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Al Gore im Interview : Der Optimismus ist unser Untergang

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Gore: „Wir Amerikaner machen es dem Rest der Welt zu einfach” Bild: AP

Knappes Trinkwasser für zwei Milliarden Menschen, wenn die Gletscher schmelzen: Mit solchen Prognosen schockt Al Gore seine Zuhörer. Seit Anfang Oktober läuft sein Film „Eine unbequeme Wahrheit“ im Kino. Im Interview spricht er über die drohende Klimakatastrophe.

          Schmelzen durch die Erderwärmung die Gletscher des Himalaja ab, wird für zwei Milliarden Menschen das Trinkwasser knapp. Mit solchen Prognosen schockierte Al Gore, der frühere amerikanische Vizepräsident, seine Zuhörer bisher nur in Vorträgen. Doch der Filmproduzent Lawrence Bender bestürmte Gore mit der Idee, einen Dokumentarfilm über dessen Aufklärungskampagne zu drehen.

          Seit Anfang Oktober läuft „Eine unbequeme Wahrheit“, der in den Vereinigten Staaten bislang fast vier Millionen Zuschauer anlockte, auch in deutschen Kinos. Im Film spannt Gore den Bogen vom Verkehrsunfall seines Sohnes zum Unfall, der dem Planeten droht. Bei der Berliner Premiere im Kino „International“ gab es den heftigsten Applaus, als Gore sagte, die amerikanische Politik sei eine „erneuerbare Ressource“.

          Herr Gore, Sie waren eine Weile der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Wie sieht Ihre Berufsbezeichnung heute aus?

          So einfach wie im Jahr 2000 ist es jetzt nicht mehr, ich bin Unternehmer, Aktivist, Schauspieler, Dozent, Privatmann, alles zusammen. Ich habe die Fernsehstation „Current TV“ mitgegründet, die von der Idee her auf Jürgen Habermas und Theodor Adorno zurückgeht. Vierzig Millionen Nutzer gestalten das Programm inzwischen zu einem Drittel selbst. Außerdem habe ich mit einem früheren Vorstandsvorsitzenden von Goldman Sachs eine Investmentfirma gegründet, um langfristiges Denken und Umweltschutz auf den Kapitalmärkten zu verankern. Ich arbeite bei Apple und berate Google, ich lehre in meiner Heimat Tennessee an der Universität. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich aber unterwegs, die Dia-Show über die Gefahren des Treibhauseffekts habe ich in fast tausend Städten gehalten, jetzt kommen die Filmpremieren dazu. Ich will schließlich auch die Deutschen wachrütteln.

          Aber das müssen Sie doch gar nicht. Hier in Deutschland wird Umweltbewußtsein ohnehin großgeschrieben, niemand hat etwas gegen das UN-Klimaschutzabkommen von Kioto . . .

          Widerspruch! Wir Amerikaner machen es dem Rest der Welt zu einfach, sich großartig grün und umweltbewußt zu fühlen. Mit unserer Energieverschwendung und dem Widerstand gegen Kioto haben wir die Hürden niedrig gelegt. Viele, auch Deutschland, springen drüber und loben sich dafür. Aber in keinem Land der Erde tun Politiker und Bevölkerung genug, um eine Klimakatastrophe abzuwenden und die Erde für unsere Kinder und Enkel zu bewahren.

          Wenn man Sie auf dem Bildschirm sieht, stellt man sich automatisch die Frage: Was hätte dieser Mann anders gemacht als George W. Bush?

          Ich hätte mit Sicherheit andere Fehler gemacht! Im Ernst, ich hätte sehr viel ganz anders gemacht, das ist doch klar. Ich wäre nach dem 11. September in Afghanistan einmarschiert. schon um Bin Ladin zu jagen, aber ich wäre nicht in ein Land einmarschiert, das Amerika nicht angegriffen hat und das mit dem 11. September gar nichts zu tun hatte. Ich hätte die Krise genutzt, um Amerika auf ein Ende der Abhängigkeit von Ölimporten einzuschwören. Der Klimaschutz wäre das Grundthema meiner Präsidentschaft geworden. Ich bin überzeugt, daß es sich um die größte Herausforderung handelt, vor der die Menschheit je gestanden hat.

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