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Alain Finkielkraut : Kein Grund zur Empörung!

Unsterblichkeit, nun ist sie sein, zumindest auf französisch: Alain Finkielkraut am Donnerstag in Paris. Bild: AFP

Ein streitbarer Kritiker der Moderne: Alain Finkielkraut ist trotz einiger Anfeindungen unter die „Unsterblichen“ der Académie française gewählt worden.

          „Wenn er nicht gewählt wird, werde ich nie mehr kommen“, hatte Jean d’Ormesson gedroht. Der Schriftsteller gehörte zusammen mit Hélène Carrère d’Encausse zu den Unsterblichen, die öffentlich für die Aufnahme von Alain Finkielkraut in die Académie Française kämpften. Dass es bei einem Kandidaten dieses Kalibers Widerstand geben könnte, war eigentlich schlicht unvorstellbar. Auch ist die Akademie ja nicht unbedingt ein Hort der linken Fortschrittsgläubigkeit. Sondern eine eher traditionelle Veranstaltung und einem konservativen Bildungsideal verpflichtet, wie es Alain Finkielkraut - etwa in seinem Buch „Die Niederlage des Denkens“ - verteidigt.

          Doch es soll tatsächlich enorme Vorbehalte gegen Finkielkraut gegeben haben. Bei keiner Wahl der letzten Jahrzehnte sei so heftig gestritten worden, schrieben die Zeitungen. Der in Sachen Akademie am besten informierte „Figaro“ berichtete von einem „kalten Krieg unter der Kuppel“.  Doch nur anonym wurden die Gegner Finkielkrauts zitiert. „Wir wollen doch nicht Le Pen in die Unsterblichkeit wählen“, soll einer gesagt haben.

          Ankunft im postliterarischen Frankreich

          Als unmodern, konservativ, reaktionär wurde der 64 Jahre alte Denker oft gebrandmarkt – und seit seinem Essay „L’Identité malheureuse“, der im letzten Oktober erschien, auch noch als Faschist beschimpft. Dieses Buch ist ein erstaunlicher Besteller. Eines seiner prominentesten Themen ist die Schule: Sie produziere lauter „Kreative, die nichts zu vererben“ und zu vermitteln haben. Die Wurzeln zu Tradition und Klassik seien abgetrennt worden. „Die offene Schule hat nicht die Bildung zum Volk, sondern das gebildete Volk zur Strecke gebracht.“

          Das vom Dichter Charles Péguy gelobte französische „Volk der Gebildeten“ existiere nicht mehr; und Finkielkraut weiß, wann „der letzte Nagel in seinen Sarg“ gehämmert wurde: am 20. März 2013, von der linken Regierung „als die zuständige Ministerin das Monopol der französischen Sprache für Vorlesungen, Prüfungen, Dissertationen aufhob“. In diesem „postliterarischen Frankreich“ der Einwanderung, der Bildungskatastrophe und des Internets ist Alain Finkielkraut nicht mehr heimisch.

          Stéphane Hessel als Symptom

          Im Vorwort des Buchs skizziert der 1949 geborene Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa seine Biographie. Im Mai 1968 schrie er sich heiser. Die Dissidenten eröffneten den Weg zur Überwindung der marxistischen Hegemonie in der französischen Kultur und ermöglichten die Versöhnung der Intellektuellen mit der Demokratie.

          Finkielkraut bezieht sich auf François Furet, der in „Das Ende der Illusion“ darauf verwies, „dass es beinahe unmöglich geworden sei, eine andere Gesellschaft zu entwerfen“. Es gebe keine Utopie und keine Alternative. Und die Empörung über das Ungenügen der Gegenwart erschöpfe sich im Skandalisieren und Moralisieren.

          Als Beispiel nennt Finkielkraut Stéphane Hessels Bestseller „Empört euch“. Ein Grund für solche Empörung würde sich immer finden lassen“, doch im Übrigen sei es auch Hessel nur noch um Bewahrung gegangen: Der Skandal, gegen den Hessel sich auflehnte, war die „Abwicklung des Sozialstaats“. Ihm aber trauert Finkielkraut selbst sehr viel weniger nach als dem Verlust der französischen Identität und der Ideale der Aufklärung. Darum geht es schon in Finkielkrauts Buch  „Die Niederlage des Denkens“. Mit Hessel habe dieses Denken endgültig kapituliert: Auf jegliches „Abwägen, Argumentieren, Berechnen, Nachdenken“ dürfe nun verzichtet werden, die Empörung wird zum Selbstzweck und genügt sich selbst.

          Man muss dieses scharfsinnige, pessimistische Buch als Bestandsaufnahme lesen, als Ausdruck der französischen Identitätskrise. Es wirkt im Nachhinein fast schon als Empfehlungsschreiben für die Akademie-Kandidatur. Nicht mit einem brillanten Ergebnis, aber doch im ersten Durchgang ist der streitbare Kritiker der Moderne und des Internets gestern in die Académie française gewählt worden: mit 16  von 28 Stimmen. Ernsthafte Gegenkandidaten gab es keine. Die vielen Leerstimmen zeigen, dass Finkielkraut nicht allen in der Unsterblichkeit willkommen ist. Er tritt an die Stelle von Félicien Marceau. Der „Figaro“ kommentierte seine Wahl als „Sieg des Denkens“.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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