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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Akten zur Wiedervereinigung Nationalismus, n'est-ce pas?

02.10.2009 ·  Margaret Thatcher trieb ihre Diplomaten mit Deutschlandskepsis zur Verzweiflung und Helmut Kohl zum Sarkasmus: Das britische Außenministerium hat seine Akten zur Wiedervereinigung frühzeitig veröffentlicht. Eine fesselnde Dokumentesammlung.

Von Gina Thomas, London
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In der Regel unterliegen britische Regierungsdokumente der sogenannten Dreißigjahresregel, so dass sich der Staub legen kann, bevor sie zur Einsicht freigegeben werden. Das macht die Veröffentlichung des aufschlussreichen Schriftverkehrs der britischen Diplomatie zur deutschen Vereinigung umso bemerkenswerter. Im Regierungsapparat wird zwar mit beamtenhafter Logik differenziert zwischen Veröffentlichung und Freigabe. Aber das sind semantische Feinheiten. Der dicke, bei Routledge erschienene Band „German Unification 1989-90“ macht das Material allgemein zugänglich. Er ist ein Ableger der sehr viel umfangreicheren Akten zu Berlin im Kalten Krieg, die im Rahmen der von Historikern des Foreign Office nach und nach herausgegebenen Dokumentensammlungen erschienen sind.

Angesichts der immer noch frischen Erinnerungen an Margaret Thatchers Widerstände gegen den deutschen Einheitsprozess kommt dem Sonderband besondere Aufmerksamkeit zu, zumal sich im Anhang das berühmt gewordene Resümee jenes Seminars zur deutschen Geschichte vom März 1990 findet, zu dem die Premierministerin Historiker auf ihren Landsitz Chequers gebeten hatte. Dieses Dokument rief mit seiner als klischeehaft empfundenen Charakterisierung des deutschen Wesens Wogen der Empörung hervor, als sein Inhalt wenig später an die Öffentlichkeit durchsickerte. Strenggenommen gehört diese Begebenheit nicht in eine Sammlung von Foreign-Office-Dokumenten, da sie in Downing Street initiiert wurde von Margaret Thatchers außenpolitischem Sekretär Charles Powell, der die Premierministerin umstimmen wollte. Aber sie trug zu der allgemeinen, im britischen Außenministerium und anderswo vielfach beklagten Wahrnehmung bei, dass Großbritannien die deutsche Vereinigung wenn nicht zu verhindern, so doch zu verzögern suchte.

Prozess der Persönlichkeiten

Es drängt sich denn auch der Verdacht auf, dass mit der vorzeitigen Veröffentlichung der Akten eine nachträgliche Rechtfertigung des Außenministeriums beabsichtigt wird, das, wie diese Papiere ein ums andere Mal zeigen, mitunter am Starrsinn der Premierministerin verzweifelte. Ihre öffentlichen Interventionen zwischen dem Mauerfall und jenem Punkt Anfang 1990, als sie erkannte, dass der Einheitsprozess nicht mehr zu stoppen war, hätten die Wirkung der positiven Einstellung anderer Regierungsmitglieder geschmälert, beklagte Christopher Mallaby, der Botschafter in Bonn, wenige Tage nach dem Vollzug der Vereinigung am 3. Oktober. Die deutsche Aufmerksamkeit richte sich hauptsächlich auf die Ansichten der Premierministerin, deren argwöhnische Einstellung zur Vereinigung von führenden deutschen Politikern übelgenommen werde, fuhr er fort. Dabei gehe „Großbritanniens hilfreiche Rolle in den Zwei-plus-vier-Gesprächen unter, nicht zuletzt, weil die Einzelheiten nicht publik sind“, hielt Mallaby in seiner Bilanz vom 11. Oktober 1990 fest.

Dieser Missstand wird durch den jetzt vorliegenden Band korrigiert, früher, als Mallaby und alle anderen Beteiligten es wohl je gedacht hätten. Sonst wären ihre Ausführungen womöglich auch anders ausgefallen. Die Schriftwechsel dokumentieren nicht nur die gravierenden Bedenken der Premierministerin, die daraus folgende Kluft zwischen Downing Street und dem Foreign Office und die Ärgernisse über Alleingänge Kohls, der, wie die Premierministerin dem französischen Präsidenten Mitterrand erläuterte, keine Vorstellungen habe von den Empfindlichkeiten anderer in Europa. „Er scheint vergessen zu haben, dass die Teilung Deutschlands die Folge eines Krieges ist, den Deutschland angefangen hatte.“

Plastisch tritt in diesen Dokumenten hervor, wie stark der Prozess geprägt war von den Persönlichkeiten der Protagonisten. Das betrifft auf der obersten Ebene besonders die Beziehungen Margaret Thatchers zu Gorbatschow, Mitterrand und Kohl, gilt aber auch für die weniger prominenten Figuren, deren unterschiedliche Sichtweise zutage tritt, sei es in der Berichterstattung der britischen Botschaften in Ost-Berlin und Bonn, sei es den Protokollen der Beamten in Whitehall.

Kohl: schwerfällig-frotzelnd

Die resoluten Aktennotizen von Margaret Thatchers außenpolitischem Privatsekretär Charles Powell zeichnen ein lebendiges Bild der Gespräche mit Präsident Mitterrand, der die Bedenken der britischen Premierministerin gegen die deutsche Einheit schmeichlerisch bekräftigt, sich aber dann mit den Deutschen arrangiert, sobald er merkt, dass der Zug abgefahren ist. Bei einem Mittagessen im Elysée-Palast am 20. Januar 1990 stellt der französische Präsident fest, die plötzliche Aussicht auf die Vereinigung habe den Deutschen „eine Art mentalen Schock“ versetzt und sie wieder in jene „bösen“ Deutschen verwandelt, die sie einmal gewesen seien. Europa sei noch nicht reif für die deutsche Wiedervereinigung, erklärte Mitterrand. Wegen ihrer engen Freundschaft und der Tradition des gemeinsamen Vorgehens der beiden Länder, brüstete sich der Präsident gegenüber der Premierministerin, werde er ihr anvertrauen, wie unverblümt er sich Kohl und Genscher gegenüber geäußert habe.

In Washington hatte er allerdings kurz zuvor einen anderen Eindruck von seiner Beziehung zu Margaret Thatcher hinterlassen. Eine Notiz des britischen Nato-Botschafters Michael Alexander vom 18. September 1989 verrät, dass Mitterrand seine Irritation über Frau Thatcher dem amerikanischen Präsidenten Bush mitgeteilt hatte. Diesem bereitete die britische Premierministerin Unbehagen wegen ihrer abschätzigen Bemerkungen über die Deutschen. Ob es denn einen Weg gebe, wie der Präsident ihr das womöglich im Gespräch unter vier Augen mitteilen könne, ließ Bush durch Robert D. Blackwill fragen, der die Vereinigten Staaten später bei den Zwei-plus-vier-Verhandlungen vertreten sollte. Kohl spreche von Margaret Thatcher lediglich als „dieser Frau“, berichtete Alexander an seinen Vorgesetzten Patrick Wright, den Leiter des diplomatischen Dienstes.

Mit seiner etwas schwerfällig-frotzelnden Art hatte der Bundeskanzler zweifellos eine weniger glückliche Hand als Mitterrand, der Virtuose der Charme-Offensive, oder der ähnlich galante Gorbatschow. Der sowjetische Präsident empfing die britische Premierministerin im Juni 1990 mit der schöntuenden Bemerkung, die Begegnungen mit ihr seien immer so angenehm, weil sie nicht mit großem Gefolge auftrete und somit intimere Gespräche möglich seien. Kohl dagegen hänselt sie nach einem Besuch an Churchills Grab: „Der Unterschied zwischen Ihnen und mir, Margaret, ist, dass Sie Churchill vor der Züricher Rede sind und ich Churchill danach bin.“ In Zürich hatte der vormalige Kriegspremier 1946 seine berühmte Rede über die europäische Einigung gehalten.

„Ich sollte das lieber wissen“

Das erstaunliche Scherzwort ist nicht etwa über die Adressatin in die britischen Akten gelangt. Kohl erzählte dem britischen Außenminister Hurd bei einer Unterredung in Bonn am 7. Februar 1990 von seinem Bonmot. In diesem Gespräch wurde Hurd von Kohl gefragt, ob er sich nicht öfter direkt an ihn wenden könne. In einer schroffen Notiz von Powell an die Premierministerin heißt es dazu: „Ich halte das nicht für sehr befriedigend. Sie sind zuständig, und Kohl muss mit Ihnen umgehen.“ Die Premierministerin stimmte aus vollem Herzen zu.

Überhaupt gehören solche Randbemerkungen zu den fesselnden Elementen dieser Dokumentensammlung. Am 10. November etwa berichtete Wright, die Premierministerin sei „entsetzt“ gewesen, zu sehen, wie der Bundestag sich nach der Öffnung der Mauer erhob, um „Deutschland über alles“ zu singen. Hurd notierte: „Ist der Text nicht verändert worden? Ich sollte das lieber wissen.“ Wenige Tage später erhielt sein Privatsekretär Haydns Partitur mit dem Text von Hoffmann von Fallersleben und dem Hinweis, dass die erste Strophe 1952 durch die dritte ersetzt worden war.

Als Mallaby seine Überlegungen über eine deutsch-deutsche Konföderation unterbreitete, schrieb Powell an den Rand: „Immerhin haben wir ihn von der Wiedervereinigung abgebracht!“ Zuvor hatte Margaret Thatcher verärgert festgestellt, der Botschafter scheine die Vereinigung gutzuheißen. Nach einem Treffen mit Horst Teltschik, seinem Gegenüber im Kanzleramt, im Februar 1990 beschrieb Powell die „berauschte Stimmung“ in Bonn. „Nach Jahrzehnten der nüchternen und vorsichtigen Diplomatie, der Anpassung an die Entscheidungen anderer“, säßen die Deutschen jetzt am Steuer wie Toad, die dünkelhafte Kröte aus dem Kinderroman „Der Wind in den Weiden“.

Der altmodische Stil des Foreign Office

„Die deutsche Stunde hat geschlagen: Sie werden ihr Schicksal bestimmen.“ Dazu Margaret Thatcher am Rand: „Nationalismus, n'est-ce pas?“ Einige Zeilen tiefer geht Powell auf Kohls Ärger über die britische Vorgehensweise ein. Sie wirke auf ihn wie der Versuch, die Flutwelle aufzuhalten, die ihn zum ersten Kanzler eines frisch vereinten Deutschland emportragen werde, einer künftigen Weltmacht. Diesmal merkt Frau Thatcher an: „Gewaltiger Nationalismus“. Und am Schluss, wenn Powell berichtet, dass die Briten wissen müssten, wie Deutschland zur Nato, zu den Helsinki-Abkommen, den Viermächterechten und der Europäischen Gemeinschaft stehe, bevor sie die Vereinigung geschehen lassen dürften, kommentiert die Premierministerin: „Wir haben wieder einmal recht, und Kohl nimmt uns übel, dass seine Taktiken durchschaut worden sind.“

Margaret Thatchers Abneigung gegen die deutsche Einheit war atavistisch, hatte aber auch sachliche Gründe: ihre Sorge um die prekäre Position Gorbatschows, auf den sie persönlich so viel gesetzt hatte, Befürchtungen wegen der Auswirkungen auf die Sicherheits- und Europa-Politik und wegen der Oder-Neiße-Grenze. Die meisten britischen Politiker und Beamten frustrierte diese Haltung. Sie erkannten, dass „wir das Problem beträchtlich erschweren, wenn wir es mit einer antagonistischen Einstellung angehen“, wie Nigel Broomfield, britischer Botschafter in Ost-Berlin, warnte.

Im Nachhinein allerdings wirkt das Chequers-Seminar längst nicht so anstößig, wie es damals empfunden wurde. Vielmehr zeugt es von einer Bereitschaft Margaret Thatchers, sich mit den tieferen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, wie sie unter anderem durch ihre in Charles Powells Gesprächsgrundlage für die geladenen Historiker eingeflossene Bemerkung belegt wird: „Während die Geschichte früher weitgehend bestimmt wurde von Persönlichkeiten und dem Ehrgeiz der Herrschenden, scheint mir, dass sie in Zukunft eher durch den Charakter der Menschen entschieden werden wird. Nichtsdestoweniger ist die Lehre der letzten zwei Jahre, dass weder Charakter noch Stolz durch Unterdrückung erstickt wurden.“ Zuletzt ist anzumerken, dass viele der Depeschen in ihrer Mischung aus Ironie, Scharfsinn, Bildung, Humor und Sachlichkeit von jenem altmodischen Stil des Foreign Office geprägt sind, der im Zeitalter der elektronischen Verbindungen zusehends verlorengeht. Hätte die Einheit zehn Jahre später stattgefunden, würden diese Dokumente schon ganz anders aussehen.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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