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Afghanistan Hinter Gittern vergessen in Kabul

06.04.2003 ·  Es reicht, vor einer Zwangsehe davonzulaufen. Oder vor einem prügelden Ehemann: Dafür landen Frauen in Afghanistan im Gefängnis. Jetzt setzt sich eine deutsche Ärztin für sie ein.

Von Bettina Böttinger
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Was kann man schon erwarten von einem Gefängnis im zerstörten Kabul, wo die Spuren der Einschüsse von Maschinengewehren oder von Bombeneinschlägen jedes zweite Wohnhaus zeichnen. Wo selbst Schulen keine Fensterscheiben mehr haben. Wo der Strom allenfalls stundenweise zur Verfügung steht und Wasser immer noch Mangelware ist. Das Frauengefängnis stellt eine Steigerung dieser Zustände dar: ein Gelände mitten im Zentrum, umgeben wie überall auf der Welt von hohen Mauern, recht weitläufig. Da vorne, erläutert der Fahrer, ist der Männertrakt, hier rechts im eingeschossigen grauen Gebäude sitzen die Frauen ein. Fensterlos zur Straße hin, düster, heruntergekommen. Die Dächer machen den Eindruck, als könnten sie jeden Moment einstürzen.

Eine Wärterin erspäht uns durch das Guckloch in der schweren Holztür. Die Tür geht auf, und schon empfängt uns eine kleine Gruppe von vier weiblichen Häftlingen, die ein bißchen aufgekratzt wirken und uns verlegen kichernd begrüßen. Jung sind sie, um die Zwanzig vielleicht. Innerhalb des Traktes können sich die Frauen frei bewegen. Sie freuen sich über Besuch, über ein bißchen Abwechslung und vor allem über Rachel Wareham, die im Auftrag der Frauenrechtsorganisation "medica mondiale" seit mehr als einem Jahr regelmäßig kommt und Gespräche mit den Frauen führt.

In der ersten Zelle, etwa zehn Quadratmeter groß, stehen vier Eisenbetten. Die Wände sind angeschimmelt und verströmen einen muffigen Geruch, der sich mit dem einer Suppe in einem alten Blechtopf mischt. Auf einem Elektrokocher wird für alle gekocht. Aus der Wand ragen zwei nackte Elektrodrähte, an die der Kocher angeklemmt ist. 16 Frauen sind hier inhaftiert, die jüngste ist 13, die älteste um die 40 Jahre alt. Mit ihnen leben hier sechs Kinder und drei Babys.

Warum sie hier sei, frage ich eine junge Frau, höchstens zwanzig, die ihr Baby im Arm hält. Sie wisse es nicht genau, antwortet sie sehr leise. Ihr erster Mann habe sich von ihr scheiden lassen. Dann habe ein anderer sie in sein Haus geholt. Und dann sei die Polizei gekommen und habe sie der Bigamie beschuldigt. Seit über neun Monaten sitze sie jetzt ein - nein, wie es weitergehen wird, wisse sie nicht. Zur Geburt sei sie in ein Kabuler Krankenhaus eingeliefert worden, es sei ihr erstes Kind, ein Junge. Aber sie könne ihn nicht mehr stillen, sie sei einfach zu schwach. Rachel habe ihr neulich Geld gegeben, damit sie für das Baby etwas zu essen organisieren könne. Ein Verfahren habe es noch nicht gegeben, Besuch bekomme sie nicht. Nicht mal von ihren Eltern, die sich wohl schämten für sie.

Rachel Wareham hat einen großen Karton mitgebracht, Geschenke aus Deutschland. Für die Frauen kleine Seifenstücke und Cremes, für die Kinder Anziehsachen. Vieles, mit dem deutsche Eltern ihre Kleinen einmal schick ausstaffiert haben. Die Gefängnis-Mütter schicken ihre Kleinen nacheinander vor. Rachel hält ihnen das eine oder andere Teil geduldig hin, sie dürfen selbst wählen. Und so läuft plötzlich ein kleines afghanisches Mädchen stolz in einer blau-weiß gestreiften Osh-Kosh-Latzhose durch das Kabuler Frauengefängnis.

Gegen die allermeisten der Frauen hier liegen keine schriftlichen Anklagen vor. Sie haben sich nicht im strafrechtlichen Sinne schuldig gemacht, sondern gegen die öffentliche Ordnung, besser gesagt, Moral, verstoßen. Sie haben die althergebrachten Gesetze nach der Scharia nicht geachtet, besonders hinsichtlich ihres sexuellen Verhaltens. Eines Sexualverbrechens macht sich eine afghanische Frau schon dann schuldig, wenn sie beispielsweise vor einer Zwangsheirat davonläuft. Wie Nilop, die in der Nebenzelle ganz allein auf ihrem Bett hockt und völlig verängstigt wirkt. Als wir hereinkommen, duckt sie sich und zieht die Decke bis zum Kinn hoch. Sie sei 17, erläutert die Wärterin. Was sie verbrochen habe? Sie habe sich geweigert, diesen 40 Jahre älteren Nachbarn zu heiraten. Sei einfach weggelaufen. Aber ihre Eltern hätten sie eingefangen und zur Strafe zur Polizei gebracht.

Drei Zellen weiter, und wir stehen im sogenannten Waschraum. Ohne Installationen, nur mit einem Loch im Boden. Mehr als ein halbes Jahr lang gab es kein Wasser, bis Soldaten der deutschen Isaf im vergangenen Herbst den Brunnen im Hof repariert haben, aus dem sich die Frauen das Wasser mit Eimern holen. Es ist kalt in dem Gebäude, und weil es am Tag vorher geregnet hat und das Dach an etlichen Stellen undicht ist, ist der Boden voller Pfützen.

Über die Situation im Gefängnis, über die einzelnen Schicksale der einsitzenden Frauen, hat die Hilfsorganisation nun einen 30 Seiten umfassenden Bericht vorgelegt. Damit will man Druck ausüben, sowohl auf das Justiz- wie auf das Frauenministerium, und das Dasein dieser Vergessenen einer internationalen Öffentlichkeit bekanntmachen. Fälle wie der von Malia, die von ihrem Ehemann über Jahre schwer mißhandelt wurde. Als er sie dann noch aus dem Haus warf, verbrachte sie eine Nacht im Haus ihres Onkels. Ihr Mann brachte sie mit dem Vorwurf des Ehebruchs ins Gefängnis.

Mit Rechtsstaatlichkeit haben die Anschuldigungen nicht das geringste zu tun, sagt die in Köln lebende Gynäkologin Monika Hauser, die "medica mondiale" vor genau zehn Jahren gegründet hat. Damals ging sie, aufgewühlt durch die Medienberichte über Massenvergewaltigungen, nach Bosnien und baute ein Gesundheits- und Therapiezentrum für Frauen auf. Später nahm der Verein die Arbeit im Kosovo auf, vor gut einem Jahr wurde das Engagement in Afghanistan ins Leben gerufen. Das Hauptanliegen ist es, Frauen, die im Krieg traumatisiert wurden, zu helfen und sich für deren Rechte einzusetzen.

Monika Hauser ist zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate selbst in Kabul und stellt nach den medizinischen Untersuchungen im Gefängnis fest, daß zwei junge Frauen nicht in der Lage sind, ihre Säuglinge zu stillen - sie sind unterernährt. Die Gefängnisinsassinnen sollen aber auch rechtlich unterstützt werden. "Die meisten Frauen hier sind Analphabetinnen und haben keine Ahnung, welche Rechte ihnen zustehen. Wir stehen in den zuständigen Ministerien ständig auf der Matte."

Druck gemacht werden soll zum Beispiel für Fatma, die als einzige wegen Mordes einsitzt. Sie gibt zu, ihren Vergewaltiger getötet zu haben. Als ihr elfjähriger Sohn zum Einkaufen unterwegs war, kam ihr Cousin über die Mauer geklettert und vergewaltigte die Witwe. Seine Familie stellte seine Schuld nicht in Frage, war sogar bereit, ein paar Schafe als Wiedergutmachung zu geben. Fatma war das nicht genug. Nach eigenen Worten wollte sie ihn für das, was er ihr angetan hat, "zeichnen". Als er das nächste Mal in ihr Haus kam, schüttete sie ihm heißes Fett ins Gesicht. Der Mann erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Sein Vater verklagte sie wegen Mordes und fordert die Todesstrafe. Fatma, ganz in Schwarz gekleidet, erzählt ruhig und sachlich den Hergang der Tat. Und setzt mit fester Stimme nach: "Ich wollte ihn nicht töten. Aber wenn er gestorben ist, dann war es Allahs Wille."

Ihr Bruder versucht nun, seine Schwester mit viel Geld freizukaufen. Durchaus keine unübliche Methode, um die Richter milde zu stimmen. Ob die Frau damit in Sicherheit wäre, ist eine andere Frage. Als im vergangenen Jahr eine Amnestie erlassen wurde und auch einige von Justizberatern vorgeschlagene Frauen freikamen, wurde eine von ihnen von ihrer eigenen Familie getötet. Zur Verantwortung gezogen wurde niemand. Wo kein Kläger, da keine Klage.

Das Wechselspiel zwischen althergebrachten Bräuchen und geschriebenen Gesetzen ist sehr vielschichtig. Die Einführung rechtsstaatlicher Grundsätze ist schon allein deshalb schwierig, weil die gültigen Gesetzestexte kaum verbreitet und damit weithin unbekannt sind. Moralische Streitpunkte und religiöse Verurteilungen sind vielen Richtern ohnehin wichtiger als schriftlich fixierte Gesetze. Zwar wird zum Beispiel die traditionelle Form, einen Streit beizulegen, bei der sich ein des Mordes Angeklagter von der Familie des Opfers durch die "Gabe" eines Mädchens freikauft, offiziell verurteilt. Aber selbst Anwälte in der Hauptstadt Kabul räumen ein, daß sie derartige Formen der Strafbeilegung akzeptieren.

Andere, geschriebene Gesetze, daß beispielsweise eine Frau 18 Jahre alt sein muß, um verheiratet zu werden, werden nicht durchgesetzt. Selbst wenn es sich um die Zwangsverheiratung neunjähriger Mädchen handelt, werden solche Gesetzesbrüche in diesem strikt patriarchalischen Land nicht verfolgt. Die humanitäre Hilfe sei nur eine Aspekt, sagt Monika Hauser. In diesem Land herrsche immer noch eine so weit verbreitete Verachtung von Frauen, daß ihnen ohne radikale gesellschaftliche Veränderungen auf Dauer nicht zu helfen sei.

Bettina Böttinger ist Moderatorin der WDR-Talkshow „B. trifft“. Gerade ist sie von ihrer zweiten Afghanistan-Reise zurückgekehrt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.04.2003, Nr. 14 / Seite 60
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