22.11.2004 · Taysir Allouni war für die arabischen Fernsehzuschauer „das“ Gesicht des Krieges in Afghanistan. Jetzt steht der Star-Reporter von Al Dschazira unter Terrorverdacht und sitzt in einem Madrider Gefängnis.
Von Souad MekhennetEs war der „Krieg gegen den Terror“, der Taysir Allouni zum Star-Reporter von Al Dschazira machte. Nun ist es derselbe „Krieg“, der seine Karriere als Journalist beenden könnte. Er war für die arabischen Fernsehzuschauer „das“ Gesicht des Krieges in Afghanistan. Tag und Nacht berichtete er aus dem Land, auch als das Büro seines Senders von der amerikanischen Armee bombardiert wurde.
Über die Grenzen der arabischen Welt hinaus bekannt wurde Taysir Allouni schließlich, als der amerikanische Nachrichtensender CNN ein Interview ausstrahlte, das er mit Usama Bin Ladin geführt hatte. Al Dschazira hatte es nicht zeigen wollen, weil Allouni während des Gesprächs nur Fragen stellen durfte, die ihm die Al-Qaida-Führung vorgegeben hatte. Jetzt sitzt der Neunundvierzigjährige in einem Madrider Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, Mitglied in einer terroristischen Vereinigung zu sein.
„Professionelle Arbeit“
Am vergangenen Freitag verkündete der Nachrichtensprecher von Al Dschazira, daß sein Kollege von den spanischen Behörden abermals verhaftet worden sei. Der Sprecher des Senders in Doha, Qatar, erklärte auf der Internetseite des Senders, die Verhaftung sei überraschend gekommen. „Wir sind überzeugt, daß Allouni nicht mehr oder weniger getan hat, als seine Arbeit auf eine professionelle Weise zu tun“, sagte Jihad Ballout.
Allouni war am Donnerstag abend im Büro einer Produktionsfirma verhaftet worden. „Sie haben keinen Grund genannt“, sagt seine Frau Fatima Zohra Hamed al-Lasi im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch dann hätten die Behörden geäußert, daß bei Allouni „Fluchtgefahr“ bestehe. „Wohin hätte er denn fliehen sollen“, sagt die Vierzigjährige, „sein Gesicht ist weltweit bekannt und Spanien darf er nicht mehr verlassen.“ Es habe genug einflußreiche Menschen und Institutionen gegeben, die für ihn bürgten. „Politiker aus aller Welt, Menschenrechtsorganisationen, auch Al Dschazira hatte sich angeboten“, sagt die Spanierin, die aus der spanischen Enklave Ceuta in Marokko stammt.
Schon 2003 verhaftet
Allouni war bereits am 5. September 2003 wegen Terrorverdachts verhaftet worden. Der spanische Ermittlungsrichter Baltasar Garzon hatte Anklage gegen 34 weitere Terrorverdächtige erhoben - darunter auch der Al-Qaida-Führer Bin Ladin selbst. In einer fast siebenhundert Seiten umfassenden Anklageschrift wirft Garzon den Verdächtigen Verwicklung in terroristische Aktivitäten vor, zehn von ihnen werden beschuldigt, an den Bombenanschlägen vom 11. März 2003 in Madrid beteiligt gewesen zu sein. Allouni wird vorgeworfen, seine Reisen als Reporter nach Afghanistan genutzt zu haben, um Kontakt zu Al Qaida zu halten. Wegen eines Herzleidens wurde Allouni nach einem Monat Untersuchungshaft entlassen.
Damals waren die Solidaritätsbekundungen von Al Dschazira noch überwältigend ausgefallen. Stündlich war über die Verhaftung berichtet, stündlich waren Bilder von Allouni als Korrespondent in Afghanistan und im Irak gezeigt worden. Im Sender wurden Buttons verteilt, auf denen stand: „Wir sind alle Taysir Allouni.“ „Es war kein Muß, den Anstecker zu tragen, wir haben es freiwillig getan“, sagt ein Mitarbeiter des Senders im Gespräch mit dieser Zeitung. Erstaunlich war nur, daß Allouni nach seiner Freilassung kaum noch auf dem Sender war. Zwar durfte er Spanien nicht mehr verlassen, doch gab es kaum mehr Berichte, die seine Namenszeile trugen, keine Live-Schaltung, nicht einmal nach den Anschlägen von Madrid.
„Er konnte kaum noch arbeiten“
Zuletzt haben ihm die spanischen Behörden eine Akkreditierung verweigert; Allouni wollte als Reporter von einem Prozeß berichten, der sich gegen einen Helfer der Anschläge vom 11. März in Madrid richtete. „Aktuell konnte er kaum noch arbeiten“, sagt sein Freund Aiman al Zoubeer, „zuletzt hat er an einer Dokumentation über Stierkämpfer gearbeitet.“
Allouni vertraue auf die Fairneß der spanischen Justiz, sagt sein Freund al Zoubeer. „Er glaubt, sie werden im Prozeß feststellen, daß die Übersetzungen seiner abgehörten Telefongespräche falsch sind.“ Doch stützen sich die Anschuldigungen der spanischen Behörden nicht nur auf abgehörte Telefongespräche: So soll Allouni Kontakt zu dem Syrer Imad Eddin Barakat Jarkas alias Abu Dahdah gehabt haben. Abu Dahdah wiederum wird vorgeworfen, er habe Anhänger in afghanische Ausbildungscamps geschickt und die Schleusung von Mudschaheddin in Krisengebiete organisiert. „Bevor mein Mann Journalist war, hat er Abu Dahdah gekannt“, sagt dazu Fatima Zohra Hamed al-Lasi, „die syrische Gemeinde ist nicht besonders groß, man kennt sich untereinander.“ Allouni habe mit Abu Dahdah nicht engeren Kontakt gehegt als andere.
Geldkurier von Al Qaida?
Ein weiterer schwerwiegender Vorwurf lautet, Allouni habe als Geldkurier der Al Qaida fungiert und sei als solcher zwischen Spanien und Afghanistan gependelt. „Er hat selbst erklärt, daß er von verschiedenen Privatpersonen Geld mitgenommen habe“, sagt sein Freund Aiman al Zoubeer, „aber die hatten weder etwas mit Al Qaida zu tun noch mit den Taliban.“ Die Frau Allounis sagt, es gebe Beweise für seine Unschuld, sie lägen seinem Anwalt als auch dem Gericht vor. Ihren Mann hat sie seit der Verhaftung nicht sehen können, sie lebt mit fünf Kindern in der Nähe von Granada, er sitzt in einem Gefängnis in Madrid. Ihr Mann sei herzleidend und müsse wegen einer Depression behandelt werden, sagt sie und hofft auf einen baldigen Prozeß - der die Unschuld ihres Mannes belege.
Nach ihrer Ansicht handelt sich alles um einen Komplott. Bereits dreimal habe der amerikanische Geheimdienst ihren Mann töten wollen, jetzt gehe es darum, seine Karriere und ihn psychisch zu zerstören. Als er aus Afghanistan berichtete, sei das Büro des Senders von den Amerikanern bombardiert worden, ihr Mann habe damals nur wenige Minuten zuvor erst das Haus verlassen. Der zweite Versuch sei im Irak gewesen, als abermals das Büro von Al Dschazira bombardiert wurde, damals starb der jordanische Mitarbeiter des Senders, Tariq Ayoub.
Beim dritten Mal habe sich ihr Mann im Hotel Palestine in Bagdad befunden, als amerikanische Panzer dieses unter Beschuß nahmen: „Sein Zimmer lag neben dem, das angegriffen wurde“, sagt sie. Ihr Mann sei das Gesicht der Kriegsberichterstattung von Al Dschazira gewesen, aus diesem Grund wolle man ihn vernichten: „Das ist ein Krieg auch gegen Al Dschazira.“ Der Sender selbst aber verhält sich erstaunlich passiv. In Doha wartet man wohl auch voller Spannung auf den Prozeß gegen Taysir Allouni.