12.05.2003 · Die Berliner Akademie der Künste besetzt ihre Spitze mit einem internationaI renommierten Schriftsteller. "Ich glaube nicht, daß wir Schriftsteller der Gesellschaft etwas Gutes tun können", erklärte der einflußreiche Schweizer Autor.
Von Jürg AltweggIch glaube nicht, daß wir Schriftsteller der Gesellschaft etwas Gutes tun können", erklärte der nach Frisch und Dürrenmatt bekannteste und politisch einflußreichste Schweizer Dichter auf dem Höhepunkt der heftigen Auseinandersetzungen um das Verhalten des Landes im Zweiten Weltkrieg. Adolf Muschg hatte ihn als Kind erlebt. Die akademische Karriere - Abitur mit Griechisch und Latein, Studium in Zürich und Cambridge - führte ihn auf den begehrten Lehrstuhl der Eidgenössischen Technischen Hochschule für Deutsche Literatur. Sein großes Thema war "Literatur als Therapie". Muschg kandidierte für die zweite Kammer des Parlaments und beteiligte sich am Versuch einer Totalrevision der Verfassung.
Parallel zur Beschäftigung mit Germanistik und Politik entstand ein umfassendes literarisches Werk. Mit dem Erstling "Im Sommer des Hasen" schaffte der Dreißigjährige den Durchbruch. Zum sechzigsten Geburtstag schrieb Muschg den tausend Seiten starken Parzifal-Roman "Der Rotte Ritter" und verlieh dem Stoff autobiographische Züge: "Es gab einen Bruch in meinem Leben. Trennung von meiner Frau, Trennung von meinen Kindern." Und eine Mutter wie die Gralsjungfrau habe er selber gehabt: "Es kann nur wahnsinnig schiefgehen - ich kenne die Bestimmung, ein Art Erlöser zu werden. An der existentiellen Bruchstelle wurde Muschg, den seine Eltern Adolf getauft hatten, von einer ganz anderen Geschichte eingeholt: jener der Schweiz.
Längst hatte er den Eindruck gewonnen, daß sich das Land, das er mitgestalten wollte, nur unter dem Druck von außen verändern würde. So kam es. Erst als es um Geld ging, reagierte die Schweiz. Wenn der Begriff des Intellektuellen als moralische Instanz und geistiges Gewissen der Nation eine Bedeutung haben kann, darf man ihn auf Muschgs heilsames Wirken in der Vergangenheitsdebatte anwenden. Als er die Ohnmacht der Intellektuellen in der Gesellschaft beklagte, hatte er ihr gerade unermeßliche Dienste erwiesen - um einen hohen Preis. Von den Gegnern wurde er als Verräter, von vielen Gesinnungsfreunden als Pharisäer beschimpft. In all diesen schwierigen Jahren war Muschg überdies literarisch weniger produktiv. Hartnäckig verfolgt ihn das Vorurteil, seine frühe Prosa sei besser als alles, was er später geschrieben habe.
Die Regie bei den Protestveranstaltungen für den Zürcher Schauspielhauschef Christoph Marthaler im vorigen Jahr war nicht seine beste Rolle. Als Muschg eine Rede über die Globalisierung hielt, fühlte sich die "Weltwoche" in einer "Gemeinde von Einverstandenen". Zwischen Muschg und der Schweiz ist ein von Banalisierung und Entfremdung geprägtes Verhältnis eingetreten, gleichwohl hat Muschg, der 1934 bei Zürich geboren wurde, vor kurzem seinen "Nachlaß zu Lebzeiten" - die Manuskripte, Korrespondenz, persönliche Dokumente - dem Schweizerischen Literaturarchiv anvertraut. Langfristig scheint der Dichter, der in Japan einen weiteren Lebensmittelpunkt fand, seinen Abschied von der Schweiz geplant zu haben. In Berlin wird der neue Präsident der Akademie der Künste die Politik seines Vorgängers György Konrad weiterverfolgen und ein offenes europäisches Haus führen.