16.11.2011 · Kunstmarkt, Steuern, Komplexitätsreduktion und eine Begegnung im Park: Welche Erkenntnis uns der Fall Ai Weiwei über China gibt.
Von Mark Siemons, PekingWer dieser Tage in einem Pekinger Park spaziert, muss damit rechnen, plötzlich auf Ai Weiwei zu treffen - im Auge des Taifuns eine ruhige, schwerfällige Gestalt in weiter Freizeitkleidung. Dass die Parks die einzig erträglichen Orte für ihn sind, seitdem er die Stadt nicht verlassen darf, hatte er in einem Artikel für „Newsweek“ geschrieben. Aber jetzt scheint es ihm besserzugehen als noch vor Wochen. In das fragende, etwas unsichere Blinzeln, das zuletzt an ihm so auffiel, mischt sich etwas Munteres, Aufmunterndes. Die vielen Geldzuweisungen von Landsleuten, die den Vorwurf der Steuerhinterziehung für vorgeschoben halten, haben ihn gerührt; er zeigt eine SMS von jemandem, der dankbar ist für alles, was er getan hat, und ihn unbedingt sehen will.
Dann summt sein hellgrünes iPhone, ein Reporter vom „Wall Street Journal“ ist dran und will ein paar Zitate zur jüngsten Entwicklung haben. Auch hier, mitten im fast menschenleeren Grünen, laufen bei Ai Weiwei kontinuierlich die Medienströme zusammen, sie sind wie ein Lebenselixier. Gleichzeitig flachst er mit einem jungen Mann, der mit Frau und Baby vorbeikommt und ihn anspricht: „Du siehst irgendwie wie ein Künstler aus, den ich schon mal gesehen habe.“
Am vergangenen Dienstag hat Ai 8,25 Millionen Yuan auf das Konto des Pekinger Steueramts eingezahlt. Es ist die Summe der Forderungen aus Steuernachzahlungen und Verzugsgebühren, die die Steuerbehörden von ihm verlangt hatten; das Strafgeld ist darin nicht enthalten. Er hat das Geld aus den Spenden, nicht aus dem eigenen Vermögen aufgebracht, und es soll kein Schuldeingeständnis sein, sondern die notwendige Zahlung, um den Steuerbescheid anzufechten zu können. Aber insgesamt hat Ai wenig Hoffnung, dass solche vom chinesischen Gesetz eigentlich vorgesehenen Maßnahmen Erfolg haben können. Im Park sagt er, ihm sei mitgeteilt worden, man könne ihn notfalls auch wegen Pornographie oder Untergrabung der Staatsgewalt drankriegen. Inwiefern ist also Geld überhaupt das Thema?
Auf der Ebene des Geldes ließe sich der Fall Ai Weiwei, wie er sich seit der bis heute ungeklärten Verhaftung des Künstlers am 3. April entwickelt hat, als ein Strategiekampf betrachten, der weniger mit Worten und Ideen als mit ganz materialistischen Einsätzen operiert. Die Verhaftung und die darauf folgende massive Kritik im Westen ließen den Marktwert von Ai-Weiwei-Werken in die Höhe schnellen. Und die Preise stiegen im gleichen Maße, wie die chinesische Repression Ais Systemkritik, die zugleich das eigene System, also den globalen Kunstmarkt, unberührt lässt, beglaubigte.
Nach der durch Auflagen beschwerten Freilassung des Künstlers machte der chinesische Staat folgerichtig das Geld selbst zum Thema und gab als Grund seiner polizeilichen Maßnahmen den Vorwurf der Steuerhinterziehung an. Viele Leute in China und, außerhalb des Hauptstroms der veröffentlichten Meinung, auch im Westen hielten diese Anschuldigung für plausibel, da ja, wie man munkelt, überhaupt alle chinesischen Künstler ihre Geschäfte an der Steuer vorbei betrieben. Egal, ob Ai zahlt oder nicht zahlt - nun schien er sich ins Unrecht zu setzen und die Repression implizit zu rechtfertigen.
Die Unterstützungskampagne, die Ai daraufhin anzettelte, war daher im Kern keine Geldbeschaffungsmaßnahme, sondern eine Demonstration, dass eine nicht unbedeutende Zahl von Chinesen den Steuervorwurf aus eigener Erfahrung heraus für vorgeschobene Infamie hält und sich diese Überzeugung einiges Geld und Risiko kosten lässt. Dadurch ist Ai durch das Geldthema wieder in die Offensive gegangen. Wie oft zuvor strebt der Künstler einen Prozess an, der für Öffentlichkeit, Recht und Transparenz exemplarisch sein soll, diesmal jedoch in eigener Sache.
Ein Aktivist von Human Rights Watch empfiehlt unterdessen, Ai Weiwei solle doch einfach seinen Steuerbescheid einrahmen und von einem reichen Sammler kaufen lassen, dann hätte er mehr als genug Geld, um alle seine Schulden zu begleichen. Doch der witzige Einfall verkennt, dass das Geld zurzeit nicht dem Künstler Ai Weiwei nutzt, sondern nur dem Kunstbetrieb, der an ihm verdient.
Daneben vollzieht sich das Ringen Chinas um seine Zukunft. Man könnte nicht ohne Grund behaupten, dass die westliche Öffentlichkeit an den Einzelheiten dieses Ringens nicht besonders interessiert ist und an Ai Weiwei vielmehr die Symbolfigur schätzt, die es ihr erlaubt, Komplexität zu reduzieren und dennoch auf der moralisch und politisch jedenfalls richtigen Seite zu stehen. Bis heute ist nicht geklärt, wer Ai Weiwei festgenommen hat, ob die Verhaftung auf Veranlassung des Politbüros der Partei geschah, wie man es bei einem so prominenten Dissidenten für sicher hielt, ob das Machtstreben führender Sicherheitsfunktionäre dahinter stand oder ob da eine Polizeidienststelle eigenmächtig handelte, worauf zuletzt einige Indizien hindeuteten.
In der westlichen Öffentlichkeit stand einfach der chinesische „Staat“ dahinter, und weil Außenminister Westerwelle gerade eine Aufklärungsausstellung in Peking eröffnet hatte, bezog man die Verhaftung auch noch darauf und zog die Schlussfolgerung, bei Kulturdialogen nicht mehr mit dem chinesischen Kulturministerium zusammenarbeiten zu sollen. Die Rolle der Kommunistischen Partei wird immer noch unterschätzt und bisweilen sogar mit Institutionen des Staats oder der Regierung verwechselt.
Man könnte einwenden, solche Subtilitäten seien nur etwas für sinologische Feinschmecker. Doch wenn man sich nicht auf die Position stellt, bevor das System als Ganzes verschwunden sei, über China gar nicht reden zu wollen, kommt es für die, die im Land selbst aus China einen transparenteren, demokratischeren und rechtsstaatlicheren Ort machen wollen, sehr wohl auf solche Feinheiten und ihre zutreffende Einschätzung an.
Sogar Ai Weiwei selbst, der schärfer als die meisten anderen Regimekritiker formuliert, hat immer auch mit einzelnen Personen und Organisationen von Partei und Staat zusammengearbeitet, beim Pekinger Olympiastadion ebenso wie bei dem Städtebauprojekt Ordos in der Mongolei, mit dem Staatsfernsehen CCTV nicht anders als kürzlich noch mit der Parteizeitung „Global Times“ - und dies nicht aus Opportunismus, sondern aus dem einfachen Grund, dass es in China einen anderen öffentlichen Raum nicht gibt, in dem sich wirken ließe (selbst beim Mikrobloggen nicht).
Manche Kritiker von Simplifizierungen schütten nun aber das Kind mit dem Bade aus und projizieren ihr Unbehagen auf Ai Weiwei selbst, versuchen ihn auch im Westen ästhetisch und moralisch zu diskreditieren. Er sei in Wirklichkeit ja gar kein guter Künstler, sagt der in Amerika arbeitende Kurator Hou Hanru, er sei ja wegen seiner Förderung durch Schweizer Galeristen und Kuratoren in Wirklichkeit ein „Schweizer Markenprodukt“, schreibt die Berliner Galeristin Zhu Ling, er mache es vor, wie man Steuern hinterziehe, indem man sich als Freiheitskämpfer stilisiere, schreibt einer im Internet. Geht es also letztlich doch ums Geld?
Wenn der Fall Ai Weiwei jedoch Fragen aufwirft, dann sind es Systemfragen. An erster Stelle an das System der legalen Grauzonen. Viele Gesetze stehen in China nur auf dem Papier; da oft eben keine staatlichen Institutionen, sondern einzelne, von der Partei gedeckte Personen das Sagen haben, sind illegale, aber offiziell geduldete Verhaltensweisen weit verbreitet, vor allem auf dem weiten Feld der „Korruption“. Da kaum jemand völlig sauber ist, kann bei politischem Bedarf deshalb auch meist etwas gefunden werden. Über den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe gegen Ai Weiwei sagt das natürlich nichts. Solange die Behörden nicht bereit sind, ihre Beschuldigungen zu belegen und die von ihnen beschlagnahmten Papiere transparent zu machen, kann nichts anderes als die Unschuldsvermutung gelten.
Es geht auch um das System eines Kunstmarkts, der einer plakativen Moral als Marke umso mehr zu bedürfen scheint, als er sich in immer schwindelerregendere spekulative Selbstbezüglichkeiten hineinsteigert. Und schließlich um das System Ai Weiwei selbst, dessen außergewöhnliches Vermögen, sowohl mit Chinesen als auch mit Westlern zu kommunizieren, keine Diffamierung verdient, im Gegenteil. In gewisser Weise repräsentiert Ai gerade mit seinem Verlangen und seiner Fähigkeit zur kosmopolitischen Offenheit einen Wunsch vieler Chinesen in den letzten Jahrzehnten - zumal aus ihm kein kulturpolitisches Neutrum spricht, sondern jemand, der radikal zu seiner Subjektivität steht und gar nicht beansprucht, irgendein Ganzes abzubilden.
Dieser prononcierte Verteidiger von Recht und Öffentlichkeit nimmt dem westlichen Beobachter die Erkenntnis Chinas nicht ab, sondern fordert sie im Gegenteil ein.
Galeristen URS MEILE und AI-Groß-Sammler (Ex-Botschafter) Ueli
SIGG
Werner Hahn (wernerhahn)
- 18.11.2011, 19:57 Uhr
Thema getroffen!
Achim Detjen (AchimD)
- 18.11.2011, 11:57 Uhr