaktion“ hält er für bedeutend archaischer als das „Schema links/rechts“. Das „Ende der Geschichte“ sei eine kurze Illusion gewesen, im französischen Wahlkampf macht er einen „Schock der Kulturen“ aus: „Man sollte nicht vergessen, was Erdogan sagte, als er noch Bürgermeister von Istanbul war: Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette sind unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Gläubigen unsere Soldaten. Diese imperialistische Kampfansage zwingt uns, unser Weltbild zu überdenken.“ Macrons Kulturbegriff, so Finkielkraut, mache Frankreich ziemlich wehrlos. Und als Präsident sei dieser „Narziss ohne Erfahrung“ kaum gewappnet, um mit Erdogan, Trump und Putin zu verhandeln. Wen er selbst wählen wird, weiß Finkielkraut längst: „Aber ich werde es Ihnen nicht sagen, ich halte mich an das Wahlgeheimnis.“

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