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Al Qaida Die Lügen der Terroristen

19.12.2008 ·  Der in einem ägyptischen Gefängnis einsitzende Doktor Fadhl, einst rechte Hand der rechten Hand Bin Ladins, publiziert heute Schriften gegen Al Qaida. Sie gewähren Einblick in das manipulative Gebaren innerhalb der Terrorgruppe.

Von Joseph Croitoru
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Die ägyptische Regierung setzt beim Umgang mit inhaftierten radikalen Islamisten seit einigen Jahren auf Dialog. Mit Amnestieangeboten konnten inzwischen viele ehemalige Terroristen zur Unterzeichnung einer Gewaltverzichtserklärung bewegt werden: Sogar die Extremistengruppe „Al-Gamaa al-Islamiya“ distanzierte sich von ihrer Gewaltpolitik und ebnete ihren Mitgliedern damit den Weg für eine Reintegration in die Gesellschaft.

Ein ähnliches Umdenken findet seit etwa einem Jahr auch bei einem der wichtigsten Anführer der ägyptischen Konkurrenzorganisation „Al-Dschihad al-Islami“ statt: Sayyid Imam Abdelaziz al-Scharif, bekannt unter dem nom de guerre „Doktor Fadhl“. Er war lange Zeit enger Weggefährte von Aiman al-Zawahiri, Usama Bin Ladins rechter Hand, und verfasste für die Terrororganisation wichtige Kampfschriften. Mit dem Schreiben hat der 1950 geborene Fadhl auch nicht im im Süden Kairos gelegenen Tora-Gefängnis aufgehört, wo er seit 2004 eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt. Indes zeugte schon die von ihm Ende letzten Jahres publizierte Schrift „Die Kontrolle der Dschihad-Aktivitäten in Ägypten und in der Welt“ von einer radikalen Kehrtwende. Fadhl warf darin der Führung von Al Qaida vor, mit der Tötung zahlreicher Unschuldiger das islamische Religionsgesetz verletzt und die guten Absichten derjenigen missbraucht zu haben, die die Bewegung der Gotteskrieger finanziell unterstützt hatten.

Überraschende Schrift

Fadhls überraschende Schrift erregte in der arabischen Welt großes Aufsehen. Während sie von Intellektuellen und Schriftgelehrten weitgehend begrüßt wurde, stellten vor allem militante Islamisten ihre Authentizität in Frage. Auch Al Qaida reagierte: Aiman al-Zawahiri warf im März dieses Jahres seinem Widersacher Fadhl in einem Pamphlet mit dem emphatischen Titel „Befreiung der Nation der Feder und des Schwerts von der Schande der Schwäche und der Müdigkeit“ vor, ein Kollaborateur der Amerikaner und der „jüdischen Kreuzzügler“ zu sein, und sprach ihm jegliche religiöse Autorität ab. Nun ist Fadhl wieder am Zug. Seine Gegenschrift wurde in den letzten Tagen sowohl in der ägyptischen Zeitung „Al-Masri Al-Youm“ als auch in dem internationalen arabischen Blatt „Al-Sharq Al-Awsat“ auszugsweise abgedruckt. Sie nimmt zu al-Zawahiris Pamphlet direkt Stellung und trägt deshalb den Titel „Bemerkungen zur Entlarvung des Befreiungs-Buches“.

Der Autor weist eingangs die Beschuldigungen des Al-Qaida-Anführers mit Vehemenz zurück, er habe seine Streitschrift über die „Kontrolle der Dschihad-Aktivitäten“ unter Anleitung und mit Finanzierung des amerikanischen Geheimdienstes verfasst: Für diese Behauptung liefere al-Zawahiri keinen Beweis, er sei ein Lügner und ein Verleumder, der deshalb dem Koran zufolge verdiene, dass der Fluch Gottes über ihn komme (Sure 3, Vers 61). Al-Zawahiris Art zu lügen sei im Übrigen keineswegs neu, schreibt Fadhl. Auch Bin Ladin, seinen heutigen Mitstreiter, habe er 1995 zunächst beschuldigt, ein saudischer Geheimagent zu sein, der die Dschihad-Bewegung infiltrieren wolle. Dabei habe der Ägypter selbst mit einem Geheimdienst zusammengearbeitet - mit dem sudanesischen, dem gegenüber er sich verpflichtet hatte, wie al-Zawahiri 1993 Fadhl offenbarte, für eine Geldsumme von hunderttausend Dollar zehn Anschläge in Ägypten zu verüben. Und hintergangen habe er auch seine ägyptischen Terrorgefährten, als er sagte, es müsse bis zum letzten Mann gekämpft werden: Während er diese sinnlos in den Tod und in die Gefängnisse schickte, habe er seine eigene Haut gerettet und sei aus dem Sudan geflohen.

Notorischer Phantast

Dem Autor zufolge hatte al-Zawahiri aber auch dem sudanesischen Geheimdienst eine Lüge aufgetischt, als er vorgab, dass seine Organisation über mehrere tausend militärisch hervorragend ausgebildete Kampfwillige in Ägypten verfüge. „Dabei standen ihm“, korrigiert Fadhl, „nicht mehr als einige Dutzend Männer zur Verfügung. Dieser Legende glaubt man heute in den ägyptischen Gefängnissen immer noch. Da meint der eine Bruder, nur mit Hilfe der Panzerkolonnen al-Zawahiris aus dem Gefängnis zu kommen; und ein anderer lehnt jeglichen Dialog mit dem Staat mit der Begründung ab, al-Zawahiri werde ohnehin bald seine Tausende Kämpfer in Bewegung setzen.“ Entsprechend scheiterte bereits das erste von al-Zawahiri 1993 initiierte Attentat auf den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten Atif Sidqi. Doch während sechs der gefassten und zum Tode verurteilten Täter hingerichtet wurden, habe ihr Anführer nichts Besseres zu tun gehabt, als seine gutgläubigen sudanesischen Geldgeber mit-Abu Lamaa-Witzen zu unterhalten - Abu Lamaa, eine populäre ägyptische Hörspielfigur, gilt als notorischer Phantast.

Trotz aller Brisanz, die Fadhls Schrift birgt, schadet ihr, so der Einwand mehrerer arabischer Kommentatoren, der oft viel zu emotionale Ton des Verfassers, der mit seinem Kontrahenten viele offene Rechnungen habe. Tatsächlich reißt Fadhl hier immer wieder alte Wunden auf, etwa mit der Behauptung, al-Zawahiri habe, um sich selbst zu entlasten, ihn bei Verhören der ägyptischen Staatssicherheit angeschwärzt; oder er wärmt den alten Streit über sein wichtiges Buch zur Dschihad-Lehre wieder auf, das Fadhl unter dem Pseudonym Abdel Qader Bin Abdelaziz in den neunziger Jahren verfasst und das al-Zawahiri inhaltlich entstellt und unter einem anderen Titel publiziert hatte.

Hinterhältige List

Doch bleiben bei weitem nicht alle Ausführungen auf dieser persönlichen Ebene, sondern gewähren immer wieder auch Einblick in das manipulative Gebaren der Al-Qaida-Führung. So etwa habe Bin Ladin, als er nach Afghanistan ging, sich von Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar nicht verbieten lassen wollen, Terroranschläge in den Vereinigten Staaten zu verüben. Um das Verbot seines afghanischen Schutzherrn zu umgehen, habe Bin Ladin seine Rechtsgelehrten gedrängt, eine religionsgesetzliche Rechtfertigung für die von ihm beabsichtigten Attentate gegen das verhasste Amerika zu finden. Sie ersannen das Konzept der „Lokalen Gültigkeit des Emirats“, das Bin Ladin zwar verpflichtete, die Autorität der Taliban in Afghanistan anzuerkennen, ihn gleichzeitig aber von einer solchen Verpflichtung im Ausland indirekt entband. Das sei nichts weiter als eine hinterhältige List, meint Fadhl.

In einer komplexen Argumentation unter Berufung auf verschiedene Koranstellen - etwa Sure 3, Vers 165 - widerlegt der Verfasser die Behauptung der Al Qaida, für das Leid von Muslimen seien Amerikaner und Juden verantwortlich: Die Muslime, dies würde ihnen von den heiligen Schriften des Islam auferlegt, hätten ihre Taten selbst zu verantworten. Beispiele, die der Verfasser für ein verhängnisvolles verantwortungsloses Verhalten anführt, sind etwa palästinensische Kollaborateure, die die israelische Besatzung zu zementieren helfen, oder die Tötung muslimischer Saudis durch Al Qaida. Das Terrornetzwerk habe bislang, so die etwas überspitzt klingende Kritik Fadhls, mehr Muslime getötet, als es Israel seit seiner Gründung getan habe. Der Autor wendet sich auch gegen die von al-Zawahiri verfolgte Strategie, unter Berufung auf den Dschihad den Kampf ins Gebiet des „fernen Feindes“ zu übertragen: Sie sei illegitim, da im Widerspruch zur Koransure 9:123, die Kampfhandlungen nur gegen den angrenzenden „nahen Feind“ erlaube.

Allerdings kann der koranbeflissene Fadhl nicht immer auf die heiligen Schriften zurückgreifen. Und so führt er gegen manche Haarspalterei seines Kontrahenten Logik und den moralischen Zeigefinger ins Feld. Al-Zawahiri habe, rügt Fadhl, um das Zuschadenkommen auch von muslimischen Glaubensangehörigen bei Anschlägen im nichtmuslimischen Ausland zu rechtfertigen, all die Muslime für vogelfrei erklärt, die dort Steuern zahlten; und zwar mit der Begründung, dass sie dadurch den Kampf dieser Staaten gegen die islamische Welt, wie etwa im Irak oder in Afghanistan, unterstützten. Fadhl verwirft diese Argumentation, indem er sie ad absurdum führt: Denn sie käme einem Todesurteil für Abermillionen muslimischer Inder und Russen gleich, weil deren Staaten die muslimische Bevölkerung in Kaschmir beziehungsweise Tschetschenien bekämpfen. Was für Fadhl und viele andere in der islamischen Welt unbegreiflich bleiben mag, scheint für die dschihadistischen Massenmörder längst zum Kampfdogma geworden zu sein - das jüngste Massaker in Mumbai hat dies einmal mehr vor Augen geführt.

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