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Aktivismus Amerika: Wahlkampf als Hausparty

22.07.2004 ·  Demokratie-Disput statt Tupperware-Treffen: Auf Hausparties sehen Tausende Amerikaner den Film "Outfoxed", der die parteiische Berichterstattung von Fox News anprangert. Auch bei den Kozaks in Flagstaff, Arizona.

Von Nina Rehfeld
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Dylan, sechs Monate alter Einwohner des 60.000-Seelen-Städtchens Flagstaff im Norden Arizonas, gluckst fröhlich auf dem Schoß seiner Mutter. "Psst", macht Kate Kozak, denn Dylans Heiterkeit droht eine ernste Veranstaltung im Wohnzimmer zu übertönen: Kate und Rich Kozak sind die Gastgeber einer Hausparty der Organisation MoveOn.org (www.moveon.org).

Dreißig meist fremde Menschen haben sich bei ihnen eingefunden, um Robert Greenwalds Dokumentation "Outfoxed" (Überlistet) zu sehen, welche die parteiische Berichterstattung des Nachrichtensenders Fox News anprangert. Hausinterne Memos offenbaren Richtungsanweisungen von Nachrichtenchef John Moody an die Mitarbeiter ("Machen Sie kein Watergate aus der 9/11-Kommission"), ehemalige Fox-Reporter und Produzenten erzählen, wie sie drangsaliert wurden, ihren Berichten eine konservative Perspektive zu geben. Fernsehausschnitte zeigen Ausfälle von Talkmastern und kaum verhüllte Meinungsmache der Nachrichtensprecher und Interviewer.

Demokratie-Disput statt Tupperware-Treffen

3192 selbstorganisierte "Outfoxed"-Hausparties hat MoveOn.org am vergangenen Wochenende in den Vereinigten Staaten koordiniert. Über den MoveOn-Newsletter wurden Mitglieder aufgerufen, Greenwalds DVD für zehn Dollar zu kaufen und in einer privaten Vorführung zugänglich zu machen. Interessenten konnten sich per Eingabe der Postleitzahl Hausparties in ihrer Nähe anzeigen lassen und sich dort anmelden. Greenwalds Film, entstanden für 300.000 Dollar mit Hilfe freiwilliger Medienbeobachter und finanzieller Unterstützung von MoveOn, will nicht weniger, als einen Medienkonzern vom Sockel stoßen. Ziel sind massenhafte Unterschriften für eine Beschwerde bei der Handelsbehörde FTC, um dem Sender den Slogan "fair and balanced" als unlautere Werbung zu untersagen.

Die Gäste der Kozaks haben Kuchen und Kekse, Bier und Cola mitgebracht und zum Teil ihr eigenes politisches Programm: Chris Bowie, 21, ist freiwilliger Helfer der Kerry-Kampagne und wirbt Mitarbeiter. Aber nicht jeder hier ist Kerry-Fan. "Ich glaube nicht, daß er viel anders ist als Bush", sagt Greg Nix. "Wahrscheinlich haben dir die Nachrichtenmedien dieses Bild vermittelt", kontert Chris. Prompt hebt in der Küche eine politische Diskussion an. Was den einen ein Tupperware-Treffen, ist den Gästen hier der Disput über die Demokratie.

Der Gegenschlag: "Michael Moore Hates America"

Selbstorganisierte Treffen, Digitalvideo-Dokumentationen und das Internet sind die Instrumente eines neuerwachten Polit-Aktivismus, mit dem Demokraten wie Republikaner versuchen, das apathische Wahlvolk wachzurütteln. Die Organisation Moveamericaforward.com (www.moveamericaforward.com) trug mit landesweiten Boykottaufrufen maßgeblich zur Kontroverse um Michael Moores Film "Fahrenheit 9/11" bei, der bislang 93 Millionen Dollar einspielte. Im Internet holt derweil ein junger Hobbyfilmer namens Mike Wilson mit "Michael Moore Hates America" zum Gegenschlag aus. Howard Dean, vormals demokratischer Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur, koordinierte über eine Website namens meetup.org Tausende Treffen zum politischen Meinungsaustausch, bevor er gegen John Kerry ausschied.

Auch MoveOn.org hat sich der "Rückeroberung der Demokratie" verschrieben. Gegründet wurde das Forum im September 1998 von den Berkeleyer Computerunternehmern Joan Blades und Wes Boyd. Damals verfaßte das Ehepaar eine Online-Petition, die den in der Lewinsky-Affäre aufgehenden Kongreß drängte, Clinton zu rügen und sich wichtigeren politischen Themen zuzuwenden.

Bisweilen übers Ziel hinausgeschossen

Heute zählt MoveOn.org nach eigenen Angaben 2,3 Millionen Mitglieder und organisiert über das Internet die Repolitisierung entfremdeter Bürger: Mit einer Essaysammlung von MoveOn-Aktivisten namens "50 Ways to Love Your Country" stellte die Organisation eine Gebrauchsanleitung zu politischem Aktivismus zusammen, sie rief zur Erstellung von Anti-Bush-Spots auf (www.bushin30seconds.org) und sammelt Unterschriften für politische Petitionen - zuletzt gegen einen Zusatzartikel zur Verfassung, der das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehen bannen soll. Jenny Backus, eine Strategin der Demokratischen Partei, sagt, die Mitglieder von MoveOn seien inzwischen "zum Rückgrat der Demokratischen Partei" geworden.

Der Verein, hinter dem solvente Förderer wie der Unternehmer George Soros und Fürsprecher wie Al Gore und Jessica Lange stehen, sieht sich als "Katalysator für eine neue, basisdemokratische Form politischer Mitwirkung". Hausparty-Gast Ron Brewster, der mit Ehefrau Karla und Sohn Aaron kam, sagt, er sei vorher nie politisch aktiv gewesen. "Aber jetzt unterschreiben wir Petitionen und haben das Gefühl, unsere politische Stimme wiedergefunden zu haben." Bisweilen schießt der Verein über das erklärte Ziel hinaus, Bush aus dem Amt zu wählen. So nahm MoveOn erst nach Protesten einen Anti-Bush-Werbespot aus dem Netz, der Adolf Hitler und die Zeile zeigt: "Was 1945 Kriegsverbrechen waren, ist 2003 Außenpolitik." Auch einen zweiten Werbefilm - er untertitelt eine Hitler-Rede zur "Wiedererstarkung" Deutschlands mit Bushs Worten, Gott habe ihm die Schläge gegen Saddam und Al Qaida befohlen - mußte der Gründer der Initiative, Wes Boyd, flugs von der Website entfernen.

Meinungsaustausch als erbitterter Kampf

Nach der Filmvorführung loggen die Kozaks sich und ihre Gäste in eine Online-Konferenzschaltung der Veranstalter ein. Robert Greenwald spricht Grußworte aus Los Angeles ("Laßt uns eine Debatte über die Medien beginnen!"), der Komiker und Fox-Gegner Al Franken wird aus New York zugeschaltet. Plötzlich hackt sich ein christlicher Sender in die Audiokonferenz, um sie zu stören. Meinungsaustausch wird in den Vereinigten Staaten, zumal im Wahljahr, als erbitterter Kampf geführt, die Kontrahenten schenken sich nichts, der Fox-Korrespondent Brian Wilson nannte MoveOn eine "ultraliberale Aktionsgruppe".

Unterdessen ist in Flagstaff im Wohnzimmer eine Debatte über mögliche Maßnahmen gegen Fox ausgebrochen. Abschalten, liberale Sender stärken, Beschwerden an Sponsoren und Programmacher richten, lauten die Vorschläge. Quellen für Sponsoren-Listen werden ausgetauscht. Dann ist MoveOn wieder auf Sendung. So ausbalanciert, wie man das Programm von Fox gerne sähe, ist allerdings auch der Kritiker-Film "Outfoxed" nicht. Robert Greenwald - der seinen Film mit dem Slogan bewirbt "Die Kommunisten hatten die Prawda, die Konservativen haben Fox" - geht seine Botschaft über alles, wertfreie Berichterstattung ist seine Sache nicht. Viele der Fox-Sendeschnipsel sind grob aus dem Zusammenhang gerissen, die Quellen bleiben teils anonym, Vertreter des Senders kommen nicht zu Wort. Zudem gibt es auch Memos aus dem Hause Fox, denen zufolge Reden von Bush und Kerry gleiche Sendezeit einzuräumen sei. Sie kommen im Film nicht vor.

Eine vollständige Liste der Fox-Memos findet sich - wenn schon, denn schon - im Internet unter einer Adresse, die mit MoveOn nichts zu tun hat: www.wonkette.com/archives/fox-news-memos-the-whole-batch-017613.php. "Ich will keinen liberalen Gegenpart zu Fox", sagt Hausparty-Gast Jessica Pope schließlich. "Ich möchte einen unabhängigen Nachrichtensender, der akkurat, sauber und tendenzfrei berichtet." Nicht einigen konnten sich die Gäste der Party, ob es sich wenigstens bei CNN um einen solchen handelt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2004, Nr. 168 / Seite 36
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