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Ai Wei Weis erstes Pop-Album : Darum brechen die Bullen die Tür auf

Gefangenschaft und Diktatur haben ihn geprägt. Nun verarbeitet Ai Wei Wei seine Erfahrungen in der Musik Bild: AP

Verletzlich: Der chinesische Künstler Ai Weiwei veröffentlicht seine erste Pop-Platte. Melodie und Rhythmus spiegeln die Erfahrungen von Gefangenschaft und Unterdrückung wider.

          Es quietscht, es krächzt, und dann versucht eine unsichere Stimme, den Ton zu halten, erfolglos. Es ist die Stimme von Ai Weiwei. Gleich mit den ersten Klängen seines an diesem Samstag herauskommenden Albums „The Divine Comedy“ (unter anderem bei iTunes oder unter aiweiwei.com) ist der Ton angeschlagen, den die ganze Platte prägt: eine aus kalkuliert dreckigen Geräuschen und sphärischen Instrumentalfetzen zusammengesetzte Melancholie. Das ist der Ton des Komponisten des Albums, Zuoxiao Zuzhou, eines der bekanntesten Rockmusikers Chinas und langjährigen Freunds des Künstlers.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Musikalisch ähnelt Ais Göttliche Komödie stark den bisherigen Platten Zuoxiao Zuzhous, dessen an jeglicher Harmonie knapp vorbeischrammende Gesänge mal mit denen eines Straßenhändlers, mal mit Lou Reed und Tom Waits verglichen wurden (während er sich selbst vor allem von Jim Morrison und Franz Kafka inspiriert fühlt). „Zuoxiao Zuzhou ist kein furchtloser rachsüchtiger Krieger auf dem Schlachtfeld der Moderne“, hatte einmal ein Kritiker über den immer nur mit Hut auftretenden Musiker mit den sarkastischen Texten geschrieben: „Er ist eher ein schwermütiger verrückter Hund.“

          Repressionserfahrung in die Musik gelegt

          Hinzu kommt nun also die Stimme Ai Weiweis. Sie strahlt gegenüber der vorab veröffentlichten Videoclip-Auskopplung „Dumbass“ (F.A.Z. vom 27. Mai) und deren wütendem Trotz auf den restlichen fünf Stücken etwas Neues aus: Verletzlichkeit. Während sie auf „Dumbass“ in der autorisierten englischen Übersetzung noch wetterte: „Fuck forgiveness, tolerance be damned, to hell with manners, the low-life’s invincible“, zittert diese Stimme auf dem Eingangsstück „Just Climb the Wall“ jetzt: „Kind, wenn du morgen aufwachst, werde ich dort auf dich warten.“

          Beide Tonlagen bedingen einander. Das Thema der sechs Stücke ist die Erfahrung, wie es ist, wenn einem die Gewalt eines übermächtigen Staats auf den Leib rückt. Es ist dann offenbar so, dass das ohnmächtige Gefühl der Nacktheit und Verwundbarkeit immer wieder umschlägt in Wut und umgekehrt. „Warum brechen die Bullen die Tür auf?“, heißt es in „Laoma Tihua“: „Um zu sehen, ob du ein Mensch bist“.

          Die Melodie der Klaustrophobie

          Das Bestechende dieses Albums ist, dass seine dräuend klaustrophobische Atmosphäre diese Erfahrung wiedergeben kann und ihm damit der Nachweis gelingt: Ja, da ist ein Mensch. Fünf der sechs Stücke bestehen aus Zwiegesprächen (mit Polizisten, mit einem Kind, mit sich selbst), die auf reale Situationen zurückgehen: der Observation Ai Weiweis in einem Pekinger Park, seinem Aufenthalt in Chengdu, als er von Polizisten lebensgefährlich geschlagen wurde - Zuoxiao Zuzhou hatte schon die Musik zu dem Dokumentarfilm geschrieben, den Ai Weiwei seinerzeit darüber gemacht hatte -, und seiner monatelangen Verhaftung.

          Ein letztes Stück ist eine mit Zuoxiao Zuzhou gesungene Hymne, die den chinesischen Machthabern entgegenruft: „Das Gestern gehört euch, das Heute gehört euch, aber das Morgen wird euch nicht gehören.“

          Eine unerwartete Pointe des Albums bekommt in diesen Tagen, lange nach seiner Produktion, besondere Schärfe: Eines von zwei Stücken, die sich auf die Flucht des blinden Bürgerrechtlers Chen Guangcheng in die amerikanische Botschaft in Peking beziehen, trägt den Titel „Hotel USA“, und dort heißt es in einer Anspielung auf die damalige Außenministerin Hillary Clinton: „Ein Kuhjunge blieb für eine Nacht, und die Madam trieb Handel mit ihm gegen Geld... Lalalala, das Business ist zum Geldmachen da.“ Amerika erscheint in dieser Göttlichen Komödie als Fluchtweg aus der Hölle, der aber zugleich in Verdacht steht, nur eine ihrer Unterabteilungen zu sein.

          In der britischen Zeitung „Guardian“ hat Ai Weiwei Amerika vergangene Woche wegen seines Prism-Programms scharf kritisiert: „Der Missbrauch der Staatsmacht widerspricht völlig dem, was ich unter einer zivilisierten Gesellschaft verstehe.“ Man muss die Hoffnungen, die viele Chinesen und auch Ai Weiwei auf Amerika setzten, bedenken, um zu ermessen, was das bedeutet. Im Eingangsstück des neuen Albums heißt es: „Wenn dieses Hotel zusammenstürzt, werden sogar die Sterne vom Himmel fallen“.

          Quelle: F.A.Z.

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