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Ai Weiwei Die verlorene Stadt

31.08.2011 ·  Ai Weiwei hat seinen ersten längeren nach der Haft veröffentlichten Text der Stadt Peking gewidmet. In ihm erhellen sich die eigenen Schreckenserfahrungen und die Wahrnehmung der Stadt auf virtuose Weise wechselseitig.

Von Mark Siemons
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Peking ist das Thema des ersten längeren Textes, den Ai Weiwei nach seiner Haft veröffentlicht hat – aber eigentlich und fast gar nicht verhüllt handelt der auf der Webseite von „Newsweek“ erschienene Artikel von dem Ort, an dem der Künstler einundachtzig Tage lang festgehalten wurde. „Meine Prüfung ließ mich verstehen, dass es in dieser Fabrik viele verborgene Stellen gibt, zu denen sie Leute ohne Identität bringen können. Mit keinem Namen, nur einer Nummer . . . Das entscheidende Merkmal dieser Räume ist, dass sie völlig von deinem Gedächtnis und von allem, mit dem du vertraut bist, abgeschnitten sind. Du bist in totaler Isolation.“

Die Beschreibung Pekings als einer „Stadt der Gewalt“, in der sich keiner um den anderen kümmert und die Schwächsten, die Wanderarbeiter, ihrer Verzweiflung überlassen sind, während die Starken an ihnen verdienen, geht nahezu unvermittelt in diese Schilderungen der eigenen Haft über. Es ist, als gehe es um ein und denselben Ort: einen Ort der völligen Beziehungslosigkeit, an dem die Dinge und die Menschen selbst jede Erinnerung, jedes Eigen-Sein verloren haben.

„Sie verweigern uns grundlegende Rechte

„Diese Stadt“, schreibt Ai Weiwei gegen Ende, „hat nichts mit anderen Menschen, mit Gebäuden oder Straßen zu tun, sondern mit deiner mentalen Struktur.“ Es ist ohne Zweifel ein eminent literarischer Text, in dem sich die eigene Schreckenserfahrung und die Wahrnehmung der Stadt auf virtuose Weise wechselseitig erhellen. Doch seine Wucht erhält er dadurch, dass diese „Albtraum“-Stadt keine vage existenzielle Metapher bleibt, sondern ein nur zu realer Ort, dessen Herrscher von Ai Weiwei direkt angesprochen werden: „Sie verweigern uns grundlegende Rechte.“

Vor kurzem wurden in einem Zeitungsartikel Stimmen anonym bleibender Funktionäre weitergegeben, dass Ai Weiweis Verhaftung keinem ausgekügelten Plan höchster Stellen gehorcht habe, sondern der Eigenmächtigkeit lokaler Polizeibehörden, die den ständigen Problemfall endlich aus der Welt schaffen wollten. Wenn das tatsächlich so wäre, würde es Ais Sicht auf eine verlorene Stadt, in der keiner weiß, was der andere tut, auf eine geradezu unheimliche Weise entsprechen. Es wäre dann nur zu hoffen, dass diese Behörden, wie immer unkoordiniert sie auch handeln mögen, den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen. Ai erwähnt, dass ihm sogar beim Spazieren im Park alle raten, entweder auszuwandern oder geduldig zu sein, und schließt dann an: „Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.“ Ein in seiner Ratlosigkeit so dringlicher, riskanter und notwendiger Text ist im Internet schon lange nicht mehr aufgetaucht.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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