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Al Qaida im Jemen Die Alchemisten des Terrors

11.01.2010 ·  Bei den Gotteskriegern von Al Qaida ist das Zeitalter der Chemie angebrochen. In einem Leitartikel gibt einer der Anführer des Terrornetzes, Bin Ladins früherer Sekretär, Anweisungen zum Bombenbasteln mit einfachsten Mitteln.

Von Joseph Croitoru
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Der Jemen ist derzeit das Land, aus dem die kühnsten Innovationen im Bereich des Selbstmordterrorismus kommen. Der dortigen „Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel“, die vor einem Jahr aus der Fusion der jemenitischen und der saudischen Filiale von Usama Bin Ladins Terrornetzwerk hervorging, gelang es gleich zweimal, einen Selbstmordattentäter an den üblichen Sicherheitskontrollen vorbeizuschleusen – im vergangenen August und am ersten Weihnachtsfeiertag. Beide Täter führten den hochexplosiven Plastiksprengstoff PETN mit sich.

Im Falle des ersten Attentäters, des Saudi Abdullah al-Assiri, der den saudischen Prinzen Muhammad Bin Naif, Chef der Terrorbekämpfung im Land, mit sich in den Tod reißen wollte, wurde zunächst angenommen, dass er den Sprengstoff im Darm versteckt hatte – ähnlich wie Rauschgiftschmuggler, die die Drogen in sogenannten Bodypacks in ihrem Körper transportieren. Auf diese Weise gelang es dem gesuchten Terroristen unter dem Vorwand, sich den Behörden stellen und den Kontakt zu einigen ranghohen und ebenfalls aussteigewilligen Al Qaida-Mitgliedern vermitteln zu wollen, in das Büro des Prinzen in Dschidda vorzudringen. Dort stellte er für Muhammad Bin Naif, wie versprochen, auf dem eigenen Mobiltelefon eine Verbindung zu seinen Anführern her. Kurz darauf sprengte sich al-Assiri in die Luft. Prinz Naif überstand den Anschlag wahrscheinlich nur deshalb fast unverletzt, weil die Wucht der Explosion sich nach unten entlud.

Dass die Saudis schon kurze Zeit später dabei waren, ihre erste Einschätzung, der Attentäter habe die Bombe in seinen Eingeweiden getragen, zu revidieren, wurde zwar schon Ende September unter Berufung auf saudische Regierungskreise vom amerikanischen Fernsehsender CNN angedeutet. Offenbar war man zum Schluss gekommen, dass der Selbstmordbomber den Sprengstoff in seiner Unterwäsche deponiert hatte. Von dem Umstand aber, dass Prinz Naif bereits Anfang Oktober während seines Besuches in den Vereinigten Staaten Präsident Barak Obama vor der neuen Gefahr der „Unterhosenbomber“ warnte, erfuhr die Öffentlichkeit erst nach dem vereitelten Anschlagsversuch des Detroit-Attentäters. So brachte wohl erst die offensichtliche Parallelität zur Vorgehensweise des Nigerianers Umar Faruk Abdulmuttalab die Gewissheit, dass sich tatsächlich eine neue gefährliche Sicherheitslücke aufgetan hat; eine Bedrohung, die man zunächst wohl unterschätzt, wenn nicht gar bewusst herunterzuspielen versucht hat.

Ein chemischer Zünder

Bei Al Qaida jedenfalls reibt man sich die Hände: Der monatelang aufrechterhaltene Eindruck, die Gruppe könne mittlerweile ihre Selbstmordterroristen mit einer Bombe im Körper ohne weiteres durch sämtliche Sicherheitskontrollen spazieren lassen, war nicht nur für die westliche Welt schon unerträglich genug, sondern dürfte auch noch das Ansehen des Terrornetzwerks in Dschihadisten-Kreisen erheblich gesteigert haben. Dass es aber offensichtlich nicht einmal eines solchen Aufwands bedarf, um tödliche Sprengsätze unbemerkt an Bord eines Flugzeugs zu schmuggeln, macht die Sache noch unerträglicher.

Tatsächlich ist dies nicht der einzige Sieg des jemenitischen Zweigs der Al Qaida. Hinzu kommt, dass bis jetzt nicht geklärt werden konnte, wie überhaupt der Sprengkörper von al-Assiri gezündet wurde. Den Bombenexperten des Terrornetzwerks, so wird inzwischen vermutet, sei es gelungen, einen funktionsfähigen chemischen Zünder zu entwickeln, der ebenso unentdeckt Metalldetektoren passieren kann wie Plastiksprengstoff. In der Tat spricht die Propaganda der Terrorzelle im Jemen eher für als gegen diese These.

Denn die nachträgliche Videoinszenierung des Anschlags auf Prinz Naif enthält ein Novum. Sie zeigt den Attentäter al-Assiri zusammen mit einigen Anführern hinter einem Tisch, auf dem wie in einem Chemielabor zahlreiche Glasgefäße stehen: Der Terrorist in der Pose des Alchemisten. Eine ähnliche Botschaft vermittelt auch die Titelseite der jüngsten und bislang insgesamt elften Ausgabe der organisationseigenen Zeitschrift „Echo der Kämpfe“ (Sada al-malahim). Dort prangt neben einer Handgranate ein Laborglas mit einer gelblichroten durchsichtigen Flüssigkeit, vermutlich Nitroglycerin. Vom rechten Rand schiebt sich überdimensioniert die sichere Hand des erfahrenen Bombenbauers ins Bild und misst mit einem Thermometer die Temperatur des hochexplosiven Gemischs.

Wo verstecke ich meinen Sprengsatz?

Dass die Terroristen darauf abzielen, Gleichgesinnte zu motivieren, sich die Kunst des Bombenbauens anzueignen und selbst mit einfachsten Mitteln Sprengsätze herzustellen, wird im mit „Krieg ist Täuschung“ überschriebenen Leitartikel noch deutlicher. Verfasst hat ihn Nassir al-Wahaishi, kein Geringerer als der derzeitige Anführer der Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel. Bin Ladins früherer Sekretär, der sich den Titel „Emir“ zugelegt hat, schreibt: „Es bedarf weder eines großen Aufwands von deiner Seite noch nennenswerter Geldsummen, um etwa zehn Gramm Sprengstoff herzustellen. Auch ein langes Suchen nach Zutaten erübrigt sich, da diese in Mutters Küche und somit in greifbarer Nähe, egal in welcher Stadt, zu finden sind.“ Damit könne jedem gelingen, was bereits Abu al-Khair – Nom de guerre des saudischen Selbstmordattentäters al-Assiri – vollbracht habe.

Die allerneuesten Geheimnisse aus seiner terroristischen Alchemistenküche verrät der Drahtzieher al-Wahaishi natürlich nicht. Aber er hofft offenbar, bald Sympathisanten rekrutieren zu können, die bereits über Erfahrungen im Bauen von Bomben verfügen. Deshalb werden seine Anweisungen immer präziser. So sollen die islamistischen Kampfgenossen den selbstgebastelten Sprengsatz möglichst mit einem Zeitzünder oder einer Fernsteuerung versehen. Wo ein Sprenggürtel nicht tauge, könne die Sprengladung auch in einem elektronischen Unterhaltungsgerät oder gar in einem – gemeint ist wohl ein digitales – Fotoalbum untergebracht werden.

Neue Gefahren

Die Feinde werden ebenfalls näher bezeichnet. Es sind die „Götzen“, die Nestbeschmutzer sowie die Angehörigen von Regierungen, die den Dschihadisten feindlich gesinnt sind, und vor allem die verhassten „Kreuzfahrer“ aus dem Westen. Vorzugsweise auf den Flughäfen jener westlichen Länder, die sich im Krieg mit den Muslimen befänden, sollten die Bomben gezündet werden. Es wird aber auch eine Reihe anderer Anschlagsziele im Westen empfohlen: Flugzeuge, Wohnsiedlungen, U-Bahnen.

Gleich zwei Ziele aus dieser Liste waren im Visier des verhinderten nigerianischen Selbstmordattentäters Abdulmuttalab, der sich im Jemen aufgehalten und zum dortigen Zweig der Al Qaida Kontakt hatte – ein amerikanisches Flugzeug und der Flughafen von Detroit. Ein nicht minder wichtiges Ziel scheint hier auch die Erprobung eines weiteren neuen Zünders gewesen zu sein, der keinerlei elektrischer oder elektronischer Bauteile bedarf, sondern allein durch die chemische Vermischung mehrerer Stoffe die Detonation auslöst. Ähnliches hatte zwar schon der „Schuhbomber“ Richard Reid 2001 im Sinn, doch er brauchte damals die Kraft des Feuers, um seine Bombe zu zünden; eine Methode – aus heutiger Sicht betrachtet – wie aus der terroristischen Steinzeit. Denn auch wenn der Anschlag des Nigerianers Abdulmuttalab, weshalb auch immer, scheiterte – bei den islamistischen Terroristen scheint das Zeitalter der Chemie längst angebrochen zu sein. Über die neuen Gefahren will man informiert sein, und zwar beizeiten.

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